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Latein!!

Von tastifix Donnerstag 27.08.2020, 12:28 – geändert Donnerstag 27.08.2020, 12:32

"Es wird Zeit, mir Luft zu machen!"

Vor langer Zeit war auch ich ein Schulkind. Auf die Volksschule folgte das Lyzeum, was dann mein Schicksal besiegelte. Die höhere Schule zeigte sich mir gegenüber in den beiden ersten Jahren nur von ihrer aller besten Seite. So marschierte ich stolz mit meinen Versetzungszeugnis in die Quarta nach Hause und strahlte übers ganze Gesicht. Es blieb für die nachfolgenden fünf Jahre das letzte Mal.

Eines Tages verrieten uns nämlich die netten Lehrer, dass wir ab dann uns nicht nur mit den alten Römern beschäftigen würden, sondern auch mit deren Sprache. Die war ebenso alt und galt als praktisch tot. Und doch übt ja alles Neue für einen begrenzte Dauer einen gewissen Reiz aus und so stürzte ich mich voller Neugierde und gutem Willen auf die Vokabeln und paukte. Ja, ich ertappte mich dabei, dass ich auf jedes neue Wort den Schülerknigge missachtend ungeheuer stolz war und es bei jeder sich bietenden Gelegenheit bzw. eher öfteren Ungelegenheiten in die Gespräche einbaute.

Rief meine Mutter mich zu sich, antwortete ich:
„Domina servam vocat!“ (Die Herrin ruft die Sklavin!)
Zu meinem Glück hatte sie Humor.
Zankten mein Bruder und ich uns wie die Rohrspatzen, schrie ich ihn an:
„Tu es asinus!“ (Du bist ein Esel!)
Er war darob platt.
Hatte mein Vater stundenlang versucht, mir eine Matheaufgabe näher zu bringen und ich verstand sie trotzdem nicht, murmelte ich zur Entschuldigung:
„Errare humanum est!“ (Irren ist menschlich!)
Seine Reaktion...war auch menschlich.

Dann kam der Tag, an dem ich ein grünes Reclamheft kaufte. Ein recht dickes Reclamheft war es. Und gleich die passende Erläuterungslektüre noch dazu, die in ihrem Umfang diesem später ach so geliebten Heft in nichts nach stand. Mit diesem Kauf startete das Übel, das mir dann noch drei lange Jahre auf den Fersen blieb.

Längst schon hatte ich es aufgegeben, mit vor Stolz geschwellter Brust zu deklinieren oder gar zu konjugieren:
„Laudare, laudo ... Die Konjugationsform ´Ego laudatur`(ich werde gelobt!) brauchte ich ab nicht mehr lange im Gedächtnis zu speichern, denn gelobt wurde ich dann immer seltener. Ich hatte ja voller Neugierde und guten Willens in dem Heft geblättert. Aber nach nur zwei Seiten schwand bereits die Neugierde, wich dem Erstaunen und gab dann endgültig dem schieren Entsetzen Raum, das sich als ein wahrer Meister in Selbstbehauptung erwies.

Fremdsprachenlehrer lieben Übersetzungen. Lateinlehrer leider nicht minder. Zunächst führten sie uns vorsichtig - den Herzinfarkt sollten wir ja möglichst erst nach Beendigung des gesamten Lateinpensums erleiden - an Hand kurzer Sätze in die Kunst ein, einer toten Sprache Leben einzuhauchen. Hauchen war der richtige Ausdruck, denn genau das taten wir nach kurzer Zeit nur noch, weil die einstmals so sympathisch kurzen Sätze zu Bandwurmmonstern heran gewachsen waren. Oh, welch ein Schreck: Die hatten auch noch einen Namen und nannten sich tatsächlich ´Caesar`!
Der führte Kriege, baute Brücken auf und wieder ab und das in Sätzen, die fast eine ganze Seite des Lehrbuches ausmachten.
„Lieber Herr Caesar. Wäre es denn nicht auch kürzer gegangen, weil Sie doch damals alles ruckzuck  kurz und klein schlugen?“

Dann nahte das Grauen pur. Wir armen Schüler hatten jene Bandwürmer zu übersetzen. Weil aber abgesehen von unserem Klassenstreber alle nur noch Bahnhof verstanden, verstand wahrscheinlich infolge der von uns mittlerweile gehasste Caesar keines seiner einstigen klugen Worte mehr und erst recht nicht seine Kriegsaktionen.

Auch ich, deutsches Kind der Neuzeit, präsentierte dem armen Kerl eine völlig neue, nach meinem Gutdünken zusammen fabulierte Historie, zählte auf seine Weisheit, es zu bewerkstelligen, jenes Sammelsurium von Unmöglichkeit und Unlogik irgendwie vor seinen Anhängern (ja, die soll es auch heute noch geben!) glaubhaft zu rechtfertigen. Unsere Lehrer rauften sich die Haare, gedachten der ihnen noch blühenden Pflicht, uns mit einem weiteren Herrn der Geschichte vertraut zu machen, nämlich Ovid und ergrauten bei dem Gedanken daran vorsichtshalber schon im Voraus.

Als ich dessen Gedichte erblickte, streikte ich, weil mir erstens meine Lehrer und erst recht ich mir selber zu leid tat, als dass ich ihnen und somit denn mir deren Übersetzung auf meiner Art zugemutet hätte.
Nein, dazu hatte ich die Pauker von damals denn doch zu lieb!

Wie es weiterging, erspare ich besser meinen Lesern!!

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