Kriegsende!
Von ehemaliges Mitglied Samstag 21.07.2018, 18:27 – geändert Samstag 21.07.2018, 18:34
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Dies ist eine Geschichte, die sich im April 1945 in Cleversulzbach (heute ist das ein Stadtteil von Neuenstadt) Kreis Heilbronn zugetragen hat.
Meine Schwester hat sie mir immer wieder erzählt und ich möchte diese Geschichte heute als
Kurzgeschichte hier erzählen.
Meine Mutter und ihre drei Kinder,
meine Brüder Rüdiger, Udo und meine Schwester Helge (Helge ist ein Jungenname, aber meine Mutter schwärmte zu der Zeit, als Helge geboren wurde, für den schwedischen Tenor Helge Rosvaenge)
waren während des 2. Weltkrieges bei meinen Großeltern in Cleversulzbach in deren Haus und dem Bauernhof untergebracht. Die Möbel der Familie waren in Stuttgart eingelagert. Von meinem Vater war nichts bekannt, nur, dass er von den Nazis an die Ostfront wegen Wehrkraftzersetzung versetzt wurde.
Er wurde zweimal seines Amtes als Bürgermeister enthoben, einmal, weil er ein uneheliches Kind war und man ihm unterstellte, er wäre jüdischer Abstammung, was sich hinterher nicht bewahrheitet hat und ein weiteres Mal als Bürgermeister einer Stadt, als er merkte, wohin das alles führte.
Zu Lesen in den jeweiligen Jahrbüchern dieser Städte.
Meine Mutter wußte nicht, wo mein Vater sich befand. Das war aber zu dieser Zeit in vielen Familien so.
Den ganzen Krieg über war die SS in Cleversulzbach in der Scheune meiner Großmutter untergebracht, hier haben die Soldaten geschlafen und dort gab es auch ein großes Munitionsdepot.
Die untere Wohnung im Haus wurde von einem Feldwebel und einem Offizier namens Erdmann bewohnt und dort wurde auch gekocht.
Lebensmittel gab es im Keller nebenan. Meine Schwester Helge erzählte mir immer, dass sie mit meinem Bruder Udo dort immer Bonbons und Schokolade bekommen haben.
Dieser Feldwebel war wohl ein ganz schlimmer Nazi. Meine Mutter weinte immer und dem Feldwebel wurde es wohl mal zu dumm, dass er meine Mutter anfuhr und
schrie: "wenn du jetzt nicht aufhörst zu heulen, dann sorge ich dafür, dass du einen Grund zum heulen hast!"
Fortan war meine Mutter still, zum Offizier Erdmann hatte sie aber ein gutes Verhältnis und zum Essen gab es für die Kinder auch so manches was gut und lecker war.
Dann im April 1945 waren die Amerikaner schon in Neuenstadt und standen schon oben auf dem Berg in der Nachbargemeinde Gochsen. Die SS-Mannschaft deponierten die Geschütze vor der Scheune und wollten gegen die Amerikaner Widerstand leisten und das Munitionsdepot sprengen.
Mein Großvater, der damals auch Bürgermeister von Cleversulzbach war (das kann man im 750 Jahr Buch der Gemeinde nachlesen) ging hinüber zu den Soldaten der SS und verhandelte mit ihnen.
Die Familie wartete unterdessen voller Angst auf den Großvater, denn hier so mutig zu sein und den SS-Soldaten zu erzählen, dass der Krieg doch verloren war, das war schon nicht ganz ungefährlich.
Frau K. eine Nachbarin hat diese Aussage ein paar Tage vorher mit dem Leben bezahlt, sie wurde vom Feldwebel an einem Baum aufgehängt.
Banges Warten, doch dann zogen die Soldaten ab, ließen aber die ganze Munition in der Scheune. Was mit den Soldaten, dem Feldwebel und dem Offizier Feldmann geschehen ist, wissen wir nicht.
Hätten die Soldaten das Munitionsdepot gesprengt, wäre nicht mehr viel von Cleversulzbach übrig geblieben.
Am nächsten Tag zog mein Großvater mit einigen Leuten von Cleversulzbach mit weißen Leintüchern gen Neuenstadt und begrüßten die Amerikaner.
Als die Amerikaner in Cleversulzbach einmarschierten, flatterten überall aus den Häusern weiße Leintücher.
Im Juli 1945 kam mein Vater zurück.
Er wurde nach seiner Amtsenthebung zuerst in eine Schreibstube nach Ulm versetzt, dort hat er aber immer gegen den Führer gewettert und seine Aussage:
"seht, das hat unser Führer verbrochen!", wurde ihm zum Verhängnis. Er wurde dann im Berliner Gefängnis Moabit auf das Schlimmste gefoltert, nach Stalingrad versetzt und von dort konnte er aber fliehen, wurde gefasst und zum Tode durch Erschießen verurteilt. Bis 1945 saß er in der Torgauer Festung Fort Zinna und wurde durch die Rote Armee befreit.
Von Torgau ging er zu Fuß, fuhr mit Auto, Lastwagen und Zug nach Cleversulzbach um dort im Juli 1945 einzutreffen. Meine Familie war dort gerade beim Himbeermarmelade einkochen, als er total schmutzig und verlaust dort eingetroffen ist. Meine Mutter hat meinen Vater fast nicht erkannt.
Ja, noch mehr ein anderes Mal. Mein Vater hat nie über seine Erlebnisse gesprochen, viel hat er wohl auch verdrängt.
Aber er hat mich über diese Zeit mehr als aufgeklärt und heute bin ich froh, dass ich soviel über das 3. Reich weiß.
Es ist schade, dass die Leute über diese Zeit immer weniger wissen und es bald keine Zeitzeugen mehr gibt.
Ich fühle mich nicht schuldig, aber ich kann immer wieder nur aufklären und warnen auch in der jetzigen Zeit, wo eine Partei wieder versucht, sich breit zu machen. Vieles erinnert mich auch an die Geschichte der Weimarer Republik.
Seid wachsam!
Ich wollte noch mehr wissen und habe mir viele viele Entnazifizierungsakten im Staatsarchiv in Ludwigsburg angesehen. Da gab es einige Herrschaften, die ich als Lehrer von mir im Gymnasium gefunden habe.
Nun ist es ja bekannt, dass nach dem Krieg viele Nazis als Richter, als Lehrer usw. wieder eine Anstellung gefunden haben.
So war ja auch der Berater eines Herrn Adenauer,
Hans Josef Maria Globke
Verwaltungsjurist im preußischen und im Reichsinnenministerium sowie Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassegesetze in der Zeit des Nationalsozialismus.
Akten von bestimmten Personen kann man immer einsehen, wenn sie 30 Jahre tot sind. Das ist in den jeweiligen Staatsarchiven der Bundesländer möglich.
Das Bild zeigt meine Eltern 1928 bei ihrer Hochzeit in Cleversulzbach.
neben der Braut meine Großeltern und neben dem Bräutigam die Großmutter meines Vaters. Ich habe sie nie kennengelernt.
Die Großmutter meines Vaters hat ihn auch aufgezogen, weil seine leibliche Mutter nie etwas von ihm hat wissen wollen.
Darüber hat er Zeit seines Leben nachgedacht. Nun ist mein Vater schon lange tot. Vielleicht hat er sich inzwischen in einem anderen Leben mit seiner Mutter versöhnt.
Meine Eltern bekamen noch
drei Kinder
1942
Ingold 1946 - 1948 gestorben
und mich als Nesthäkchen
Eva-Maria 1949
warum ich diesen Namen bekam, das ist eine andere Geschichte.