Kino
Von
CeeBee
Donnerstag 25.10.2018, 20:07
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CeeBee
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In der einen Hand halte ich meinen Anorak, mit der anderen, zwischen den Fingern noch das abgerissene Billett, klappe ich den mir zugewiesene Sitz herunter, setzte mich, lege die Jacke über die Knie und während ich meine Kinokarte in die Hosentasche stecke, lasse ich den Kinosaal und alles darin auf mich herab. Licht, Decke, Leinwand, Leute, und die Bilder rechts und links an der Wand sind genehm! Gelassen und entspannt bin ich. Der Hauptfilm läuft noch nicht, die Beleuchtung hält die gesamte Szenerie weiterhin in eine Art frühabendlicher Dämmerung und das Publikum gibt sich noch murmelig, hi und da lachend, dem Schwätzen und Herumalbern hin. Ich freue mich sehr auf den heutigen Abend und warte mit großem Appetit auf eine fesselnde Unterhaltung! Sich mal etwas Gutes tun war meine Absicht, etwas, das ablenkt und vereinnahmender ist als das tägliche, sich wiederholende Einerlei.
Mein Rundumblick durch den Saal endet auf dem Nachbarplatz neben mir. Hier sitzt eine riesengroße, dunkelblau zerknautschte Jeans der Marke "Was geht ab, Mann". Eine von der Art, die man nicht am Hintern trägt, sondern ganz lässig zwischen den Knien. Auf den ersten Blick ist nicht auszumachen wie viel Leute in diesem Beinkleid stecken. Aber von irgendwo her ragt ein langer tätowierter Arm heraus, mit einer riesigen Pratze vorne dran, die hin und wieder in einen vielleicht zwanzig Liter großen, weißen Plastikeimer voller Popcorn hineinfährt. Jeder Schaufelhieb in den hochfliegenden Puffmais bringt mindestens ein Kilo Superknuspercrunch zum Vorschein, das mit einigen Streuverlusten irgendwo mitten in einem Gesicht verschwindet.
Mein Sitznachbar richtet das Wort an mich: "Mmmpffhhllmmrrmpfffssshhhmpfff".
"Wie bitte?" will ich abklären, begreife aber sofort, die Antwort auf meine Frage lautet wahrscheinlich wiederum popcornzerkauendererweise "Mmmpffhhllmmrrmpfffssshhhmpfff". So schweige ich, lächle freundlich und nicke nur zustimmend mit dem Kopf, als ob ich verstanden hätte. Ich nehme an, es war ein freundlicher Willkommensgruß, der etwa hätte lauten können: "Guten Abend, ich hoffe wir können uns heute auf ein genüssliches Kinoerlebnis einrichten. Ich habe den Film schon dreimal gesehen und werde Ihnen im Laufe der Vorstellung an den entscheidenden Stellen ein paar Erläuterungen zur Handlung geben". Na, schönen Dank! Was mir dann doch viel lieber gewesen wäre, es hätte sich vielleicht genauso gut nur um einen kurzen, harmlosen Zuruf gehandelt. So übersetze ich den üppigen Schwall lückenlos aneinandergereihter Konsonanten für mich einfach in: "Tach!" oder vielleicht auch in: "Na?".
Während sich um meine Füße, wie bei leichtem Schneefall, ein weißer Teppich, in diesem Falle nicht von zarten Eiskristallen, sondern von rieselndem Popcorn, verbreitet und mittlerweile etwa bis zu meinen Knöcheln aufgeschichtet liegt, gebiert die dunkelblaue Jeans, kurz nach jener Eingangsunterhaltung, ein zweites Leben. Ahnte ich es doch! Mit leisen, undeutlichen Piepslauten taucht aus dem Schatten meines Nachbarn ein hübsches Mädchengesicht auf, das mich kurz anschaut und lächelt. Blond und blauäugig, wie ein Reh!
"Mmmpffhhllmmrrmpfffssshhhmpfff", sagt der Klotz am Popcorneimer zu dem Mädel und nach ein paar raschen Handbewegungen verschwindet alsbald das elfengleiche Antlitz wieder im Halbdunkel.
Jenes scheue Wesen, die Freundin, so möchte ich vermuten, hat ihrem mampfenden Kerl neben sich eine Cola in die Hand gedrückt. Oha! In Sekundenbruchteilen stellen sich bei mir meine, von mir so oft erlebten ad-hoc Befürchtungen hinsichtlich eines aufkommenden Unglücks ein. Wie bei einem Spökenkieker. Meine Ahnungen sind durchaus nicht unbegründet, beschleunigen den Herzschlag und machen sich sofort mit einer gesteigerten Körperspannung und nervöser Unruhe bemerkbar. Ich kann nichts dafür, in mir laufen Zwangsreaktionen ab.
Zur Erklärung muss ich rasch in die Geschichte meine Familie zurück, denn bei meinen Vorfahren, ob mütterlicher- oder väterlicherseits weiß ich nicht mehr so genau, hat sich seit unzähligen Generationen, ich vermute, seit Adam und Eva, ein Gendefekt weitervererbt - mich selbstverständlich nicht auslassend - der sich wie folgt bemerkbar macht: hat man den Mund vollgestopft mit etwas trockenem, krümligem, wie zum Beispiel Popcorn (was sonst) und versucht darüber hinweg etwas zu trinken, sagen wir mal Cola (na, ja), landet alles, das heißt, diese nasskrümelige Mischung, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der falschen Kehle und was das bedeutet, brauche ich gewiss nicht näher zu erläutern.
Obwohl, jeder erlebt diesbezüglich eine andere Not. Wenn ich mich an den Sandkuchen erinnere, über den ich letztens meinen Milchkaffee hinweg laufen ließ und anschließend mit hochrotem Kopf, hustend ... nein ich will korrekt sein, hustend kam erst später. Zunächst spürt man beim ersten, entspannten Schluck den altbekannten Schreck in der Gurgel, weil es wieder die falsche Weichenstellung war und dass alles wieder raus muss aus der Luftröhre. Da aber der Mund noch voll ist und man nicht weiß, wohin mit alledem, so plötzlich, versucht man die Backen auf das Zehnfache des normalen Fassungsvermögens aufzublähen, damit auch die Rückkehrer aus dem Schlund noch Platz haben, mitsamt dem ersten Husterer. Dem zweiten Aufbäumen des Körpers allerdings halten die zusammengepressten Lippen nicht mehr Stand und alles muss raus. Kaffee und Kuchen, auch jedes andere Gemisch, fliegen in hohem Bogen, je nach Stellung der Lippen, entweder als Strahl oder als Sprühwolke, über den Tisch und hinterlassen ein kontrastreiches Muster auf dem cremefarbenen Damast. Ist man gut erzogen, wendet man sich beim zweiten Anfall rasch ab und entledigt sich gegen die Tapete. Dies ist vorteilhaft, weil meistens abwaschbar, es sei denn man hat sich eine seidene oder eine Grastapete ausgesucht. Wenn man bei der aufkommenden Eruption schon gleich die Hand vor den Mund hält, spritz alles zur Seite und so bekommen die Sitznachbarn rechts sowie links auch noch etwas ab, obwohl man genau dies zu vermeiden suchte. Ja, das ist die Krux, zu überlegtem Handeln ist keine Zeit. Man verhält sich intuitiv, so wie immer!
Ja, und dann kommt jener Husten, der das Innere nach außen kehrt, bis hin zur vollständigen Entleibung. Und das ist die größte Leistung der Evolution, noch weit vor der zweigeschlechtlichen Vermehrung oder dem unfallfreien, rückwärtigen Einparken rangierend. Denn was anschließend geschieht, läuft nach einem, in Millionen von Jahren eingeübten Programm automatisch ab, bei allen Menschen und an jedem Fleckchen dieser Erde gleich geartet. Fühlte man sich soeben noch als wild um sich spuckendes Ungeheuer aufs Peinlichste betroffen, mutiert man, mit besagtem, hochroten Kopf in Hustenkrämpfen sich auf dem Boden windend, im Handumdrehen vom Täter zum Opfer und genießt alle hilfsbereiten Aufmerksamkeiten, die Mitmenschen überhaupt nur aufzubringen vermögen. Rücken klopfen, Arme hoch, Arme runter, stabile Seitenlage, das ganze Programm. Und während der Menschenwurm dort auf dem Teppich ins Leben zurückgeholt wird, werden ganz diskret die Folgen des Unfalls beseitigt. Sofort wird das Tischtuch gegen ein frisches ausgetauscht und kurzerhand die breite Geschirrkommode vor den großen, tropfnassen Fleck geschoben. Neu tapeziert wird bereits am Tage darauf. Wie gesagt, alles automatisch, weil die Natur das so eingerichtet hat.
Und wenn es tatsächlich so ist, dass sich dieser Erbfehler schon seit den Zeiten des Paradieses verbreitet hat, so sehr ist wahrscheinlich, dass auch mein Nachbar, wiewohl ich von dem Gedanken nicht gerade berauscht bin, ausgerechnet er sei ein entfernter Verwandter, von dieser Schwäche heimgesucht ist.
So tippe ich also, das gesamte, kommende Szenarium vorausschauend vor dem geistigen Auge, meinem Vordermann in der nächsten Sitzreihe auf die Schulter, damit sich dieser von der bedrohlichen Situation hinter ihm ein eigenes Bild machen kann. Ihn anstarrend, versuche ich, mit magischen, nein besser noch, mit magnetischen Blicken, seine Augen auf meinen Nachbarn zu lenken. Doch da mein hypnoseresistenter Vordermann, so unwahrscheinlich es auch sein mag, nicht einmal im Entferntesten mit mir und meinen Defekten verwandt zu sein scheint, kann er, deutlich erkennbar, die verheerende Wirkung des brisanten Gemisches von Popcorn und Cola nicht richtig einschätzen und schaut mich und die kauende Hose nur verstört fragend an und wendet sich wortlos und kopfschüttelnd wieder dem Geschehen auf der Leinwand zu. Ich bin sicher, er wird zudem noch geraume Zeit darüber nachdacht haben, warum ich ihm meinen bereits aufgespannten Regenschirm reichen wollte.
Da ich nicht unmittelbar im Gefahrenbereich sitze, wenn auch nicht vollständig sicher seitlich davon ab, bleibe ich weiterhin gespannt und beobachte das Geschehen neben mir mit steigender Neugier. Inzwischen bin ich völlig abgelenkt von allem anderen, was um mich herum passiert, denn mir scheint, das große Schauspiel an diesem Abend findet nicht auf der Leinwand statt, sondern in Kürze unmittelbar neben mir. Wie sagt doch die Werbung: "Nicht nur dabei, sondern mitten drin."
Wieder fährt die mächtige Hand in den Eimer und holt diesmal eine wirklich riesige Ladung hervor, zu er man ohne Übertreibung "mein lieber Scholli" sagen könnte und die trotz der erneuten Streuverluste eigentlich eine fünfköpfige Familie bei guter Einteilung drei Wochen lang durch den Winter bringen müsste.
Und wie auf Anweisung eines Dramaturgen verdunkelt sich der Saal und das Stimmengewirr ringsum verstummt nach wenigen Augenblicken. Mit einem Seitenblick sehe ich, wie mein Nachbar sich anschickt, die Flasche Cola an den vollgestopften Mund zu setzen. Und wenn jetzt noch Fanfaren kämen ... und tatsächlich, aus allen Lautsprechern schmettert die 20th CENTURY FOX ihr bekanntes Intro ins Publikum.
Datt-Da-Da-Da-Daaa! Es geht los!
Was soll ich tun? Reiße ich der Hose jetzt noch rasch die Flasche aus der Hand oder stehe ich einfach auf und schreie lauthals: "FEUER!"? Ersteres wird gewiss meinem Vordermann einige Unannehmlichkeiten ersparen aber möglicherweise mich ein paar Zähne kosten. Im zweiten Fall würde ich alle Besucher des Kinos durch die entstehende Panik in Lebensgefahr bringen, außer mich selbst natürlich. Denn ich würde die Stampede einfach ruhig abwarten und als Letzter unbeschadet den Saal verlassen. Was bleibt also anderes, als meinen Vordermann seinem Schicksal zu überlassen. Er wollte es ja so.
Während ich höre, wie die blaue, zerknautschte Jeans den ersten herzhaften Schluck Cola über das Popcorn rollen lässt, habe ich schon meine Sachen gegriffen und flüchte mit hastigen Entschuldigungen durch die Sitzreihe dem Ausgang zu. Dabei fällt mir ein, dass Cola ja obendrein noch aufschäumt und eine mehrfache Spuckkraft erzeugt und genauso hört sich die Explosion auch an, als sich gerade die Saaltür hinter mir schließt. Das wild wütende Brüllen einiger Männerstimmen und das Kreischen entsetzter Frauen vernehme ich nur noch gedämpft, sehe aber rückwärtig durch den Spalt, dass schon Licht ist im Saal. Jetzt müsste man das Muster, braun-gelb gesprenkelt wie das Fell des Jaguars, auf der jungfräulichen Leinwand eigentlich gut sehen können, weil Cola doch so schön klebt.
Ich habe es gewusst ... die Hose ... auch ein Verwandter!
© CeeBee......................................................................................
Foto: wikimedia.org