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Kein Pardon

Von tastifix Freitag 29.03.2019, 19:12

In einem Büro in Hamburg. Herr Roman war verpflichtet, am laufenden Band Schriftwerke zu lesen, sie zu sortieren, auszusortieren oder beifällig nickend dem anschließend zu formatierenden Email-Stapel zuzuordnen. Zwanzig Geschichten sollten zwei Tage später im Internet vorgestellt werden. Und ständig erreichten ihn neue Werke.
Herr Roman war Verleger. Schon drei Stunden schwelgte er in Krimis, Liebesschnulzen oder Gedichten. Sie wirbelten ihm im Kopf herum und vermischten sich. In den Liebesgeschichten wurde gemordet und die Krimis lasen sich wie tropfender Schmalz. Stöhnend gönnte er sich eine Pause. Zum Glück stürmten nur Kurzgeschichten auf ihn ein. Aber ´Kurz` war oft keinesfalls ´kurz`, sondern entpuppte sich als Bandwurm.
„Neiiiin - verflixt! Können die sich nicht kürzer fassen!?“
Doch auch mit denen musste er sich auseinandersetzen, denn er lebte ja davon. Zerknirscht suchte er die nächste Email heraus.
„Sauber verfasst!“
Der ausgefallene Titel weckte Neugierde. Herr Roman begann zu lesen. Aha, eine Satire! Per Mausklick durchwanderte er Zeile für Zeile. Miniabschnitt folgte auf Miniabschnitt.
„Himmel, nee!?“
Frustriert hoffte er auf einen langen, zusammenhängenden Textteil und dachte dabei daran, sämtliche Kleinstabsätze formatieren zu müssen. Auf der dritten Seite durfte er aufatmen. Erleichtert zählte er die Zeilen, die dort ohne störende Unterbrechung aufeinander folgten und hoffte, dass sich die Geschichte endgültig zu militärisch disziplinierter Haltung entschlossen hatte. Die Autorin hatte wohl ihren Stil gefunden. Entspannt vertiefte er sich erneut in den Text. Drei Seiten, vier Seiten, fünf Seiten ... Hm, ihn beschlich Misstrauen. Kurzgeschichte??? Auf Seite Sechs traf ihn fast der Schlag:
„Neeiin!!!“
Entsetzt ließ er die Maus über den Text wandern. Frau Mär hatte ihre Macke zum Meistertick ausgebaut. Jeder einzelne Satz stand frech für sich alleine. Gemütliche Lesestunde - ade! Denn es war eine extrem lange Kurzgeschichte, die sie zudem in zig Kapitel unterteilt hatte. Dafür gab es genügend Stellen, von denen sie keine ausgelassen hatte.

Leider gefiel ihm die Gar- nicht-Kurzgeschichte ausnehmend gut. So biss er zähneknirschend in den sauren Apfel. War es denn nicht möglich, die ihm zugedachte Schufterei wenigstens zum Teil zu umgehen? Er grübelte und grübelte. Seine Mitarbeiter sorgten sich bereits um ihn, weil er so zusammengesunken im Sessel hing.
„Etwa eine Herzattacke ... ??"
Nein, ganz plötzlich straffte sich des Verlegers Haltung. Er grinste hämisch. Die Auseinandersetzung mit Autorin ´Langtext` würde spannend werden. Diese Frau zwänge er in die Fleißfalle.

Wenige Wochen zuvor in Essen: Frau Mär brütete über einer Erzählung.
„Die schicke ich überarbeitet dem Internetverlag!“
Mit Feuereifer begann sie die Textkorrektur. Einiges bedurfte der grundlegenden Verbesserung. Vor allem störten sie die langen Absätze.
„Wieso ist das nur ein Abschnitt geworden? Vom Sinnzusammenhang her unmöglich. Nee, fast jeder Satz muss allein stehen!“
Sie veranstaltete ein Wettrennen mit der eigenen Fantasie und machte die Anstrengungen mehrerer Monate zunichte, zerfetzte Sätze oder löschte sie gar, dann jedoch ein wenig wehmütig.
„Hoffentlich fallen mir passende Ersatzideen ein!“
Das Umschreiben des langen Textes gelang in relativ kurzer Zeit. Jede Aussage gewann durch die nun zahlreichen Absätze an Gewicht. Zum Schluß verfasste sie ein Begleitschreiben:
… wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie die Geschichte ins
Netz stellten. Mit freundlichen Grüßen ... “

Nun, ein paar Wochen später, war der Verleger gut beschäftigt. Frau Langtext`s Geschichte bescherte ihm schlimme Kopfschmerzen. Er verabscheute eben Absätze, vor allem die in langen Texten. Der vorliegende Text war ja, wie typisch, von einer Frau verfasst worden. Männer hätten alles in einen einzigen Abschnitt gepackt. Was knallte Herr Roman dem unbekannten weiblichen Gegenüber gerade an den Kopf? Nein, von einer Frau forderte er nur äußerst rücksichtsvoll, aber dennoch klar die nochmalige Korrektur des Werkes zwecks Arbeitserleichterung für ihn an.
„Liebe Frau Langtext! Ääh - Mär!“, verbesserte er sich knurrend. „Ihre Arbeit ist einfach umwerfend!“
Er durfte seelenruhig meckern. Die Mitarbeiter waren längst vorzeitig heim geflüchtet. Das Risiko, gar von seinem übertriebenen Arbeitseifer angesteckt zu werden, gingen sie nicht ein. Einen Rüffel brauchten sie nicht zu fürchten, denn seine Aufmerksamkeit galt ausschließlich dem Schreiben an Frau Langtext.
„Wenn ich Ihnen den Vorschlag unterbreiten dürfte, aber nur, wenn es wirklich nicht zuviel Mühe bedeutet, zwischen je zwei Absätzen ein bestimmtes Kürzel zu setzen ... Gern kennzeichne ich dann die Kapitelüberschriften!“
Weil der Text aber zig Kleinstabsätze aufwies, hätte die Autorin mindestens an die zweihundert Kürzel einzusetzen. Wie die wohl reagieren würde?

In Essen wartete Frau Mär auf die Antwort des Verlegers. Jeden Morgen prüfte sie den virtuellen Posteingang. Am dritten Tag allerdings registrierte sie bereits ein wenig beleidigt sein weiterhin andauernde Schweigen.
„Weshalb schickt der mir nicht wenigstens die Eingangsbestätigung?“
Am vierten Tag klickte ´Frau Langtext` unter beträchtlicher Anspannung und zitternden Fingern auf ´Web.de`. Was stand da?
„Sie haben eine neue Email!“
Triumphierend und sich des Erfolges ziemlich sicher las sie begierig.
„Ihre Arbeit ist umwerfend!“
Genau so hatte sie es sich ausgemalt. Herr Roman war anscheinend ein toller Literaturkenner. Prompt war er ihr wieder sehr sympathisch. Stolz las sie weiter. Doch die Freude wandelte sich urplötzlich in Erschrecken, zuletzt in Zorn.
„Was? Ich soll den ganzen Text mit Kürzeln versehen, nur, weil der zu faul dazu ist?“
Die Sympathie für ihn war dahin.
„Mit mir nicht!“
Wütend entwarf sie eine deftige Email an ihn.
„Sehr geehrter Herr Kürzel!“, schrieb sie, stutzte und löschte ´Kürzel`!“
Letztlich hatte der ja einen Namen:
„Lieber Herr Roman!“
Klang stilvoller und guter Stil war ihr wichtig. Dann:
„Die Kürzel, werter Herr, füge ich ein. Denn von einem nur männlichem Wesen wäre es zu viel verlangt, eine solche Korrektur selber durchzuführen. Doch für die Länge meiner Geschichten kann ich nichts!! Dafür ist das mir von der Natur implantierte Plappergen zuständig. Die Verantwortung übernehme nicht ich!!“

Die Rückantwort kam prompt:
„Liebe Frau Langtext!“
Nein, soo nicht, er war ja Kavalier:
„Sehr geehrte Frau Autorin Mär!“
Klang besser, klang nach alter Schule.
„Was glauben Sie, verehrte Dame, wohl, weshalb Kurzgeschichten ´Kurzgeschichten` heißen? Ihre dagegen sind ´Langgeschichten`. Außerdem betone ich hiermit ausdrücklich: Dazu, dass das Formatieren von Texten manchmal kompliziert zu sein scheint, kann ich nichts. Dafür ist das betreffende Antigen des Computerprogramms zuständig. Die Verantwortung übernehme nicht ich!!“

Ps.:
Mit Bravour meisterte übrigens die Autorin in kürzester Zeit das Kürzeln!
Mit Bravour bewerkstelligte es der charmante Verleger, die ellenlange Kurzgeschichte in ebenfalls nur kurer Zeit ins Netz zu stellen!!

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