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Kalle, Claudia und Kalle ( 10 )

Von Feierabend-Mitglied Donnerstag 31.12.2020, 16:19


Es klingelt und klingelt, besser gesagt, es jaulen abgebrochene Melodien durch den Raum. Mein Telefon oder auch Handy oder auch Smartphone. Jedenfalls kann einem das mitunter auf den Geist gehen. Überall bimmelt, jault , quietscht es, Schwirren Melodien oder sonstiges Getöse durch die Gegend, auf das irgend Jemand zu irgendeinem Zweck jemanden sprechen oder informieren will.
Na gut, jetzt bin ich am Hörer.
Es ist Kalle. Nicht Hund Kalle sondern Karlheinz, ein vertrauter Kumpel. Und er hat eine interessante Neuigkeit für mich.
Er will nochmal heiraten und mich deshalb dazu einladen. O.K. sage ich, wir treffen uns morgen. Dann kannst du mir alles haarfein erzählen. Und so geschah es.
Am nächsten Tag treffen wir uns mit unseren Hunden bei schönstem Wetter auf einer Wiese mit Bank. Wir nehmen Platz auf der Bank, die Hunde unter der und neben der Bank.
Die Beiden haben zu tun die verabreichten Knabberstangen mit ihren Beißerchen zu zerkleinern.
Erzähl mal, sagte ich zu Kalle.
Also du musst heiraten meinte ich: du bist ein Witzbold, sagte Kalle zu mir. Ich bin neuerdings Rentner, sagte er. Na und meinte ich, Alter schützt vor Dummheit nicht.
Wir lachten beide.
Dann ist erst einmal eine Pause. Wir schweigen beide. Wissen wohl nicht weiter, wie wir unsere Gedanken in Worte oder Sätze bringen können. Starren etwas beunruhigt in die weite Welt. Genauer gesagt, auf das Gras und die anderen Pflanzen dieser Wiese.
Ein paar Butterblumen leuchten mit ihrem schönen goldigen Gelb in der Sonne inmitten des saftigen Grün. Bringen etwas Leben in das Wiesenallerlei.
Die Hunde unter der Bank haben ihre Knabbereien beendet, dösen vor sich hin. Einer schnarcht sogar leise . Ob er etwas Schönes träumt ?
Und wir beiden Rentner schweigen immer noch. Ich sehe mir Kalle so etwas von der Seite an. Habe plötzlich sein Bild unserer ersten Begegnung vor Augen.
Damals , als er mit Hund Kalle schimpfte , weil der einen kleinen Fluchtversuch gemacht hatte und sich ganz friedlich und freundlich zu mir und meinem Hund gesellte. Als der offenbar dankbar das Wasser und die kleinen Snacks schluckte, die ich ihm gab.
Der Hund sah ziemlich herunter gekommen aus und war doch eine ganz freundliche Seele. Karlheinz erweckte den gleichen , mit seinem , den ganzen Körper bedeckten bräunlich grünen Habitus von Kopf bis Fuß, machte er einen erbärmlichen Eindruck auf mich. Das war eine schlimme Zeit für ihn.
Jetzt saß er auf der Bank, kerzengerade, zwar mit ein bißchen angespanntem Gesichtsausdruck, aber man konnte die wieder gewonnene Kraft und Zuversicht regelrecht spüren. Ich beobachtete ihn so von der Seite und war doch überrascht, daß er wieder im Leben stand. Mit einem Vorhaben von großer Wichtigkeit und Freude. Ich sehe seine ruhige Verfassung , mir seine Pläne für sein weiteres Leben zu erzählen.
Er merkte, daß ich ihn ansah. Drehte sich zu mir um, griff dabei in eine Innentasche seiner Jacke. Holte ein Etui für Zigaretten hervor.
Ich war etwas erstaunt, kannte ihn gar nicht als Raucher. Siehst du, sprach er mich an. Es gab einen kleinen Klick. Das Etui ging auf. Es war leer. Siehst du sagte er noch einmal, dieses Ding habe ich aufgehoben aus meiner Zeit als Ingenieur im Brückenbau.
Damals habe ich geraucht. Jeder hatte so ein Ding , der bei mir und mit mir beschäftigt war, Brücken zu bauen, zu reparieren oder auch mal eine abzureißen. Wir hatten viele schwere Arbeitsgänge zu erledigen. Waren immer im Schmutz, bei Regen oder Schnee oder auch heißer Sommertemperaturen beschäftigt.
Eine Zigarettenschachtel ging da schnell kaputt und du hattest nur noch Krümel in der Tasche. Deshalb hatten alle so ein Etui. Dieses Ding war auch dabei, als der große Unfall passierte, bei dem zwei meiner Mitarbeiter ihr Leben verloren. Und ich sollte Schuld sein. Sagten die Richter in mehreren Instanzen und etlichen Verhandlungstagen.
Ich wurde bestraft und eingesperrt, hatte einen guten Verteidiger. Auch der konnte mich erst nicht als unschuldig an dem großen Unfall darstellen. Ich hatte in dem Beruf ein gutes Gehalt bekommen und mir ein ganz ordentliches gut gefülltes Bankkonto angelegt.
Damals war ich ledig, habe sparsam gelebt. Ich habe nur für meinen Beruf gelebt. Das würde ich heute nicht mehr so extrem machen. Es ging alles verloren. Durch die vielen Prozesse und meiner Haft und der ungerechten Anschuldigungen wurde mir alles genommen.
Als ich aus der Haft entlassen wurde hatte ich absolut nichts mehr. Kein Geld, keine Wohnung, in einer fremden Stadt, keine Freunde und Bekannten, keine Arbeit.
Bin dann eines Tages zu meiner letzten Brücke gegangen . Sie führte über eine Eisenbahnlinie. Ein Güterzug kam und ich sprang herunter.
Mich wollte aber noch Keiner. Weder oben noch tief unten. Und so wachte ich im Krankenhaus auf, voller Binden und Gips und Schienen. Ein halbes Jahr lang. Besucher gab es keine. Hatte ja niemanden. Der erste der kam war mein Rechtsanwalt, als es mir etwas besser ging. Er sagte mir, daß meine Sache wieder verhandelt wird. Es soll eine Menge falsche Aussagen und falsche Beurteilungen auch von Seiten der Gerichte gegeben haben.
Wieder gingen Monate ins Land. Mir war das alles fast egal. Da ich nichts hatte, konnte mir auch niemand mehr etwas nehmen, dachte ich. Und wieder war ich im Irrtum.
Man hatte mir eine kleine Wohnung in einem Heim zugewiesen. Das war dann schon zu der Zeit als wir uns mit den Hunden begegneten. Ich war ja der bräunlich grüne Frosch, wie du sagtest. Wir mußten beide lächeln.
Wann hast du denn Claudia kennen gelernt, fragte ich, ein bisschen neugierig.
Naja, meinte Karlheinz. Das war wohl ein glücklicher und schöner Zufall.
Als ich im Krankenhaus lag, nach ein paar Wochen meiner Genesung, durfte ich auch schon mal aufstehen und im angrenzenden Park spazieren gehen.
Da gab es einen kleinen Laden mit Kaffee ,Eis, Getränken , Zigaretten und solchen Sachen. Bin zufällig daran vorbeigekommen und hatte mit einem Mal einen richtig gierigen Wunsch eine Zigarette zu rauchen.
Ging da rein um eine Schachtel zu kaufen. Als ich dran war, fiel mir ein, ich hatte ja gar kein Geld. Einige Kunden sahen mich daraufhin komisch an. Die müssen wohl gedacht haben, daß der Alte verhutzelte Knabe mit seinen Krücken nicht ganz dicht im Kopf sein müsse.
Also gab ich die Schachtel Zigaretten zurück und wollte den Laden verlassen, als eine Frau mir die Stufen herunter half und mich auf eine nahe gelegene Bank setzte.
Sie sind wohl schon lange hier im Krankenhaus, fragte sie ? Naja, meinte ich . Schon ein paar Monate. Und immer ohne Zigaretten, fragte sie wieder, mit einem leichten Lächeln.
Ich sah diese Frau jetzt erst richtig an und stellte fest, daß sie ausnehmend hübsch war. Dachte so bei mir, sie wird bestimmt mit Kindern und einem Mann eine Familie haben. Ist hier vielleicht als Besucher oder zu irgend einer Untersuchung oder Behandlung in einer Arztpraxis auf dem Gelände. Und ich halte sie nun auch noch von ihrem Vorhaben ab.
Ach, es geht schon und ich danke ihnen. meinte ich zu ihr. Sie holte eine Schachtel Zigaretten aus ihrer Handtasche. Hier bitte , meinte sie, Feuer habe ich auch dabei. Sie zündete sich eine an , hielt ihr Feuerzeug an meine Zigarette, die ich mir in den Mund steckte und dann einmal kräftig zog.
Das hätte ich lieber sein lassen sollen. Ich hatte ja nicht daran gedacht, daß ich durch meine lange Zeit im Krankenhaus und den vielen Verletzungen sehr geschwächt war. Konnte mich ja so kaum auf meinen Beinen mit den Krücken bewegen.
Der Erfolg des Raucherzuges kam deshalb auch sofort. Nicht nur, daß es ekelhaft schmeckte, wurde mir sofort schlecht und schwindlig und ehe ich mich versah lag ich mit einem Schwächeanfall auf dem Boden.
Bekam nicht mehr mit, wie ich von Pflegern in mein Zimmer transportiert und ins Bett gelegt wurde. Als ich wieder langsam zu mir kam hatte ich ein komisches aber nicht unangenehmes Gefühl in einer Hand.
Ich machte die Augen auf und stellte fest, daß die Frau, die mir die Zigarette gab, auch jetzt noch meine Hand hielt. Entschuldigung sagte sie, ich wußte nicht, daß es ihnen so schlecht geht. Ich habe mich ganz falsch verhalten.
Ach, nicht so schlimm, ich schlafe etwas und dann ist alles o.k., vielen Dank für ihre Bemühungen. Sie verabschiedete sich freundlich und ich fiel in einen langen tiefen Schlaf, der mich mit einem Mal nach etlichen Stunden gut erholt aufwachen ließ.
So vergingen wieder ein paar Wochen. Ich hätte den Vorfall mit dem Rauchversuch fast vergessen, wenn mir nicht das Gesicht dieser fremden Frau mit ihrer Freundlichkeit im Kopf herum spuken würde.. Irgend etwas hinderte mein Gehirn daran, diese Gedanken zu unterdrücken.
Hatte das Alles einen Sinn ? Wohl eher nicht, So ging die Zeit dahin, meine lädierten Knochen und Innereien nahmen langsam ihre ihnen von der Natur auferlegten Funktionen wieder auf. Das veranlaßten die zuständigen Ärzte und dafür Verantwortlichen , mir meinen Entlassungstermin mitzuteilen. Die wenigen Tage bis dahin nutzte ich dazu, mich wieder auf meine Eigenverantwortung zu konzentrieren.
Allerdings hatte ich auch ein paar Sorgen. Hilfe und Unterstützung bekam ich glücklicherweise von meinem Rechtsanwalt. Der schaltete einige staatliche und städtische Organisationen ein, die einige Dinge für mich klärten. Dazu gehörte auch die Zuweisung einer eigenen kleinen Wohnung. Sogar notwendiges Mobiliar wurde von Hilfsorganisationen bereit gestellt und in die Wohnung gebracht. Das erfuhr ich natürlich noch im Krankenhaus. Sogar die Wohnungsschlüssel brachte man mir ans Bett.
Ich hatte jetzt eine Wohnanschrift, bekam für vergangene Monaten sogar noch Gelder von Versicherungen und ausgefallene Arbeitslosengehälter auf mein Konto überwiesen. Ich war also nicht mehr ganz mittellos aber doch überrascht, daß mit einem mal eine Reihe von Unterstützungen auf mich zukamen.
Dann kam der Tag meiner Entlassung, der ja auch der erste Tag für einen Neubeginn meines Lebens war.
Am zeitigen Vormittag gab es noch eine allgemeine Danksagung an das gesamte Pflegepersonal, die Ärzte und sonstigen Mitarbeiter. Es waren alle in dieser für mich schweren Zeit hilfsbereit und freundlich.
Meine Geschichte wurde von der Presse in Auszügen veröffentlicht und so hatte ich durch die Hilfe meines RA eine ganze Reihe positiver Stimmen über die offensichtlich nicht richtigen gerichtlichen Entscheidungen erhalten.
Mein RA holte mich von der Klinik ab und war bereit, mich zu meiner neuen Bleibe zu fahren . Wir gingen durch den Haupteingang, d.h. wir wollten von dort auf die Straße. Sehr überrascht war ich, als die Eingangstür von außen geöffnet wurde. Herein kam Sie, einen bunten Frühlingsblumenstrauß in einer Hand. Und war erstaunt mich hier zu treffen. Ich wollte zu Ihnen, sagte sie zu mir.
Ich war ja lange nicht hier und wollte einen erneuten Besuch ....... kam in den Worten nicht weiter, begrüßte auch Herrn L., den RA . Der war auch erstaunt über den Damenbesuch. Ich wollte Beide miteinander bekannt machen. Sagte nur , daß die Dame eine Zufallsbekanntschaft............... Raucherbekanntschaft sagte sie. Ich heiße Claudia .
Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Sagte kein Wort mehr, konnte auch nichts sagen. Meine Stimme war weg. Ich fühlte eine unheimliche Freude über das Zusammentreffen. Bekam von dem weiteren Gespräch nichts mehr mit. Wir stiegen alle in das Auto des Anwaltes und fuhren in meine neue Unterkunft.
Der Blumenstrauß bekam seinen Platz auf einem Tisch. Keine Vase, nur ein leeres Konservenglas war dafür da. Dann standen wir beide da, sagten kein Wort. Jeder fühlte das Gleiche bei unseren Umarmungen. Ein riesiges Glücksgefühl hielt uns gefangen auch ohne Wein oder Sekt. Wir waren ja nicht darauf vorbereitet. Und das die ganze lange Nacht.

Dann machte Kalle eine kleine Pause in seiner , naja Beichte.
So war das mit uns. Später haben wir geheiratet, hatten keine Kinder, keine Zeit dafür. Für die Liebe schon aber Kinder brauchen viel mehr. Wir hatten unsere Arbeit, ich auch. Durfte wieder im Brückenbau arbeiten in einer anderen Firma. Die Wiederaufnahme meines Prozesses zog sich unheimlich in die Länge. Mir schien es, als ob keiner so richtig wollte, daß alles noch einmal aufgerollt wird.
Dann kam die Sache mit Claudia und ihres Zusammenbruches. Aber das kennst du ja nun schon.
Dann unsere Scheidung. Es war alles so eklig und häßlig. Bis wir alles überstanden hatten und wieder zusammen fanden.
Weißt du, sagte Kalle zu mir, wir gehören einfach zusammen, Claudia und ich. Wir haben viel miteinander gesprochen. Haben festgestellt, daß wir uns immer noch richtig lieben. Und deshalb wollen wir noch einmal heiraten. Richtig schön . Für den Rest unseres Lebens. Auch wenn ich jetzt Rentner bin und Claudia bald , wollen wir zusammen bleiben.
Übrigens, das wirst du noch nicht wissen. Nach über zwölf Jahren Pause wurde mein Prozess noch einmal aufgenommen. Es gab nur zwei Verhandlungstage und ich bekam ein neues Urteil. Das besagte, ich bin vollkommen unschuldig und bekomme eine Entschädigung und auch eine Rückerstattung meiner damals konfiszierten Gelder.
Habe schon alles bekommen. Eine schöne sechsstellige Summe. Reicht uns bei vernünftiger Lebensführung bis ans Ende unserer Tage.
Das freut mich für dich und Claudia. Habt ihr schon einen Termin und einen feierlichen Ort für eure Hochzeit, fragte ich.? Wenn nicht, habe ich eine schöne Idee in einer sehr schönen Umgebung. Wir haben dann unser Gespräch beendet. Karlheinz hat versprochen mir eine offizielle Einladung zu schicken.
So geschah es auch. Ihre Hochzeit fand in einer sehr schönen Kapelle statt. Wir trafen uns schon vorher. Ich war ja auch ein Trauzeuge. Bei der Tischvergabe fragte ich das Brautpaar, sagt einmal, soll ich bei eurer Hochzeit allein an einem Tisch sitzen ? Ich habe ja gar keine Tischdame für mich gesehen. Da hast du Recht sagten Claudia und Kalle mit verschmitztem Lächeln. Und hier ist deine Tischdame , gleich hinter dir, hoffentlich gefällt sie dir.
Gespannt drehte ich mich um und da stand sie ......... Jutta ...........






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