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Junge Mutter beim Einkaufbummel

Von tastifix Donnerstag 06.02.2020, 18:59 – geändert Dienstag 30.06.2020, 15:00

Damals hatte ich noch nur eine Tochter. Von Zeit zu Zeit quälte mich die Sehnsucht nach der Innenstadt. Allerdings warnten mich Freundinnen, ebenfalls Mütter, mir den Stress anzutun.
„Was für`n Stress denn?"
„Du kriegst keine ruhige Minute!", meldete sich die Mama eines quicklebendigen Zweijährigen.
„Quatsch!"
„Danach biste mit den Nerven am Ende!", riet mir eine andere Freundin dringend ab.

Meine Güte, so schlimm würde es schon nicht werden! Töchterchen würde im Buggy sitzen und zufrieden Brötchen mümmeln.Also nahm ich die Ratschläge meiner Freundinnen auf die leichte Schulter und startete am nächsten Tag einen ersten City-Probe-Ausflug.

Im Kinderwagennetz die sicher verstauten Brötchentüte, zogen wir los. Noch bettelte meine Kleine nicht darum. Wir hatten ja gerade erst gefrühstückt.
´Wie lange das wohl gutgeht?`
Zum Glück traf der Bus pünktlich ein. Es blieb für den Rest des Tages die einzige positive Erfahrung. Denn niemand half mir, das Gefährt die relativ steilen Stufen hochzuhieven. Teils bewusst unbeteiligte, teils abweisende Blicke. Als junge Mutter mit einem noch-fast-Baby war ich anscheinend ein lästiger Störfaktor.
„Würde mir bitte jemand helfen!?"
Ein junger Mann hob daraufhin den Buggy in den Wagen. Ein wenig schuldbewusst machten mir die Umstehenden Platz.
„Nett von Ihnen, danke!", lächelte ich ihn erleichtert an.
Wer ihn ausgesprochen kokett an schmalzte, war meine Tochter. Er gefiel ihr wohl und sie ihm auch.

Ich umklammerte den Kinderwagengriff, denn der Fahrer hatte einen recht waghalsigen Fahrstil und dann konnte man ja nie wissen ... Wenige Minuten später waren wir am Ziel. Wieder sprang ihr Verehrer herzu und half uns. Wieder strahlte sie ihn an.
Draußen verrenkte sich Töchterchen bester Laune fast den Hals. Nichts sollte ihr entgehen. Stolz genoss ich so manchen Kommentar:
„Ach, ist die süß!"

Kurze Zeit später landeten wir in einem allbekannten, riesigen Kaufhaus. Die Gänge zwischen den Kleiderständern waren für den Kinderwagen breit genug. Hoffentlich nur würde meine Kleine nicht plötzlich irgendein Kleidungsstück vom Bügel ziehen. Denn sie brauchte ja Beschäftigung ...
Erster Kleiderständer - kein Problem. Der zweite auch nicht, dann aber erwachte ihr Interesse. Wir streiften den dritten, der Artikel in grellen Bonbontönen präsentierte, also sehr verlockend waren für ein kleines Kind. Prompt erwischte sie eine Bluse, zerrte und zog, das gute Stück landete auf ihrem Schoss und ehe ich es verhindern konnte, dessen einer Zipfel im Babymund. Ich lief rot an. Zum Glük hatte es niemand beobachtet. Dennoch war es mir äußerst peinlich und ich marschierte verschämten Blickes zur Kasse.

„Hören Sie ... ", stotterte ich.
Derweil krähte meine Kleine weiterhin fröhlich herum. Kein Wunder, denn sie hatte ja ihr Vergnügen gehabt.
„Ja, was kann ich für Sie tun?", forschte die ahnungslose Verkäuferin.
„Mir ist es schrecklich unangenehm. Meine Tochter hat sich dieses Kleidungsstück geschnappt und daran gelutscht."
Strafend blickte sie mich an, danach die Kleine. Nach einer weiteren Sekunde schien mir ihr Blick schon erheblich milder zu sein.
„Na, zeig mal, was du da Schönes hast, hm?"
Ja wirklich, sie lächelte.
´Wie gut nur, dass sie solch große Kulleraugen hat!“, dachte ich.
Ich entwand meiner Kleinen ihr neuestes Spielzeug und hielt es verlegen der Dame des Hauses hin.
„Ach, lassen Se mal!", bedachte sie Töchterchen mit einem strahlenden Blick. „Das kriegen wir schon wieder hin!"
Mehr als ´Danke` bekam ich nicht raus und, mit dem Vorsatz, bei zukünftigen Ausflügen besser eine Etage höher stundenlang weiße Bettwäsche zu bewundern, wollte ich der Abteilung schon den Rücken zukehren.Tja, daraus wurde denn doch nichts, denn die Babyabteilung mit der winzigen beinahe-Puppenkleidung zog mich magisch an. Begeistert hielt ich mich recht lange dort auf. Töchterchen ödete es bald an und sie murrte leise.
„Psst, wir gehen ja gleich!", murmelte ich und hoffte, es würde etwas nutzen.

Pech gehabt! Das beleidigte Mucksen wurde lauter, die ersten Kunden guckten. Ich angelte nach einem der Brötchen und schob es hinein in die Patschhand. Für immerhin fünf Minuten herrschte Ruhe. Doch dann war es verschwunden und genauso der krümelig erkaufte Frieden. Meine Kleine wars leid, wollte aus dem Buggy. Das zweite Brötchen schlug sie mir sauer aus der Hand. So nicht mit ihr! Das kugelige Etwas rollte leider bis unter den nächsten Kleiderständer.
„Auch das noch!"
Derweil biss meine Kleine auf ihrem Gurt herum. Vergeblich. Prompt schrie sie wie am Spieß und wie von ihrer Mama gepeinigt los, bäumte sich im Sitz auf und trat wild um sich. Ich schämte mich halb zu Tode, zumal ...
„Mein Gott, das arme Kind!", entrüstete sich eine alte Oma.
„Was machen Sie denn mit Ihrer Kleinen?", meckerte eine Andere wütend los.
„Leute gibt es!", stellte die Dritte kopfschüttelnd fest.

Mir traten Schweißtropfen auf die Stirn, fühlte mich unter den durchbohrenden Blicken wie eine Verbrecherin beim Versuch, ihr Kind umzubringen. Ihrer Meinung nach war es ein äußerst bedauernswertes Geschöpf, was dieses allerdings mit einem dafür erstaunlich dröhnenden Wutgeschrei so lautstark widerlegte, dass es fast die Musikanlage des Kaufhauses übertönte. Ich wurde energisch:
„Hör auf mit dem Geschrei!!"
Töchterchen hielt sich dran. Die Generalprobe hatte ja schon toll geklappt. Jetzt ließ sie die feierliche Premierenarie folgen, die für die sämtliche Ohren in ihrer Intensität geradezu unzumutbar wurde. Meine Kleine strengte sich so sehr an, dass sie nun gleich mir einer überreifen Tomate ähnelte und ein Verleugnen des Mutter-Kind-Verhältnisses damit ausgeschlossen war.
„Bist du nun endlich still!?"
Ich meckerte tatsächlich zurück. Doch sie war weitaus geübter darin und unterhielt das ganze Kaufhaus mit ihrem Gezeter. Weil ich dieses scheinbar so sehr bedauernswerte Geschöpf anschrie, erntete ich von allen Seiten erdolchende Blicke. Mir ging ein Licht auf:
´Unterstützung darfste hier nicht erwarten!`
Blamiert hatten wir uns sowieso schon bis auf die Knochen. Nun kam`s auf ´ein bisschen noch mehr` nicht mehr an.
„Jetzt ist endgültig Schluss!!", drückte ich meine tobende Tochter energisch in den Sitz zurück und ihr ein drittes Brötchen zwischen die Zähne.

Dies verwirrte sie denn beträchtlich. Statt die Brüllorgie fortzusetzen, schielte sie nur noch leise schniefend auf die Leckerei. Diese Opernpause nutzte ich, putzte ihr die Laufnase sowie die Tränen von den Wangen, streichelte gerührt den wirren, verschwitzten Lockenkopf und war wieder ganz die sanfte, liebende Mama. Und wieder bewies sich die Familienzugehörigkeit: Auch der fuchtige Besen im Buggy wurde wieder zu dem süßen Etwas, auf das ich so stolz war. Aufatmend bahnte ich mir den Weg durch das Spalier der vor sich hin raunenden restlichen Kundschaft und flüchtete aus dem gastlichen Haus.
Auf der halbstündigen Heimfahrt beschäftigte sich Töchterchen eifrig damit, das zerpflückte Innere des Brötchens auf dem Boden des Busses zu verteilen. Ich, schlug heimlich drei Kreuzzeichen. Diese Einkaufstour würde ich nicht so schnell vergessen.

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