Ich klebe an Dir!
Von
tastifix
Donnerstag 28.05.2020, 12:01 – geändert Samstag 30.05.2020, 07:21
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tastifix
Donnerstag 28.05.2020, 12:01 – geändert Samstag 30.05.2020, 07:21
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Sehr begehrtes und verehrtes Etwas!
Ich erleichtere mir jetzt das Herz, selbst auf die Gefahr hin, dass sich auch der letzte Rest Zuneigung zwischen uns sich danach endgültig verflüchtigt.
Erinnerst Du Dich noch des Tages voller Freude und Sonnenschein, als Du in mein Heim Einzug hieltest? Du fühltest Dich offensichtlich wie im sechsten Himmel. Du warst dem doofen Kastengewimmel (entschuldige bitte, nichts als die Wahrheit!) in der Moderne-Welt-Sucht-Abteilung entkommen und es wurde Dir vielfache zweibeinige Zuwendung, ja sogar zeitweise Bewunderung zuteil.
Stolz nahmst Du Deine Arbeit auf, murrtest nicht wegen des enormen Arbeitsanfalls und noch nicht einmal wegen der häufigen Überstunden, die ich Dir abverlangte, sondern ackertest pflichtbewusst vor Dich her. Stolz erteilte ich Dir Aufträge, dirigierte Dich dabei und durfte dann allermeist zufrieden die Ergebnisse unserer gemeinsamen Schufterei begutachten. Du lerntest mich relativ schnell sehr gut einzuschätzen und schieltest mich manchmal denn doch verzweifelt aus Deinen Bedienungsknöpfen an:
„Reicht`s nicht langsam für heute??"
Nein, es reichte mir nicht und Du gehorchtest.
Doch seit kurzem kann ich von diesen seligen Zeiten der wunderbaren Übereinstimmung nur noch träumen. Dagegen mache ich mir schreckliche Sorgen:
„Doch hoffentlich keine Virus-Grippe?? - Aber nein, er ist ja kein Computer, sondern ein Drucker!"
Ich weiß keine Erklärung für unsere neuerlichen Unstimmigkeiten. Sollst Du ein Dokument drucken, verweigerst Du nach spätestens einer halben Seite den Dienst. Das Schriftbild wird zunehmend blasser, Zeilen erscheinen nur noch zur Hälfte oder werden nur in Halbhöhe abgebildet.
Ich kontrolliere die Kabelanschlüsse, alles in Ordnung, sehe Papierformat und Randeinstellungen nach. Es findet sich kein Fehler. Ich überprüfe den Tintenfüllstand der Patronen. Sie sind noch fast voll. Allmählich werd ich nervös. Ständig ungeduldiger bin ich wahrscheinlich auch Dir gegenüber ein wenig ungerecht, was dann immer öfter in dem hilflosen Schrei ausartet:
„Verdammt noch mal, du dämliche Kiste!"
Dich, die dämliche Kiste, trifft vielleicht gar keine Schuld und du leidest dann total unschuldig unter meinen Wutausbrüchen. Nur weil Tätlichkeiten gegen Dich das Gegenteil von dem bewirken würden, was ich immer noch zu erreichen hoffe, hält es mich davon ab, Dich an die Wand zu knallen.
Ich besinne mich eines Besseren, zwinge mich zur Ruhe und überlege, was denn noch auszuprobieren sei.
„Wartung anklicken, das bringt`s!"
Optimistischer gestimmt, klicke ich auf Start, Programme, Zubehör, Systemsteuerung und zuletzt auf Drucker/Faxgeräte.
„Hier werd` ich fündig werden!", sage ich mir geduldig.
Doch bis auf die Angabe Deines Namens, den ich längst im Hinterstübchen gespeichert habe und des netten Hinweises, Du seiest bereit, tut sich nichts. Genau den Eindruck habe ich jedoch keinesfalls.
„Wieso bloß geht das denn nicht?", ärgere ich mich erneut.
Während ich noch grübele, folgt der Hinweis:
„Der Drucker ist offline!"
Zweifelnd starre ich Dich an.
„Die sagen, Du bist offline und dabei bist Du doch angeblich bereit. So ein Quatsch!"
Du reagierst diplomatisch und schweigst.
Weiter mache ich mir Luft:
„Wenn Du bereit bist, kannste nicht offline sein, verflixt noch mal! Und weswegen lässt sich Deine Wartung nicht aufrufen?"
Die ganze gezwungene Gelassenheit ist zum Teufel. Ich meckere ständig lauter und schreie mir schließlich den Frust von der Seele:
„Ich bin`s leid wie dicke Tinte! Immer, wenn es drauf ankommt, geht das olle Ding nicht!"
Auch dazu äußerst Du Dich nicht.
Mein schrilles Quieken ist inzwischen bis in den Keller hinein zu hören. Prompt eilt eine aufgebrachte Tochter herbei:
„Mamaa, nun reg dich nicht so auf!!"
Klar rege ich mich auf, weil ich anscheinend zu blöd bin, um jenen Mist wieder in den Griff zu kriegen und überhaupt ... Was mich denn wieder ein wenig aufrichtet, ist dann das Unvermögen meines Computer erfahrenen Nachwuchses, auch nur in etwa jenes Rätsel zu lösen.
„Mensch, das gibt`s doch gar nicht!", halte ich mich dran.
Die Antwort ist hilfloses Schulterzucken, das überdeutliche Zeichen für Null-Ahnung und/oder Null-Bock. Mein geliebtes Kind verzieht sich rasch zurück in sein Zimmer und schließt unüberhörbar entschieden die Tür. Das bedeutet:
„Vorsichtshalber keine Sprechstunde mehr!"
Wahrscheinlich knabbert es an diesem Computer-Freak, dass sie tatsächlich einmal an ihre Kasten-Hypnotisier-Grenzen gestoßen ist.
Derweil raufe ich mir die Haare. Plötzlich aber erbarmen sich meine Gehirnwindungen, arbeiten mindestens dreimal so fix als zuvor wie auch richtig und geben mir die richtige Idee ein, allerdi:ngs nicht, ohne mich vorher nochmals fast ins Tal der Tränen absinken zu lassen:
„Wie kannste nur so doof sein!"
Es ist nicht gerade erbaulich für mich, nun mit dieser meiner eigenen Einsicht konfrontiert zu werden. Dann aber folgt der alles entscheidende, die große Wende bringende Trost.
„ Was ... ist ... mit ... dessen ... Bedienungsanleitung??!!"
"Ooh!", entfährt es mir.
Ich wühle mich durch den Papierwust in meiner Kommode und krame jenes schlaue Heft heraus, das mir als Engel des Drucker-Himmels erscheint.
Nach nur fünf Minuten finde ich auch die betreffende Rubrik und rufe sie auf. Erleichtert durchstöbere ich das Kästchen ´Wartung` , reinige die Düsen sicherheitshalber gleich dreimal und drucke ebenso viele Testblätter aus. Die beiden ersten erweisen sich noch als sehr schwach. Auf dem dritten dann zeigt sich eine leichte Verbesserung des Schriftbildes. Nur, so ganz zufrieden stellt mich dessen Qualität immer noch nicht.
Abends schildere ich dem Papa meiner Kinderschar den Fall. Der legt kurz die Denkerstirn in Falten und liefert mir prompt die Lösung des Problems:
„Ich hatte auch schon mal diesen Ärger. Da brauchst du nur die Patrone auszuwechseln!"
Sag` an, hättest Du mich darauf nicht auch selber hinweisen können!??“