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Ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie ...

Von CeeBee Freitag 21.09.2018, 15:30 – geändert Freitag 21.09.2018, 23:52

... sind noch lange nicht so alt, wie es scheinen mag!


Anlässlich des Kirchenfestes hatte ich versprochen, den Frauen, von denen ich einige kannte, bei ihrer öffentlichen Line-Dance Vorführung zuzuschauen. Auch versprach ich, wenn die Zuschauer zum obligatorischen Mitmachen aufgerufen werden, mich als erster, quasi als das Zugpferd für Schüchterne einspannen zu lassen, um allen Unmutigen zu zeigen, dass Line-Dance, selbst für völlig untalentierte Grobmotoriker wie mich, das einfachste von der Welt ist.

Line Dance, so wusste ich dunkel, ist ein Tanz in Gruppenformation. In diesem Falle war es, wie bereits gesagt, eine reine Frauengruppe, bestehend aus drei Reihen, mit zwei Viererreihen, zwischen denen die dritte, eine Fünferreihe, in Stellung ging. Die Damen trugen schwarze, spitz zulaufende Cowboystiefel, blaue Cowboyjeans, blau karierte Cowboyhemden und diverse Cowboyhüte, wobei zwei oder drei Damen ihre Cowboyhaare offen, will sagen, keinen Hut trugen. Diese Formation zeigte nun einige Tänze zu rhythmischer Cowboymusik in bester Wildwestmanier. Die einzelnen Dancerinnen bewegten sich perfekt synchron zueinander, in verschiedenen Schrittfolgen und Drehungen um die eigene Achse. So tanzte also ein geschlossenes Menschengrüppchen hin und her und auf und ab. Das sah sehr gefällig aus und die Akteure bekamen von den Zuschauern ringsum viel Beifall für ihren Auftritt.

Nun ja, dann kam das Unvermeidbare. Ich vermute, es war die Vortänzerin, die nun die Umherstehenden aufrief, doch einmal mitzumachen, weil Line-Dance wirklich genauso einfach sei, wie es aussähe. Und noch bevor die Zuschauer Zeit fanden, sich nach dieser Einladung leise und unbemerkt zu verkrümeln, hatte man mich, weil ich es ja versprochen hatte, als Vorzeigeopfer freundlich nach vorne komplimentiert und, für alle gut sichtbar, in die Mitte der vordersten Reihe gestellt. Nachdem noch jemand, ähnlich meinem Alter, den Mut fand und sich irgendwo in die Reihe ganz hinten einsortierte, kamen doch noch einige junge Leute hinzu, um die angekündigte Übung spaßeshalber mitzumachen.

Nun gut, was ich nach einer kurzen Probe, neben den anderen, die Schneid genug besaßen, sich dem neugierigen Volke zu präsentieren, dann zeigte, war sicherlich nicht Line-Dance. Denn mein Standbein und mein anderes, mag man es meinetwegen Spielbein nennen wollen, wussten nicht so recht, was sie eigentlich zu tun hatten mit dem Rest von mir. Ob ich nun auf Takt vier mich drehen sollte, und wenn ja, links oder rechts herum, oder nach dem Stampfen mit den Füßen lieber einen Schritt vor oder besser doch, wie alle anderen, zwei zurück machen musste, blieben für mich oftmals offene Fragen. Natürlich hatte ich alle meine Dance-Nachbarn unmittelbar um mich herum ständig im Blick, damit ich bei meiner Performance niemanden versehentlich auf den Fuß trat.

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie das kleine, zierliche und überaus tanztalentierte Mädel neben mir, sehr aufmerksam auf mich, den Opa mit dem unvorhersehbaren Aktionen, achtete und während des Dancens einen besonders großen Abstand zu mir hielt, wohl fürchtend, bei jenem Füßestampfen und meinen leicht taumelnden Drehungen, mit mir bedrohlich ins Gehege zu kommen. Selbst das rhythmische Klatschen während mancher Schrittfolgen - Rechts-schritt, Rechts-schritt, Links-schritt, Dre-hen, Schlur-fen, Stam-pfen, Klat-schen, Klat-schen - forderte meine ganze Achtsamkeit und lag oftmals jenseits des Taktes, den die fidel fiedelnden, mal singenden und mal jodelnden Cowboys aus den Lautsprechern rechts und links vorgaben. Ich war derart intensiv mit mir und der Koordination meines Bewegungsapparates beschäftigt, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, ob der Versuch von uns Amateuren Line zu dancen durch die Zuschauer mit Beifall honoriert worden war oder nicht. Belächelt und begrinst wurde er, nicht zuletzt aufgrund meines verwirrenden Line-Dance Debüts, allemal. Da bin ich mir ganz sicher.

Während die Dance-Formation, im Weitern ohne uns Tanzlaien, noch einige Vorstellungen gab, wollte ich mir einen Kirchenkuchen (in Worten: Kirchenkuchen, also ohne 's') und eine Tasse Kaffee spendieren. In solchen Fällen halte ich immer Ausschau nach Herrentorte oder ähnlichem. Will sagen, es muss unbedingt etwas mit Schokolade sein, und zwar ganz viel davon. Der Vorteil von Herrenbackwerk dieser Art ist, dass selbst bis kurz vor Schluss der Feste immer noch ein Stück zu bekommen ist, da solche herben Süßigkeiten selten, und manchmal denke ich, ausschließlich von mir nachgefragt werden.

Mit einem Teller Schokoladenkuchen und einer Tasse Kaffe in beiden Händen suchte ich nach einem Sitzplatz in der Kirchen-Cafeteria. Als ich den Raum betrat, flog mein Blick rasch über die Tische aber ich sah niemanden, den ich kannte. So setzte ich mich, höflich fragend, zu einer einzelnen Dame, mit der ich ganz bestimmt eine nette Unterhaltung gehabt hätte, wären die Zigeuner nicht aus heiterem Himmel über uns hergefallen. Jene, deren Leben so lustig ist, " ... faria, faria, ho". Und ich dachte einen Moment darüber nach, ob das Lied, das sich laut schallend zwischen die friedlich Kaffee trinkenden und Kuchen essenden Menschen drängte, denn aufgrund der wohlbekannten Zigeuner-Schnitzel-Diskussion, überhaupt noch politisch korrekt sei. und doch eigentlich auf den Index gehörte. Jedoch, bevor ich mir schlüssig war, folgte auch schon ohne die kleinste Pause das nächste Tonstück aus dem volkstümlichen Potpourris.

Mir wurde allmählich gegenwärtig, dass da nichts mehr zu machen war. Die friedlich vor sich hin schlürfende, krümelnde und mümmelnde Versammlung, mich eingeschlossen, sah sich nun völlig konsterniert dem Anschlag des gänzlich enthusiasmierten Akkordeonspielers hilflos ausgeliefert.

Jetzt war der Wandersmann an der Reihe, dessen Vater auch schon nichts anderes im Sinn gehabt hatte, als sich so schnell wie möglich von zu Hause aus dem Staub zum machen, bestimmt eine weinende Frau und vielleicht auch noch das ganze Viehzeug hinter sich lassend, um draußen in der Welt dem angenehmen Leben nachzujagen. " ... Val-de-ri, Val-de-ra, Val-de-ri, Val-de-ha ha ha ha ha ha ...".

Die Liste Deutscher Volkslieder ist unendlich lang und nicht viel kleiner schien der Vorrat an Volksweisen zu sein, die der Künstler in seinem Akkordeon mitgebracht hatte. Dennoch war ich ziemlich verdutzt, als doch eine Pause entstand und der Akkordeonist in einem Scherz erheitert anmerkte, er hätte den Eindruck, dass er die Leute vertreiben würde, denn immer mehr schienen den Saal verlassen zu wollen. Und mein Hinweis, dass es doch jetzt vielleicht der richtige Zeitpunkt wäre, eine längere Pause einzulegen, hatte wohl des Künstlers Nerv an seiner sensibelsten Stelle getroffen, denn sofort, quasi mit einem musikalischen Fausthieb, zitierte er "Alle Vögel ... Amsel, Drossel, Fink und Star ... " herbei und es schien, als würden nun die letzten 300 Jahre Deutschen Liedgutes akustisch an uns vorüber marschieren wollen.

Mir ist nicht bekannt, ob die Meisten aus eigener Kraft zu Fuß flüchten konnten oder mit der Ambulanz dort raus geholt werden mussten, denn meine Tischgesellschaft und ich hatten bereits nach der lustigen Seefahrt, " ... Holla-Hi, Holla-Ho ..." mit einem hastigen, letzten Schluck Kaffee und dem Rest des Kuchens noch im Munde eilends das Weite gesucht ...


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