Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

6 5

Grotesca lateinica

Von tastifix Montag 10.06.2019, 15:10

Auch unter ehemaligen eigenen Paukern finden sich Lehreroriginale. An unserem Lyzeum liefen gleich mehrere herum und sorgten ungewollt für so manchen Gaudi und damit überaus heitere Schülerseelen. Eine Extra-Ausgabe dieser Spezies war der Lateinlehrer. Bei der beachtlichen Länge von fast zwei Metern extrem dünn geraten, hatte er es jedoch faustdick hinter den recht großen Ohren. Deren Anblick jagte uns einen Angstschauder über den Rücken. Wie, wenn deren Optik nicht allein Fassade spielte, sondern das Hörvermögen der in etwa entsprach?
„Dann können wir uns warm anziehen!", meinte unsere Klasse einstimmig.
Der Lehrer, so treffend ´Gräte` genannt, war zum Glück nicht in der Nähe und so bewährten wir uns, was das oft ziemlich unfaire Benehmen ihm gegenüber betraf, gelassen in Ehrlichkeit. Schlimme Gewissensbisse deswegen hatten wir nicht, gaben aber immerhin zerknirscht zu:
„Gut nur, dass sich bislang keiner eingehendere Gedanken wegen unserer Gesichtssegel gemacht hat!"
Für Schüler bedeutete es eigentlich schon zuviel des recht gefährlichen Eingeständnisses, und deshalb … :
„Die Dinger haben wir geerbt. Das ´Gräte-Faustdick-Gen` hat uns angesteckt und aus uns eigentlich engelsgleichen Wesen ausgesprochene Bengel gemacht.“

Obwohl Gräte und wir uns also da ähnelten wie ein Ei dem anderen, mochten wir den langen Lulatsch sehr gern. Er unterrichtete mit viel Humor und wir lachten viel. Trotzdem musste auch er den Lehrplan durchziehen, der immer wieder mal fiese Klausuren vorsah, die wir dann zum Teufel wünschten. Na ja, es gab ja genügend Tricks, sich gänzlich oder wenigstens für Minuten dem Stress zu entziehen. Einige gönnten sich einen ausgiebigen Stadtbummel. Mindestens zwei Stunden lang, damit die kecken Sünder nicht gar zu früh wieder in die Klasse platzten. Dann hätten sie sich nämlich in dem von allen so gehassten Klassenbuch wiedergefunden: Tadel und/oder Benachrichtigung der Eltern, die aus sämtlichen Wolken fielen ... und selbstverständlich danach der ersehnte Kinobesuch flach.

Andere waren weniger mutig, marschierten lieber nur bis zum Klo und fahndeten dort im Zeitraffertempo auf dem Knie-Spickzettel nach einer vermaledeiten Konjugationsform. Es musste extrem schnell gehen und so erwies es sich als unumgänglich, alle zwanzig Minuten ein bestimmtes Bedürfnis anzumelden:
„Herr Lehrer, ich muss mal!"
Ein treuherziger Blick, der nicht darüber im Unklaren ließ, wie unaufschiebbar das wiederholte Bedürfnis war.
„Aber du warst doch … ?"
Spätestens beim dritten Male zeigte Grätes Stirn Sorgenfalten:
„Haste soviel getrunken oder biste am Ende krank?"
Nein, eine Krankheit vortäuschen ... Das wollte mein Klassenkamerad dem Lehrer denn doch nicht antun:
„I.. Ich hab ne schwache Blase!", stammelte er mit einem steinerweichenden Blick, der prompt Grätes Herz erweichte.
„Na, aber fix, bevor du gar ... "
Fix verschwand der Bengel, nicht ohne uns schnell zuzuzwinkern, damit wir uns ja keine Sorgen um ihn machten. Zwei Klobesuche später kreuzte er wieder auf, sichtlich doppelt erleichtert und also bester Laune. In der nachfolgenden Viertelstunde flitzte sein Füller nur so übers Papier.

´Was das ausmacht`, grübelte ich: ´Ob ich auch mal … ?`
Aber dafür war ich zu feige. Außerdem standen ja meine Notizen vom Ärmel verdeckt auf dem Unterarm. Ab und an kratzte ich mich ausgiebig am Hals. Diese Mücken aber auch … Würde Gräte misstrauisch, bekäme er den Hinweis:
„Nebenan haben sie Bio. Die nehmen Frösche durch und füttern sie mit diesen Biestern. Wahrscheinlich haben die Viecher ein paar mal daneben geschnappt."
Aber nicht nur wir hatten Tricks auf Lager.

Gräte war nicht von gestern und bewies, was eine Harke war, setzte sich ans Pult, kramte eine große Zeitung aus der Mappe und fing an zu lesen. Dies verunsicherte uns beträchtlich. Da stimmte etwas nicht, aber was?? Wir wurden übervorsichtig. Mein Klassenkamerad vergaß gar den längst fälligen Klo-Besuch und ich meinen Krabbelzoo am Hals. Total irritiert starrten wir auf die Zeitung und den Pauker dahinter.
„Anstatt mich anzustarren, solltet ihr besser die Zeit nutzen!", meinte der trocken, lehnte sich ostentativ zurück und hielt die Lektüre etwas höher.

Im nächsten Moment klapperten so manche Füller und segelten so einige Spickzettel zu Boden. Geschlossen machte die ganze Klasse Klausur-Erholungs-Gymnastikübungen und sammelte hastig die Indizien der Unverschämtheit wieder auf. Gräte reagierte darauf kein bisschen, sondern las stattdessen eifrig weiter. Darum fühlten wir uns wieder auf der sicheren Seite und unser Selbstbewusstsein wuchs sich zu einem mehr als unverfrorenen Selbstbewusstsein aus. Wir sagten uns:
„Einmalige Chance, jetzt oder nie!"

Wir erwachtem zu erstaunlicher Lebendigkeit und anschließender Geschäftigkeit. Es wurde wie verrückt gemogelt. Halbfertige Klassenarbeiten unternahmen einen überaus interessanten Rundgang durch den Raum, wurden von den Lateinassen korrigiert, ergänzt und dann zurück zu ihrem überglücklichen Besitzer gereicht, der gar nicht wusste, wie ihm geschah und übers ganze Gesicht strahlte.
Öfters bleibt ein Sprachentalent sehr lange verborgen. Tatsächlich musste erst ein Pauker auf solch originelle Weise wie Gräte nachhelfen, damit es seine Schüchternheit verlor und sich in der ganzen Pracht entfaltete.
"Haste denn jetzt alles?", erkundigte ich mich nach rückwärts.
Dort hockte unser Lateinkamel erster Güte und kapierte gar nichts.
„Wie heißt der letzte Satz bloß? Übersetz mal, schnell!"
Leider war der sehr schwierig und so fix bekam ich es auch nicht auf die Reihe.
„Uund ... ?", hakte das Kamel ängstlich nach.
„Mensch, ist doch immer das Gleiche. Schreib: Der metzelte die nieder. Stimmt
garantiert und die Formulierung ist dichterische Freiheit!!“
Das Kamel beherzigte denn sicherheitshalber meinen Vorschlag. So stand dort wenigstens etwas, eigentlich für seine Null-Ahnung schon ausgesprochen viel. Ich war zufrieden, denn ich hatte meinen Klassenkameraden vor dem grammatikalischen und auch sonstigen Untergang gerettet. So glaubten die Anderen und erst recht ich ... .

Gegen Ende der Stunde faltete Gräte den Politartikel langsam sorgfältig zusammen. Wir erstarrten zur Salzsäule, weder ein Kommentar noch ein verzweifeltes Füßescharren waren mehr zu hören. In Grätes Augenhöhe klaffte in der Zeitung nämlich ein viereckiges Loch, gerade groß genug, um durchschielen zu können.
„Ihr müsst mich nicht für so blöd halten!", erklärte der geliebte Lehrer nun ziemlich grob: „Schließlich war ich auch mal Schüler!"
Schuppen fielen uns von den Augen. Gräte hatte all die Freveltaten beobachtet, wir waren bis auf die Knochen blamiert. Aber selbst zum Schämen schämten wir uns zu sehr. Das dicke Ende folgte noch: Wir ernteten zwar keine Sechser, aber kamen in den Genuss des äußerst zweifelhaften Vergnügens, die Klausur - und zwar dann unter strengster Aufsicht sowie ohne Zeitung - wiederholen zu müssen.

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Kreativ Schreiben > Forum > Grotesca lateinica