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Für richtige Männer

Von CeeBee Mittwoch 14.11.2018, 15:37

Früher gab es noch öfter Manöver.

Dann übte die Rheinarmee in unseren Dörfern, Wäldern und auf unseren Äckern den Ernstfall. Zu pikanten Zeiten. Oft im Frühling, während der Aussaht oder im Herbst, während der Ernte. Nur um allen, auch der Bevölkerung zu verdeutlichen, dass es hier um eine Schwergewichtigkeit geht, nicht nur um beliebigen Spaß. Leben im Grenzbereich. Man stellte sich gegen den simulierten Feindeseinfall aus dem Osten. Gerne Russen oder Chinesen.

Dabei konnte es schon mal geschehen, dass in den Scheingefechten Blendgranaten oder Nebelkerzen ihren vorgeschriebenen Weg verließen und sich in des Nachbarn oder besser noch in den eigenen Garten verirrten. Auch wurde hin und wieder an einer unübersichtlichen Straßenbiegung von einem Panzer eine störende Hausecke, mitsamt dem Wohnzimmer dahinter, zur Seite geschoben oder ein altersschwacher Dachstuhl von einer verwehten Leuchtkugel in Brand gesetzt, sprich, warm abgeräumt. Und wenn solches geschah, war die Freude unter den Betroffenen groß, denn man durfte in derartigen Fällen nach dem Manöver mit einer großzügigen Wiedergutmachung rechnen, die weit über das hinaus ging, was an Schaden tatsächlich angerichtet wurde.

Ihre Majestät, die Königin des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland, öffnete nach genauer Prüfung des Sachverhaltes und der abschließenden Stattgabe ihre Schatulle, die damals noch bis zum Rand mit Kronjuwelen gefüllt war, und zeigte sich dem einfachen und in den besagten Fällen sehr leidenden Volke mütterlich fürsorglich und in hohem Maße wohlwollend generös. Königlich eben. So hatten alle, die Altes zerstörten und wir, die Neues aufbauten, hier, rund um den Truppenübungsplatz der Senne, ein herzliches Verhältnis zueinander, welches jedes Jahr im Hochsommer in der so sehnlich erwarteten, wunderbaren Rhine-Army-Summer-Show gipfelte. Es war nicht zuletzt dieses große Volksfest, das mithalf, zumindest in der Region, aus den einstigen Siegern und Besiegten fortan allseitig befreundete Gewinner zu machen.

Mit den Jahren, jedoch, gingen aufgrund der allgemeinen politischen Besänftigung das Böse aus dem Osten und damit die Anstrengungen zur Gegenwehr nach und nach verloren. Zudem zeigte sich nunmehr die Kassenlage des Empires aufgrund anderweitiger Verpflichtungen äußerst angespannt und das alternativlose Sparen war der anhaltende Tagesappell an die britische Generalität.

Infolgedessen wird in nicht allzu ferner Zukunft, die Rhein-Armee den letzten Koffer gepackt haben und das Licht in den Kasernen für immer löschen. Schade! Und die Summer-Show gibt es ohnehin nicht mehr. Nichts bleibt, weder die Ballonfahrten noch Bungee-Jumps, keine Hubschrauberflüge, keine Polo-Turniere, kein Fallschirmspringen, keine Rockkonzerte, marschierende Blechblas-Orchester oder Dudelsack-Bands und kein, man hatte sich schon daran gewöhnt, kein Pimm's. Ja, es gibt auch kein frisches Pimm's mehr. Jenen Cocktail mit dem herben Flavor, der so wunderbar zu Bärenfellmützen, Linksverkehr und englischem Humor passt, stets serviert mit einem Gurkenschnitz, weil die Gurke die einzige Zitrusfrucht ist, die im rauen Klima der britischen Insel gedeiht.

Aber warum erzähle ich das alles?

Angesichts dieser Erinnerungen war es letztens, in diesem warmen April, für mich umso verwunderlicher, als ich sah, wie dicke, weiße Rauchschwaden, pünktlich zu Frühlingsbeginn, durch meinen Garten zogen.

Ach was!?

Wem mag dieser rauchende Querschläger wohl gegolten haben, wunderte ich mich? Chinesen und Russen waren doch schon längst out! Hatte das royale Radar eine neue Bedrohung auf dem Schirm? Ist es also doch noch nicht zu Ende, war mein erster Gedanke und ich überlegte rasch, welche Restaurationsmaßnahmen auf meinem Grundstück im Rahmen der bald, auf die Manöverschäden hin folgenden Entschädigung noch möglich wären. Eine großflächige Entwässerungsanlage vielleicht, ein gemütlicher Wintergarten oder eine schöne Teichlandschaft, alles schien denkbar. Schon entwarf ich im Geiste eine entsprechend detailierte Rechnung, die per Einschreiben an den Buckingham Palast gehen sollte.

Freudig trat ich auf die Terrasse, um mir den Flurschaden näher zu betrachten. Aber zu meiner großen Enttäuschung musste ich feststellen, mir, genauer gesagt, meinem Hab und Gut war nichts geschehen. Es schien, den Nachbarn hatte es getroffen. Es roch sogar, hielt man die Nase in die dicksten Rauchfahnen, nach verbranntem Fleisch. Um Gottes Willen, dachte ich erschrocken, es wird doch nicht jetzt, aufs Ende hin, zum Äußersten gekommen sein? Niemals zuvor waren aufgrund der Frühlings- und Herbst-Manöver Menschenleben zu beklagen gewesen. Ein paar Kratzer gab es hi und da auf lebender Haut, na gut, aber Tote, niemals.

Mit einem nassen Handtuch schützend vor Mund und Nase kroch ich auf allen Vieren an den Zaun, um im beißenden Rauch einen Blick auf die Zerstörung in Nachbars Garten zu werfen. Es war nicht einfach, mit tränenden Augen ein klares Bild zu bekommen. Nur wenn der Wind den Nebel für einen Moment in die Höhe zog, wurde schemenhaft ein großes 'WAS IST DAS DENN??' sichtbar.

Lag da etwa eine aus allen Ritzen und Löchern qualmende Dampflock auf dem Rasen? Nein, die lag ja nicht, die stand da. Sie stand auf Rädern. Dieser Dampflock fehlte allerdings schon der Führerstand. Vielleich war der bereits weggesprengt. Ich wusste, dass sich die fortschreitende Wehrtechnik immer wieder etwas Neues und Überraschendes einfallen ließ aber sich aus der Luft mit Lokomotiven zu bewerfen, das war wirklich ganz außergewöhnlich. Wobei, ein Volltreffer mit so einem Ding ließ für ein zerstörtes Haus, wenn es denn dem Erdboden gleich gemacht war, oder für einen vollständig verwüsteten Garten bestimmt immer noch eine äußerst fürstliche, nein genauer, königliche Entschädigung erwarten. In diesem Sinne war ein Angriff mit einer fliegenden Lokomotive jederzeit willkommen.

Wütendes Fluchen und Schimpfen linderten glücklicherweise meine Befürchtungen, den Nachbar selbst hätte es erwischt. Nein, der lebte noch. Irgendwo vor mir in dem Dunst hörte ich sein wüstes Poltern. Mit einem Satz war ich über den Zaun, eilte hinüber zu dem qualmenden Ungetüm und dann stand er mir plötzlich direkt gegenüber, hustend und wild mit dem Armen sich frische Luft heran wedelnd.

Ob mit ihm alles OK sei, wollte ich wissen und wenn der Blindgänger, gemessen an der Rauchentwicklung, doch noch explodieren sollte, ob ich dann nicht wenigstens auch einen Teilschaden, für ein neues Dach beispielsweise, anmelden dürfe, sozusagen in alter, nachbarschaftlicher Freundschaft, und was das hier überhaupt sei, ich hätte in der Zeitung nichts von Frühjahrsmanövern gelesen und aus welcher Richtung dieses Monstrum denn wohl eingeschlagen wäre, diese Dampf- oder war es gar eine Kampfmaschine oder was es sonst war?

WAS???

Selten hat mich ein Mensch derart entgeistert angeschaut!

Mein Nachbar nahm mich zur Seite an die klare Luft, öffnete zwei Flaschen Bier und erklärte mir, seine Frau hätte darauf bestanden ... gegen seinen Willen ... aber er konnte nichts machen ... ganz toll ... man könne in einem Rutsch hundert oder zweihundert ... oder auch eine ganze Ochsenhälfte ... wie die Amis in Texas ... so dass man große Partys ... das halbe Dorf oder auch das ganze ... ein bisschen schwierig mit der Bedienung ... ist ja auch das erste Mal ... aber es wird schon ... ... ... Entschuldigung.

Das Ungetüm war also ein Smoker, hatte ich gelernt! Das neueste Model. Amerikanisch riesig. Der ultimative, grenzenlose Grillspaß. Für richtige Männer, die wochenlang zu Pferde auf unendlichen Weiden unterwegs sind und für Frauen, die mit solchen Mannsbildern, gleich nach dem Ritt, ins Bett steigen.

Das Testwürstchen, das als erstes dran glauben musste, hatte da irgendwo noch vor kurzem auf der Weite des Rostes gelegen und war inzwischen vereinsamt durch die Gitterstäbe gefallen und glühte in Eintracht mit der Grillkohle vor sich hin.

Ein Smoker, ein Grillmonster, ich hätte es ahnen können ... nein, wissen müssen ... die Rauchzeichen waren eindeutig.





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Foto: wikimedia.org

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