Erinnerungen der Flatterine von Schirm
Von
tastifix
Samstag 25.05.2019, 11:16
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tastifix
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Meinen Stammstock kann ich tatsächlich bis ins Jahr 802 zurückverfolgen. Damals spendierte nämlich ein Abt seinem Gast für die Heimreise ein tragbares Dach, einen Schirm, meinen Ur-hoch-x-Ahnen. Tatsächlich erreichte der Gast staubtrocken sein Ziel, der Abt hatte das tägliche Pflicht-gute-Werk geleistet und ohne es zu ahnen, der gesamten Menschheit einen unsagbaren Dienst. Denn die Kunde davon sprach sich schnell rum und jeder wollte ein solches Ding besitzen, unter dem man selbst bei prasselndem Regen keinen Tropfen abbekam.
Im Laufe der Jahrhunderte wurden meine Ahnen ständig leichter und dann geschah etwas, was die üblichen Arbeitsschirme, die sich dem harten, verbiegenden Kampf gegen Windböen und Regenguss stellten, wirklich auf die Palme brachte.
„Die spinnen ja!“
Mittlerweile schrieb man das Mittelalter. Das Volk war arm und schindete sich fast kaputt, denn die Adligen, die Fürsten und Könige wollten ja ein Leben in Luxus führen. In jeder Epoche entwickelten die oberen Zehntausende irgendeinen Spleen. So interessierten sich die feinen Damen der Gesellschaft auf einmal immens für Schirme. Selbstverständlich nicht für die groben, gewöhnlich schwarzen, sondern für überaus eleganten, weißen Schirmchen, Als besonders fein galten die, die im Stock sogar noch Fächer für Puderdose, Parfüm und Zigaretten besaßen.
Die Damen in den Rüschenkleidern hielten diese Witzfiguren von Schirmen in den weißbehandschuhten Händen, sorgsam darauf bedacht, nur ja keine Sonne ihr hochedles Antlitz treffen zu lassen.
„Wäre entsetzlich. Gar gewööhnlich!“
Nach jedem Spaziergang hetzten sie vor die fürstlichen Spiegel und prüften mit Lupenblick, ob sich bloß kein bräunlicher Schimmer auf dem tadellos blassen Teint zeigte. Diejenigen, denen tatsächlich ein wachsbleiches Gesicht wie zuvor entgegen sah, wähnten sich auf der Karriereleiter der Vornehmheit sofort noch eine Stufe höher.
„Hach, mein Schirm ist der beste von allen!“
Und hatte denn doch ein gelbgüldener Strahl die Keckheit besessen, das zarte Antlitz zu streicheln, verbrauchte die betreffende Dame fast den halben Pudervorrat, um das entsetzliche Unheil zu kaschieren.
Damals kleideten sich die weibliche Oberschicht in bodenlange Gewänder ungeachtet sommerlicher Kochtemperaturen, denn der Anblick der wohlgeformten Beine blieben allein dem Ehemann oder auch dem Liebhaber in lauschigen Stunden vorbehalten. Der Hitze und dem Schweißgeruch begegneten die Damen mit Wahnsinnsmengen verführerischen Parfums. Zur Freude der Herren, die die verehrte Weiblichkeit bereits aus Kilometer weiter Entfernung erschnuppern konnten. Manchen allerdings drohte wegen der Intensität des Wohlgeruches dabei fast eine Ohnmacht, die eigentlich eher den edlen Damen in prekären Situationen anstand. Man differenziert zwischen echten Ohnmachten, bei deren Autreten schleunigst ein Arzt gerufen wurde und simulierten, die schnell entlarvt wurden, wenn man der betreffenden Weiblichkeit ein winziges Parfünfläschchen unter die Nase hielt. Hinter den weißen Schirmchen konnten sie, während sie sich scheinbar nur so ganz allmählich von der Umnachtung erholten, ihr Antlitz der Umgebung verbergen und so wenigstens noch ein bisschen das Gesicht wahren. Obwohl ja doch alle Bescheid wussten!
Zudem wurde diesen Schirmsnobs noch die besonders wichtige Aufgabe vergönnt, junge Damen während des ersten Spazierganges mit einem sorgsam ausgewählten Begleiter die Chance zu geben, in Sekunden extremer Verlegenheit sich dem Blick des Verehrer zu entziehen. Er hätte ja - ach, welche Schmach - eine unnatürliche und natürlich unerwünschte Röte erkennen können. So aber schwenkten die Damen, graziös in zierlichen Schuhen einhertrippelnd, die spitzenumrandeten weißen Dinger je nach Laune und Bedarf mit charmanten Bewegungen des Armes seitlich, vors Gesicht oder auch nach hinten und liefen beruhigt weiterhin weiß wie ein Leichentuch einher. Je kalkiger, umso vornehmer war man.
Die winzigen Möchtegern-Schirme spielten, wie es schien, nur zu gerne mit. Es hob ja ihr ohnehin weißes Image ins hochweiße Image, verlieh auch ihnen ein ´Von`: Sie hießen ab dann von Schirm.
Ja, und dann folgte dieNeuzeit. Plötzlich wollten alle möglichst braun durch die Gegend laufen und es wurde als fast blambel angesehen, wenn Leute stattdessen bleich wie ein Leinentuch einher schritten. Zumal es ja eventuell verriet, dass man weder Afrika, Ägypten oder gar Australien besucht hatte und selbst nicht das nächstbestehende Solarium. Beinahe empfinde ich Mitleid, denn für die edlen mittelalterlichen Schirmchen bedeutete es das Aus. Sie wurden aller höchstens noch zu Karneval präsentiert und für viele wars dann der letzte Ausflug. Kaputt und zerfranst verließen sie den Ort der Fröhlichkeit und landeten in der Tonne.
Doch gab es einen Hoffnungsschimmer für deren Nachfolger in derOberschicht. Seit jeher legten Menschen auf ihr Prestige größten Wert. So fertigen sie nun Designerschirme, vorranglich welche mit ´K`. Diese Artgenossen sind ja zugegebenermaßen besonders stabil und von tollem Outfit. Ständig mehr ´K` begleiten, an ihrem Griff auf eleganter Plakette stolz ihren Designer angebend, die wachsende Schar der menschlichen Fans. Wer einen Schirm mit ´K` besitzt, zählt dazu. Also meiner Meinung nach ists lächerlich, wenn Zweibeiner es nötig haben, sich über Marken zu identifizieren. Ich denke: Mit deren Selbstbewusstsein kann es doch nicht weit her sein, oder??
Obwohl ich ja auch ´von` heiße, bin ich froh, ein üblicher Arbeitsschirm geworden zu sein, zumindest keiner mit ´K`. Wir tragen tagtäglich dazu bei, Schnupfen, Husten oder noch Schlimmerem die Chance zu vereiteln, Menschen für Tage oder Wochen ans Bett zu fesseln. Sagt selber: Kann es denn eine noch wichtigere Aufgabe für uns Schirme geben??