Eins plus Eins = ???
Von
tastifix
21.10.2018, 08:42
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tastifix
21.10.2018, 08:42
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Bereits seit Monaten büffelte Sven von morgens bis abends. Wegen der für Schüler recht unüblichen intensivierten geistigen Tätigkeit kringelten sich schon die ersten Rauchwolken über seinem Kopf.
„Ich hab`s! Ich schaff das!`
Zu seinem Glück hatte er sich da nicht noch zum 15.Male das Kapitel über die Logarithmen angesehen. Sonst hätte es vielleicht geheißen:
„Ich schaff das nicht!“
Heute wäre der Tag, an dem es sich entscheiden würde, ob er Arzt oder eher Tierpfleger werden sollte.
Als er am Ort des Schreckens eintraf, hockten vor der Abiprüfungsfoltertür schon mehrere vor Anspannung nassgeschwitzte Jammerlappen. Aus Angst geweiteten Augen schienen sie die besagte Tür anzuflehen, sie möge doch sich und noch mehr den Raum hinter ihr möglichst fix im Nebel der Gnade vor Recht verschwinden lassen. Doch gemein blieb die, wo sie war. Ein paar der Kameraden fixierten betreten ihre Schuhspitzen. Neugierig folgte Sven ihrem Blick:
´Nee, nen Spickzettel ist dort nicht eingeritzt!`
Vielleicht wünschten sich diese Kandidaten für die geistige Schlachtbank, der Boden zu ihren Füßen würde sich öffnen, sie in unbekannten Tiefen landen und sie sich dann durch einen unterirdischen Tunnel davon machen zu können. Darin waren sie sich sowieso einig: Alles war besser als der ihnen bevorstehende Gang ins Farbe-bekenn-Zimmer.
´Ich hab zu oft geschwänzt. Pythagoras, was ist das? … Eventuell gar nen neuer Fußballstar!??`
Bei diesem Anblick schwand Svens Zuversicht mehr und mehr und machte steigender Verunsicherung Platz. Kummervoller Miene klemmte auch er sich auf einen der schmalen, wackligen Stühle, der sofort bedrohlich zu knarren begann. Vorgewarnt rührte Sven sich kein bisschen mehr. Nicht, dass jenes Uralt-Ding noch unter ihm zusammen krachte und er dann ein recht schmerzhaftes Fliesenrendevous in Kauf nehmen musste. Im schlimmsten Falle in eine Ohnmacht ausufernd. Der war er inzwischen sowieso schon ziemlich nahe.
´Die könnt ich mir eigentlich für drinnen aufsparen. Wäre vielleicht hilfreich!`
Wie konnte er als halbwegs anständiger Schüler sich nur jetzt solch frevlerischen Ideen hingeben?? Tz,tz. Doch, sich dafür zu schämen, fiel ihm im Traum nicht ein. Zudem war er in diesen Warteminuten kaum mehr eines vernünftigen Gedankens mehr fähig.
Die Pforte zur Prüfhölle öffnete sich und das aufmunternd lächelnde Gesicht seines Mathelehrers lugte um die Ecke.
„Herr Merker, Sie sind dran!“
´Nomen ist doch eigentlich Omen!`, dachte unser Kandidat auf einmal.
Urplötzlich verflog die Angst. Nur noch wenige Minuten trennten ihn von der ärztlichen Glückseligkeit. Aufrechter Haltung folgte er seinem Lehrer. Ihn empfingen mehrere Gestalten, sowie ernster und wie auch wichtiger Miene, ihres Zeichens allesamt wichtige Mitglieder des Schulwesens. Kritisch musterten sie ihn durch ihre Gleitsichtbrillen, die zwar fast von den Nasen zu gleiten drohten, ihren Trägern aber noch zusätzliche Würde verliehen.
„Und Sie trauen sich diese Prüfung zu?“
„Ja,ja!“, stammelte Sven etwas verblüfft.
„Na, dann fangen wir mal an ...“
Die Richter über Abi oder auch Nicht-Abi bombardierten den Armen mit ständig komplizierteren Fragen.
„O je, wenn das so weitergeht, dann ...“
Aber das Lernen hatte sich gelohnt. Sven schleuderte ihnen wie aus der Pistole geschossen die richtigen Antworten entgegen. Es begann ihnen so allmählich fast unheimlich zu werden. Ein Schüler, der allem standhielt, zählte eher zu den Raritäten. Die Schule durfte sich auf den Wissensstand solcher Ausgben wirklich etwas einbilden, tat sie wohl auch, wie man den stolz/ anerkennenden Blicken der anwesenden Lehrer entnehmen konnte.
Doch die Prüfer ließ es grübeln. So einen Kandidaten hatten sie nur äußerst selten erlebt. Sie nahmen ihre Aufgabe extrem ernst. Sie waren ja nicht zum Vergnügen hier, sondern auf ihnen lastete große Verantwortung. Nur nach strengster Prüfung würden sie das ersehnte positive Urteil fällen. Also versuchten sie Sven zu verunsichern. Doch wider dessen eigener Erwartung wusste er sogar die brenzlige Frage nach den Logarithmen zutreffend zu beantworten.
Obwohl er sich bis dato tapfer geschlagen hatte, zitterte er dann aber doch, wie er ahnte, der wohl letzten Frage entgegen: Sein Selbstbewusstsein schien ihn im Stich lassen zu wollen. Sein Verstand drohte den Dienst zu verweigern. Sven schwitzte sichtlich, verschränkte wartend die feuchten Hände hinter seinem Rücken.
„Nun macht doch endlich!“
Nochmals rückten sämtliche Honorationen die Brillen auf der Nase zurecht, saßen dann dort wie die Oberbefehlshaber der Bundeswehr, genauso einschüchternd, und schon kam sie, die furchtbare entscheidende Frage:
„Ja, Herr Merker, nachdem Sie so sehr brillieren konnten, wird dies jetzt bestimmt eine Kleinigkeit für Sie sein ...“
Sven hielt den Atem an. Sein Herz pochte, fast ertrug er die Aufregung nicht länger.
„Also, Herr Merker, dann verraten Sie uns mal: Wieviel ist eigentlich 1+1?“
´Hääh? Spinnen die jetzt?`
Sven erstarrte, war im ersten Moment keines Wortes fähig. Doch dann:
„Das ist ne Fangfrage! Die wollen mich rein legen!`
Dies hatte er gut erkannt, hieß ja nicht ohne Grund ´Merker`. Überaus erleichtert, kehrte sein fast verloren geglaubtes Selbstbewustsein zurück, sein Verstand arbeitete wieder auf Hochtouren und gab ihm die passende Idee ein:
´Die werden sich wundern!`
Nicht länger stand Sven dort wie ein armer Sünder vor dem Herrn. Dagegen blitzte aus seinem Blick vermehrte Selbstsicherheit.
„Nuun, Herr Merker? Wir warten!“
„Ja also, es ist nämlich so … , startete er langsam, jedes Wort betonend.
Irritiert horchten die Prüfer auf. Damit hatten sie nicht gerechnet, damit nicht. Und dann hatten sie einzusehen, dass es nichts gibt,was es nicht gibt, selbst bei solch winchtigen Prüfungen nicht.
Sven hub nämlich zu fast wissenschaftlichen Spekulationen an, dass vielleicht 1+1 auch mal 4 oder 5 oder gar 6 ergeben könne, bezog sich zunächst nur auf Allgemeines, vorgegebene verschiedene Umstände, bediente sich keck dabei der verhassten Wahrscheinlichkeitsrechnung und kleidete seine Ausführungen dreist in -zig Prozentangaben.
Den hochstehenden Herrschaften hatte es eindeutig sowohl das logische Denkvermögen als die Sprache verschlagen. Doch Sven trieb es noch, überlegen lächelnd, auf die Spitze:
„Und nun komme ich auf die einzig wirklich den Ausschlag gebenden anderen Umstände zu sprechen, die, wie Sie sicherlich wissen, nämlich durch ganz bestimmte Verhaltensweisen die faktische Erweiterung des grundlegenden Faktes 1+1=2 hervorrufen …`
Und fügte noch ein paar sehr weise klingende Erkenntnisse aus früheren Psychologiestunden an.
Gespannt schaute er in die Runde. Stille im Raum. Dann räusperte sich einer der Herren:
„Ja, also, ääh …!“
Ein zweiter bewies etwas mehr Fassung und meinte:
„Sie dürfen jetzt gehen, Herr Merker! Sie erfahren gleich das Ergebnis!“
Es dauerte dann ziemlich lange, bevor sich ein zweites Mal die Tür öffnete. Wieder war es sein Mathelehrer, der nun grinsend auf ihn zukam.
„Gratuliere: Eine glatte Eins! Eine solch schlagfertige Antwort ist denen garantiert noch nie geliefert worden!!“