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Eine Rede zum Thema Psychoanalyse!

Von tastifix Mittwoch 31.07.2019, 10:44

Ich wälzte alle mir zur Verfügung stehenden Wälzer. Mich sprangen Über-Ich und Bewusstsein an. Ich las und las, erinnerte mich der wilden Diskussionen früheren Pädagogik-Unterrichtes und fühlte mich heute, bald fünfzig Jahre später, genauso zermatscht wie damals.
Welche Gedanken und Aktionen wurden von woher gesteuert, was war das Über-Ich, wenn nicht gar nur eine verrückte Erfindung, um uns Normalmenschen noch mehr zu verwirren als ohnehin schon? Wie hätte ich mich selber einzustufen, falls all meine Überlegungen und die daraus resultierenden nachfolgenden Aktionen total gegen die bisherigen Psychologie-Erkenntnisse liefen? Würde ich dann als Alien gelten?

„Unsinn!“
Rigoros schnappte sich mein Unterbewusstsein mein Bewusstsein, jenes wiederum klammerte sich zur Sicherheit an mein Überego oder pflichtbewusst auch umgekehrt. Alle drei gemeinsam spornten meinen guten Willen an, eine wirklich gelungene Rede zu halten und wenn jener erst einmal die Oberhand gewonnen hatte, nahm ich es auch resolut in Angriff.
Entschlossen zogen wir Vier zum Veranstaltungsort und nach der salbungsvollen Begrüßung einiger wichtiger Persönlichkeiten als da waren Schuldirektor und - oh Gott - Schulrat zum Rednerpult. Der Anblick des Mikrophons beruhigte mich enorm, denn so würde meine Piepstimme bis in die hintersten Stuhlreihen in der recht großen Aula vordringen. Gleichzeitig aber brach mir seinetwegen der Schweiß aus und ließ mich heftig schlottern.

Ein einziges falsch gewähltes Wort und in Sekunden wurde aus mir ein jämmerliches Nichts, preisgegeben der erbarmungslosen Verachtung des selbstverständlich bestens vorinformierten Publikums. Daraufhin mit Schimpf und Schande meines Amtes enthoben, sah ich mich bereits im Arbeitsamt in der langen Schlange vor einem jener fast heiligen Büros stehen und um Gnade sowie einen neuen Arbeitsplatz flehen. Weil ich wegen des Rauswurfes total geschockt war, quittierten mein Unterbewusstsein, Bewusstsein und erst recht mein Über-Ich infolge ihren Dienst, so dass ich nur dämlich in die Gegend stierte. Die Peinlichkeit der Situation würde mir zm Glück gar nicht bewusst werden.

Ich riss mich zusammen, trat ans Pult, setzte die dem Anlasse angemessen ernste Miene auf und ließ meinen Blick flüchtig über die Zuhörerschaft wandern. Ungeduldig scharrten die Leute bereits mit den Füßen leise übers Parkett. Laut gehörte sich das ja nicht. Dies hatte deren Unterbewusstsein noch gerade rechtzeitig ihrem Bewusstsein eingetrichtert.
„Meine sehr verehrten Damen und Herren!", begann ich.
Wie denn auch sonst, denn genau diese Worte hatte mein Unterbewusstsein meinem bibbernden Bewusstsein mit auf den Redeweg gegeben.
„Die Psychologie!", fuhr ich fort, bereits etwas psychologisches Land gewinnend, „ist uns heute bei der Erkennung seelischer Probleme eine große Hilfe. Sie findet für alle Möglichkeiten und noch mehr für alle Unmöglichkeiten garantiert die richtige Ursache, sei es in der Kindheit oder gar schon vor der Geburt des Einzelnen, ohne die Begründung dafür dann noch begründen zu müssen."

Prüfend musterte ich die Gesichter vor mir.
´Bin ich vielleicht schon zu wissenschaftlich vorgegangen, kommen deren Unterbewusstsein, Bewusstsein oder wenigstens deren Über-Ich überhaupt noch mit?`
Ich schaute in aufgesetzt verstehende Mienen, vernahm hie und dort ein zustimmendes Gemurmel oder sogar ein schüchternes Lachen. Letzteres aber brachte so manches umsitzende Unterbewusstsein auf die Palme, so dass es das Gefühl aufkommender Wut ins betreffende Bewusstsein katapultierte. Dies wiederum hatte empörte Blickblitze jener Zuhörer in Richtung des Lachers zur Folge. Eingeschüchtert schämte der sich schleunigst, verhielt sich von da an mucksmäuschenstill und bediente sich so zwecks Bewahrung seines Seelenfriedens heimlich einer allgemein bekannten als auch massenhaft genutzten psychologischen Taktik.

„Noch vermögen sie meinen Worten zu folgen. Das gilt es auszunutzen!“
Und ich nutzte es nach Kräften aus, steigerte mich zunehmend und bombardierte meine armen Zuhörer mit einer regelrechten Worttirade. Währenddessen beobachtete ich sehr wohl deren Reaktion darauf. Zufrieden registrierte ich, wie sich die bloß mäßig interessierten in sehr interessierte und dann faszinierte Mienen wandelten.
´Darf ich denen noch mehr zumuten?`, zweifelte ich.
Ungeachtet dieser Verunsicherung setzte ich aber, weil inzwischen extrem in Fahrt geraten, alles auf eine Karte.

Meine Argumentationsführung wurde dem Geiste eines wahren Genies würdig. Gebannten Blickes hing das Publikum an meinen Lippen.
„Ihnen allen ist ´Freud` bekannt, der uns die nun nachfolgenden Begriffe in seiner Psychoanalyse auf sehr einleuchtende Weise begreiflich gemacht hat.“
Nach diesen bedeutungsschwangeren Worten machte ich eine kleine, unbedeutende Pause, um wirklich alles an Konzentrationskraft beziehungsweise -willen heraus zu fordern. Atemlose Spannung herrschte im Saal.
Ich fuhr fort:
„Sigmund Freud (1856 - 1937) entwickelte die Psychoanalyse, deren Basisbegriff das Unbewusste ist, dessen Einführung in die Psychologie geradezu einer Entdeckung gleichkam.“
Leider erlitten allein bei der Erwähnung des Freud´schen Namens wie auf Kommando zahlreiche Zuhörer sichtbare Bewusstseinsschwächen, gaben eindeutig den Kampf ums Verständnis auf- und sich frustriert einem hoffentlich unbeobachteten Nickerchen hin.

Dem restlichen, äußerst angestrengt lauschenden Publikum eröffnete ich die tiefsten psychologischen Geheimnisse:
„Alles Erleben und Verhalten ist nach der Theorie der Psychoanalyse stets insofern realitätsbezogen, als das ´Ich` des Menschen zwischen den Triebansprüchen des unbewussten ´Es` den im ´Über-Ich` individuell ausgebildeten Gewissensforderungen sowie den augenblicklichen Gegebenheiten der Realität vermittelt usw., usw. ... !“ (Zitat)

Nach dieser bewusst hoch intellektuell gehaltenen Rede herrschteStille im Saale. Das Bewusstsein des Publikums arbeitete auf Hochtouren, ließ sich dabei vom Unbewussten und ebenso vom Über-Ich zur Seite stehen, um jene Wahnsinnsausführungen wirklich sich bewusst zu machen und beinahe unbewusst zusätzlich im Gedächtnis zu speichern.Wegen des krampfhaften Überlegens zeigten sich über den Köpfen meiner Zuhörer wahre Rauchschwaden. Kurz darauf bildete ich mir ein, die ersten stiebenden Funken als Folge des nunmehr vor Anstrengung nicht mehr vermeidbaren Gehirnbrandes zu sehen. Jener sorgte für die Lösung der knisternden Spannung und löste erneut Bewegung unter den Zuhörern aus. Jemand sprang auf, feierte mich mit ´Standing ovations` und schrie begeistert:
„Ein brennend interessantes Thema!“
Dieser Zwischenruf beendete abrupt die bewusst gewollte Denkpause derjenigen, die eigentlich nicht mehr hatten mitdenken wollen. Sie schreckten auf und führten, von ihrem unbewussten ´Es` sehr bewusst und nachhaltig unterstützt, betont engagiert wissende Mienen vor. Nie hätten sie in dieser erlauchten Gesellschaft zugegeben, dass absolut nichts von dem, was referiert worden war, ihr Bewusstsein erreicht geschweige denn sogar ins Unbewusste gedrungen war.
Aber weil ich wusste, dass es genau an dem war, ergriff ich pflichtbewusst die Gelegenheit beim Schopfe und erklärte alles aufs Neue, diesmal im bewussten Stil für Unwissende:
„Also, Ihr ´Es` treibt Sie, auf dem Markt eine Banane zu klauen. Ihr Über-Ich meckert dagegen los. Sie empfinden lästige Gewissensbisse, ignorieren sie und mopsen das Obst trotzdem, weil Sie es eben unbedingt haben wollen!“
Befreites Lachen, dröhnender Applaus.

Gut nur, dass diese Erklärung nicht mehr in Sigmund Freuds Bewusstsein dringen würde ...






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