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Eine besondere Herzlichkeit ...

Von tastifix Samstag 25.04.2020, 09:53

Ich betrete zum ersten Male in meinem Leben eine solche besondere Einrichtung. Nein, es ist kein Heim, sondern eine Schule für körperlich und geistig wie auch für körperlich/geistig behinderte Kinder und Jugendliche. Diese jungen Menschen leben in ihren Familien, erfahren daheim die erforderliche Betreuung rund um die Uhr und hier diese für mehrere Stunden auch.

Diesen „Tag der offenen Tür“ nutze ich, um einen Einblick in den womöglichen späteren Beruf meiner Tochter zu bekommen, die nach ihrem Abitur nicht studieren, sondern augenblicklich den Wunsch hat, Heilerziehungspflegerin zu werden.
Ich beobachte sie im Umgang mit den teils schwerkranken Kindern. Sobald eines sie anspricht, leuchtet ihr Gesicht. Sie hatte mir gesagt, wie glücklich es sie macht, wenn sie sie lächeln sieht und wie süß diese Kinder ihre Dankbarkeit für jede Kleinigkeit zeigen. Einige können sich nicht mal artikulieren, sehen sie vielleicht nur lieb an und drücken kurz ihre Hand. Diese Blicke gehen tief ins Herz.

Heute nun kann ich deren Alltag ein wenig kennenlernen. Ihre Welt fasziniert mich. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus, zu welchen Leistungen sie fähig sind. Als gesunder Mensch schätzt man vieles völlig falsch ein. Ich besichtige die verschiedenen Therapieräume für Sprachtherapie, Motorik- und Musiktherapie. Die letztere hilft in besonderem Maße den autistischen Kindern. Über Klänge bauen die Betreuer die zwischenmenschliche Beziehung zu ihren Schützlingen auf.
Auch ein kleines Schwimmbad gehört zu der Schule. Hier mache ich die Erfahrung, wie sehr selbst die Schwerstkranken den Aufenthalt im Wasser genießen. Vorsichtig und langsam werden sie quer durchs Becken getragen. Manche geben freudige Laute von sich, andere strahlen übers ganze Gesicht.

Selbstverständlich besuchen wir anschließend auch die Stände mit den selbergefertigten Werken der Kinder, die sie entweder ganz allein oder auch mit Hilfe ihrer Lehrer geschaffen haben. Es sind Bastel- und Malarbeiten. Mich beeindrucken besonders die Werke einer jungen Malerin, die im Rollstuhl vor ihrem Stand sitzt. An der Wand dahinter hängen ein paar ihrer Gemälde. Es sind wunderbare Farbkompositionen, die ich lange betrachte. Auf dem Tisch liegen zusätzlich noch ungerahmte Arbeiten. In einer Broschüre lese ich nach, dass diese junge Künstlerin schon mehrmals öffentlich ausgestellt hat. Es weckt mein Interesse und wir kommen ins Gespräch.

Deutlich zeige ich ihr meine Begeisterung. Leider spricht sie nur sehr undeutlich, aber zwischen uns ist es Sympathie auf den ersten Blick. Ich merke ihr an, wie sehr sie sich über meine Worte freut. Das nimmt mir die letzte Hemmung:
"Ich kann leider gar nicht malen, ich könnte es so gern!"
Sie strahlt mich an.
"Und ich kann es auch nicht!", verrät meine Tochter dem jungen Mädchen.
Es tut diesem sichtlich gut, es tut uns gut - dieses kurze herzliche Gespräch.

Sowieso verwischt der Schock der ersten Minuten beim Anblick des Elendes mehr und mehr. Im Gegenteil fühle ich mich ausgesprochen wohl. Keines der Kinder sieht traurig oder verzweifelt aus. Stattdessen sehe ich in fröhliche Augen und vernehme helles Lachen. Auch ihre Betreuer und Lehrer wirken sehr lebensfroh. Wie anders aber wäre auch all dies zu ertragen? Ja, es ist besondere Herzlichkeit, die zwischenmenschliche Wärme, die in diesem Hause überall zu spüren ist, die dem Leid seinen Schrecken nimmt und es uns Gesunden möglich macht, ein unbefangenes Verhältnis zu den Behinderten aufzubauen.

Eine Stunde spätzer verlassen wir die Schule. Auf dem Heimweg allerdings ist mir sehr eigenartig. Es beweist mir, unter welch innerer Anspannung ich gestanden habe. Ich spreche mit meiner Tochter darüber:
"Weißt du, es ist mir, als ob ich eine andere, besondere Welt betreten habe, in der aber das Wissen um die Krankheiten dieser Kinder durch die tolle Atmosphäre dort viel besser zu ertragen ist. Doch jetzt, zurück im „gesunden" Alltag, kehrt das Erschrecken wieder."
Sie lächelt verstehend.

Der Besuch jener Behindertenschule hat in mir etwas ausgelöst, wofür ich dankbar bin: In Erinnerung daran werde ich nun behinderten Menschen noch weitaus unbefangener begegnen können als bislang.

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