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Ein Oldie auf der Zielgeraden

Von tastifix Mittwoch 16.09.2020, 12:58

Schon seit jeher geht es so:
Morgens nach dem Aufstehen streichele ich mein Handy, wünsche ihm mit einem zärtlichen Druck auf ´on` einen guten Morgen, ernte dafür einen leuchtenden Blick aus seinem Displayfenster und wie immer sind wir ein Herz und eine Seele beziehungsweise eher ein Herz/ eine Sim-Karte.

Soviel technische Solidarität muss belohnt werden. Mein Handy begleitet mich überall hin und ich verzeihe ihm sogar (ab und zu) sein dauerndes aufdringliches Bimmeln.
´Bedenke, es hat Dich noch nie im Stich gelassen!`
Gerührt schenke ich ihm - wohl zum tausendsten Male - einen innigen Blick.
„Welcher Mensch würde mir wohl dermaßen zuverlässig die Treue erweisen ... Mein kleiner süßer Freund!“
Deshalb vergebe ich es ihm auch, dass es alle zwei Minuten los schrillt. Es ist wohl seine Art, Dankbarkeit zu beweisen.

Nun zählt mein Handy eher bereits zu den Oldies, was es mir aber besonders wertvoll macht. Ich schwärme für Oldtimer. Es ist eines von denen, mit denen man tatsächlich noch telefonieren kann, ohne aus Versehen einen winzigen Fernsehbildschirm zu aktivieren. Solch einen Schnickschnack besitzt es nämlich nicht und ich bin darüber sehr erleichtert: Frau und Technik!

Oft mache ich mir einen Spaß der besonderen Art. Ich krame es aus meiner Tasche und halte es für jeden weithin sichtbar hoch in der Hand. Denn ich bin auf alles gefasst: Von entsetzten Blicken bis blasiert hochnäsigen Mienen hat uns ´Ein Herz/eine Simkarte` schon alles getroffen. Am meisten aber amüsieren mich die mimischen Mitleidsbezeugungen der Snobs mit deren Luxusgeräten.
´Mein Gott, die Arme!`
´Wilhelminus, haste mal nen Cent über?`
Wilhelminus von und zu Wasweißich möchte der Bitte seiner Angetrauten eigentlich gern Folge leisten. Die adlige Kinderstube jedoch hält ihn in letzter Sekunde denn doch hiervor zurück.

Kurz darauf ist es an mir, vor Mitleid zu zerschmelzen. Wilhelminus` Angetraute mit dem wohlklingenden Namen Adelaide wedelt mir ostentativ mit der ihr eigenen Super-Edelausgabe eines Fernseh-Foto-Smartphones vor der Nase herum und übt sich im Extra-vornehm-Dreinschauen. Selbst dieses High-Society-Gerätchen beherrscht wirklich noch den Handy-Knigge und bimmelt fordernd. Madame Adelaide zuckt zusammen. Unter Schock stehend findet sie die richtige Taste nicht und tippt irritiert kreuz und quer auf der Tastatur herum:
„Menno, Wilhelminus, so hilf mir doch mal ... !“
Zu spät. Das elegante Smartphone hat jenen Masseneinsturm von Befehlen nicht ertragen und verabschiedet sich gekränkt ins hilflose Schweigen.

Hochroten Gesichtes vor Scham und mit einem gequälten Lächeln wenden sich die Beiden an mich:
„Entschuldigen Sie? Es geht um einen sehr wichtigen Anruf. Würden Sie uns wohl kurz Ihr Handy leihen ... !!?“

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