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Die Verkaufsfahrt

Von tastifix Dienstag 12.03.2019, 12:52

„Hast du Lust, mitzukommen?“, fragt meine Freundin.
Ziel ist ein großer, bekannter Bauernhof in der Nähe von Haltern.
“Dort gibt’s nach einer Veranstaltung ne Riesentüte Kartoffeln und verschiedene Wurstsorten kostenlos.“
´Aha, daher weht der Wind!`, grinse ich. ´Aber - dafür bis Haltern?`
Trotzdem sage ich zu. Ein Ausflug mit ihr wird bestimmt lustig. Wir stehen um 6 Uhr auf, frühstücken eilig, lassen uns vom Taxi zum Bahnhof bringen und steigen gegen 8 Uhr in den Bus. Der vorsichtshalber wegen der Kartoffeln und der Wurstsorten mitgeschleppte Trolley findet knappen Platz in dem äußerst schmal bemessenen Ablagefach direkt über uns.
„Bleib` ja da oben!“, beschwöre ich ihn.
Gegen 12Uhr erreichen wir den Bauernhof. Angenehm überrascht mustern wir das hübsche Empfangsgebäude. So lassen wir uns gutgelaunt voller Vertrauen gleich einer Herde durch die Gänge bis in einen großen Saal schieben. Dort verflüchtigt sich die gute Laune recht fix. Die Einrichtung ähnelt der einer äußerst spartanisch ausgestatteten Uni-Mensa. Lieblos aneinander gereihte Tische und vor denen extrem unbequeme Stühle. Ein paar Gardinen und auf den Fensterbänken je drei kümmerliche Pflanzen sollen das Bild wohl erträglicher gestalten. Ganz vorne steht ein Pult. Das Fernsehgerät darauf bietet den einzigen Lichtblick in diesem wahrlich tollen Ambiente. Allerdings stammt der Kasten - wie passend - gleichfalls von anno dazumal.
„So, jetzt setzen wir uns alle hin ...“, fordert der junge Verkaufsleiter uns Senioren im Kindergartentantenton auf.
Wir, seine 76 Gäste plumpsen auf die harten Stühle geplumpst und schon schießen von allen Seiten Kellner auf uns zu. Es herrscht ein ohrenbetäubender Lärm und so brüllen sie uns die Ohren voll:
„Was wollen Sie trinken?“
Die Meisten wählen Kaffee, ich dagegen Tee und der Kellner verziert meine Eintrittskarte mit einem künstlerisch gestylten ´T`.
Derweil marschiert der Verkaufsleiter zur rechten Saaltür, durch die wir ja soeben hier rein getrieben worden sind. Mit zwei Fingern der linken Hand ruckelt er ein bisschen daran. Die Tür weicht nur um wenige Zentimeter.
„Sie sehen, sie ist nur sehr schwer zu öffnen. Bitte, benutzen Sie also nur die linke!“
Die aber führt, wie unschwer ein Schild verrät, nur bis zum Klo. Mir schwant:
´Ausbüchsen ist nich!`
Betont nachdrücklich und ebenso laut schließt der Verkäufer die Tür wieder, patroulliert in geradezu militärischer Haltung und dazu passender undurchdringlicher Mimik an den Tischen entlang zum Pult, stellt sich in Positur, lächelt charmant in die Runde und lässt, wie er wohl findet, nooch weitaus charmantere Witze vom Stapel. Ich finde die ausgesprochen primitiv.
Dann erinnert er sich anscheinend an die Gebote der Höflichkeit:
„Es gehört sich, dass ich mich vorstelle: Ich bin der Heinz (lächel!) und um allen weiteren Fragen vorzubeugen (Lächeln wird stärker): Ja, ich bin verheiratet und ja, ich habe drei Kinder ...“
Lachen und beifälliges Nicken von allen Seiten.
„Wenn Sie Fragen haben, sind ich und meine Mitarbeiterin für Sie da!“
´Hm`, denke ich. ´Der Esel nennt sich immer zuerst!!`
Es bleiben Heinz` letzte nette Anmerkungen für den außerordentlich langen Rest des Tages. Jetzt kommt er nämlich in einem ausgesprochen dominanten Tonfall zur Sache.
"Wer von Ihnen hat schon mal Rückenschmerzen gehabt?"
Seufzend heben Einige die Finger in die Luft.
"Genau! Ihre Matratzen daheim taugen nichts. Werfen Sie sie auf den Müll und kaufen Sie sich heute sofort diese hier!!"
Mit einer Geste, die fast einem Befehl gleichkommt, zeigt er auf das gefälligst zu erwerbende Ding auf einem Tisch neben ihm. Es ist imponierende 25 cm dick.
„Was kostet die denn?“
Einige beweisen den Mut und fragen da tatsächlich mal nach. Beleidigt blitzt Heinz sie sauer an, reißt sich aber dann fix am Riemen, wird wieder ganz lächelnde Maske und antwortet gelassen in überheblichem Ton:
„2000 Euro! Dieses Geld muss Ihnen aber Ihre Gesundheit wert sein!!“
Die nur zum Teil zustimmende Reaktion zeigt ihm, dass es da mehr bedarf. so So startet er einen augenscheinlich sehr fachkundigen Ausflug kreuz und quer durch den Psychrembel, dem überaus beliebten medizinischen Standardwerk für Studenten, das selbst jene wegen des zusammengetragenen Fachchinesisches öfters beinahe zur Verzweiflung bringt.

Der versammelten Seniorengesellschaft wird’s allmählich mulmig.
„Die sehen sich garantiert bereits im Rollstuhl!“, flüstere ich meiner Freundin zu.
„Arthritis, Rheuma, Ischias, Osteoporose ...“
Es findet einfach kein Ende. Die Gesichter ringsum werden lang und länger und das Gemurmel bang und banger, bis es schließlich fast gänzlich verstummt. Schließlich wollen sie als anständige Gäste gelten. Heinz quittiert es mit wohlwollendem Lachen.
´Jetzt hab ich die!`, verrät es.
Nur, dass sie ´gehabt werden`, merken jene Gäste immer noch nicht und saugen weiterhin jedes Wort von seinen Lippen in ihre brave, in die Irre geleitete Käuferseele hinein und sagen dann fast zu allem ´Ja und Amen`. Ein paar sind tatsächlich von dem Kerl dort vorne dermaßen eingenommen, dass sie ihm sogar ihre vollständige Leidensgeschichte berichten.
„Ja, das ist ja mein Reden. Ihre Matratzen daheim taugen nicht. Weg damit und Sie werden sehen, dass Ihre Beschwerden verschwinden!! - Überlegen Sie gut: Wer es nach diesen Stunden immer noch nicht kapiert haben sollte, der ...“
Nur noch mühsam halte ich mich davor zurück, nachzuforschen, was denn mit dem dann sei … ?

Eine weitere halbe Stunde später - es sind immer noch keine Matratzen verkauft worden - schlägt Heinz einen noch derberen Ton an:
„Wenigstens einige von Ihnen scheinen richtig überlegt zu haben und sind so klug, sich für diese Matratze zu entscheiden.“
Die Betreffenden lächeln geschmeichelt dazu. Ja, sie haben eben den geforderten Grips für eine dermaßen wichtige Entscheidung.
„Von wegen, Rückenschmerzen &Co ade. Dafür aber um 2000 Euro ärmer!!“
Im Gegensatz zu mir, die ich wegen der gesammelten Unverschämtheiten extrem wütend bin, bleibt meine Freundin immer noch ziemlich gelassen.
„Möönsch, ist ja unmöglich, was hier abläuft!“, äußere ich nicht mehr ganz so leise.
„Pssst, nicht so laut!“, mahnt sie nur.
´Aha, die Kartoffeltüte und die Würste!`, sage ich mir.
Der Polizeibeamte und ich dagegen schütteln nur fassungslos den Kopf. Am Pult nimmt das Reden und vor allem das auf die Gäste Einreden einfach kein Ende.
„Bereits zwei Stunden. Der quasselt uns noch matsche!“, schimpfe ich, bereits ein wenig lauter.
„Psssst!“
Zu spät. Diesmal ist Heinz aufmerksam geworden:
„Meine Damen und Herren: Ich habe den Eindruck, dass vor allem in den hinteren Reihen nicht achtsam zugehört wird. Tja, denen ist dann auch nicht mehr zu helfen … !!“
„Alsoooo“, setze ich empört an, schlucke aber aus Rücksicht auf meine Freundin und den zu erwartenden Kartoffel- und Wurstsegen den Rest in letzter Sekunde runter.
Diese Frechheit allein schlägt dem Fass den Boden aus, aber sie reicht Heinz keinesfalls. Jetzt zitiert er die Leute nach vorne - wie Schüler zur Tafel - und sie haben einer nach dem anderen die besagte Matratze zu befühlen. Leider sind jene inzwischen dermaßen eingeschüchtert, dass sein Vorgehen tatsächlich den längst gewünschten Erfolg bringt, Heinz danach mehrere Tausender mehr in der Tasche hat und seine Kunden entsprechend weniger. Fünf Matratzen sind verkauft. Es ist genügend des Umsatzes für diesen Tag.
Unsere Gruppe wird gnädig durch die rechte Saaltür entlassen. Sie funktioniert nämlich erstaunlicherweise wieder auffallend gut.
Selbst meine Freundin ist es jetzt endgültig leid und wir sehen zu, dass wir wegkommen. Nie wieder!!

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