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Des Mannes sehnlicher Wunsch - eine Dauerwelle!

Von tastifix Freitag 08.03.2019, 11:44 – geändert Montag 11.03.2019, 13:02

Jörg hatte schon seit Monaten überlegt:
´Soll ich oder doch nicht?`
Zweifelnd hatte er seinen Haarschopf beäugt, ihn probeweise mit den Fingern gedreht und doch seufzend wieder geglättet.
´Hat keinen Zweck. Wird nie was!`
Doch der Gedanke daran ließ ihn nicht los und so stand eines Tages sein Entschluss fest:
´Entweder jetzt oder nie!`
Er suchte sich einen gut angesehenen Salon, fand einen mit dem bezeichnenden Namen ´Plusterwelle`, kleidete sich an jenem Tag besonders schick - hob ja das Selbstbewusstsein und stärkte den Mut - und betrat den Ort seiner Träume.

´Guten Tag, mein Herr! Dürfte ich Ihnen den Mantel abnehmen. Sie wollen sicherlich ihre Gattin abholen?`
Die junge Friseurin war ausnehmend hübsch und prompt fing Jörg, dem soundso schon das Herz in die Hose gerutscht war, unbeholfen an zu stottern:
„Ääh, nein … Ich meine: Eher nicht!`
„Ach, ich sehe schon“, schaltete sie fix, besah sich prüfend seine recht langen Haare und erklärte:
„Das haben wir gleich! - Bestimmt kürzen, ja?“
Charmant geleitete sie ihn weiter hinten in den Salon, vorbei an mehreren bequemen Sesseln, in denen Frauen hoffnungsvoll die Hitze aus den Trockenhauben ertrugen und sich die Zeit mit den neuesten Klatschgeschichten aus den High-Society-Heften über den zweibeinigen, ewig grinsenden Inhalt vertrieben. Doch urplötzlich vermochten jene sie nicht mehr zu fesseln. Es tat sich ja etwas Ungewöhnliches: Da spazierte wirklich ein Mann durch ihr Frisurenparadies, dazu noch einer mit einer echt sehenswerten Pseudo-Frisur. Wie die Friseurin zuvor musterten sie ihn kritisch und zählten dann nach Diagonal-Methode dessen Haare nach, was erstaunlich fix erledigt war.
„Die hätte der sich aber mit ´ner Nagelschere daheim selber schneiden können! Was will er bloß hier?“

Unwissen quält! Die weiblichen Wesen wandten sich die Watte umkleideten Köpfe zu und tuschelten angeregt. Eigentlich hätte Jörg darauf stolz sein können, denn so trug er hier zu noch mehr Gemütlichkeit bei. Dagegen fühlte er sich ständig elender. Gleich, gleich müsste er der Friseurin beichten, wozu er denn wirklich ihre Dienste in Anspruch nehmen wollte.

„Zuerst waschen wir mal! Und wie kurz soll es werden?“
„ Ja, also: Ich hab nen besonderen Wunsch ...“
„Vielleicht ein bisschen Gel ins Haar? Dann wirkts ein wenig fülliger!“
„Nein,“ hub er an, „ich möchte ... ´ne leichte Dauerwelle!“
„Wie meinen Sie … !!??“
Jörg wurde puterrot. Schweigen ringsum, die Frauen starrten ihn an. Ihre Blicke verrieten mehr als deutlich, was sie in diesem Moment dachten. Zwei flüsterten sich zu:
„Was ist denn das für einer?“
„Na, könnte ja sein, dass er ...“, ergänzte die Andere.
Eindeutig hatten sie Schwierigkeiten, ein Grinsen zu unterdrücken. Gleich so erging es der Friseurin:
´Nein! Des Kunden Wunsch ist sein Himmelreich! Also los!!`
Unter aufmerksamer Beobachtung durch die Kundinnen führte sie ihn zu seinem Sessel, legte ihm einen schicken Frisier-Poncho um und musterte den wahrlich unbändigen Haarschopf.
„Aber bitte nur ne leichte!“, bat Jörg, dem es ständig peinlicher wurde.
„Keine Sorge, das krieg ich schon hin! Bin gleich wieder hier!`
Rasch verschwand sie ins Hinterstübchen zu ihren Kolleginnen, wo sie sich von dieser Überraschung erstmal ein paar Sekunden erholte. Mit den für eine Dauerwelle nötigen Utensilien
kehrte sie zurück. Zum Glück hatte sie noch ein paar Puppenlockenwickler gefunden, die ein kleines Mädchen bei dem Besuch mit ihrer Mama vergessen hatte. Vorsichtig griff sie sich eines der Haare und drehte es auf den Wickler. Dann das nächste und so weiter … Derweil zählte sie eifrig mit:
´Ein Haar, noch eines, ein drittes ...`
Ja, es artete denn in echte Arbeit aus, denn es ergab sich die stolze Summe von immerhin zwanzig sich total glatt präsentierenden Exemplaren.
„So, fertig! Jetzt muss das ne halbe Stunde einwirken!“
Sprachs, verzierte Jörgs Denkerstirn mit einer weißen Wattebausch-Banderole, mit der er sich vor kam wie ein Kriegsbemalung-Albino-Indianer, stülpte ihm die Haube über, drückte ihm noch eine Zeitschrift in die Hand und verschwand.

Dankbar versteckte Jörg den Kopf soweit als möglich in der ihn vor den amüsierten Blicken wenigstens halbwegs schützenden Trockenhaube. Um seine Verlegenheit zu verbergen, vertiefte er sich in einem der Hefte augenscheinlich völlig fasziniert in einen Artikel über Schminktechniken, der zum Glück fast drei lange Seiten einnahm. Im Stillen hoffte er derweil, dieser blamable Kelch des Ausgeliefertseins würde sich rasch von dannen schwinden. Nein, er musste tatsächlich jene dreißig Minuten durchhalten. So las er den Text bestimmt viermal und durfte sich zugestehen, ihn danach fast auswendig zu kennen.

Endlich, nach genau einer halben Stunde, hievte die Friseurin die Haube in die Höhe. Aufatmend genoss Jörg die kühlere Luft um ihn herum. Seine Betreuerin entfernte nun, genauso rücksichtsvoll, wie sie sie eingedreht hatte, die blamablen Wickler wieder. Urplötzlich erneut angespannt wie vordem hielt Jörg den Atem an und kniff die Augen fest zu. .
„Na, sieht doch gut aus!“, lachte die wohl sehr sensible junge Frau, die merkte, wie ihm zumute war. „Sehen Sie mal!“
Jörgs Herz klopfte bis zum Hals, seine Hände waren schweißnass. Beklommen schielte er tapfer in den ihm vorgehaltenen Spiegel. Dort kringelten sich gleich Gewindewürmern immerhin zwanzig Haare quer und kreuz über den Kopf.
„Es steht Ihnen!“
„Ääh...“
„Wir können ja Haar Nummer Sechs noch ein wenig mehr zur linken Seite und Haar Nummer Zwölf und Dreizehn zur rechten frisieren. - Möchten Sie vielleicht noch etwas Haarspray?“
„Nein, danke! Nicht das auch noch!“
Jörg bezahlte, spendierte viel Trinkgeld - sie war ja so nett gewesen - und verließ fluchtartig den Salon.

Draußen regnete es in Strömen. Die zwanzig Haare freuten sich über die Dusche und krümmten sich noch kringeliger. Obendrein wurde es windiger. Jörgs Haarwürmer flogen ihm nur so um die Ohren. Der Wind, hoch erfreut über das neue Spielzeug, wirbelte sie heftig nach oben und zur Seite, Jörg ähnelte verdächtig den angeblichen Marsmännchen mit den Antennen auf dem Kopf.
Daheim verzog er sich ins Bad, bürstete eine ganze Weile und war dann sehr erleichtert. Die Haare trotzten nicht länger, die jetzt gehasste Dauerwelle schwand mehr und mehr, damit auch Jörgs Ähnlichkeit mit einem Alien und er fühlte sich wieder als ein normaler Mann.

Es blieb die erste und letzte Dauerwelle seines Lebens!

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