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Der Schritt dorthin ...

Von tastifix Montag 07.09.2020, 16:57

Es kam zu unerwartet, als dass sie in dem Moment die Bedeutung der Worte richtig hätte erfassen können:
„Maria, unsere Mutter ist letzte Nacht gestorben!"
Es war einer der drei Söhne, der ihr von weither die Nachricht übermittelte. Die Mutter war 91 Jahre alt geworden und hatte sich in vielen Bereichen sehr engagiert, sowohl beruflich als Ärztin, in ihrer Arbeit als Stadträtin als auch bei ihrer aufopfernden Hilfe in mehreren sozialen Einrichtungen.
„In den letzten Wochen war sie schwer krank. Sie ist zu Hause gestorben."
Zu Hause, das war das große Haus der Arztfamilie in einer Stadt am Bodensee, das der älteste Sohn, selber Arzt, nach dem Tod des Vaters mitsamt der darin befindlichen Praxis übernommen hatte.
„Maria, kommt Ihr?"
„Ja, selbstverständlich!"
Es würde eine anstrengende fünfstündige Fahrt werden. Aber die innere Verbundenheit mit der Verwandtschaft ließ keine andere Entscheidung zu.

Maria und ihr Mann beschlossen, dort zu übernachten und am Samstag zurückzufahren. Zum Glück spielte das Wetter mit, sie mussten sich nicht mit irgendwelchen Staus herumplagen und kamen zügig durch. Bereits nach viereinhalb Stunden parkten sie vor dem Haus der Verwandten, vor dem sie von Frederic, dem Ältesten und dessen Frau Sabine liebevoll begrüßt wurden. Dann machte Frederic ihnen einen Vorschlag:
„Wenn Ihr sie nochmal sehen wollt - sie ist aufgebahrt - dann kommt morgen in der Früh zu uns. Ich begleite Euch dorthin!"
Spontan antwortete Maria:
„Ich möchte sie auf jeden Fall sehen. Wir haben uns sehr
gemocht."
Am Samstag fuhren sie zum Haus des Bestatters. Eine Frau führte sie in den kleinen, gedämpft beleuchteten Saal, in dessen Mitte der offene Sarg stand. Am Eingang zögerte Maria kurz. Es war nicht etwa, dass sie zurückschreckte vor der Konfrontation mit dem Tod an sich. Ihre Angst war eine andere:
„Wird sie sehr verändert sein, werde ich sie überhaupt erkennen? Wie werde ich mich dabei fühlen?"

Sie riss sich zusammen und heftete den Blick auf das Antlitz der Toten. Ihr Herz setzte fast aus, sie erstarrte. Eine Fremde lag dort, die fast nichts mehr gemein hatte mit der Frau, die sie so gern gemocht hatte.
„Mein Gott!", dachte sie erschüttert und betrachtete das unnahbar strenge Gesicht, dass nichts von der einstigen Herzlichkeit erahnen ließ.
„Das ist nicht sie, wie sie war!"
Maria sagte sich wieder und wieder:
„Sie ist es, auch wenn sie noch so fremd erscheint. Sieh` auf ihren Mund. Es ist der selbe geblieben, dessen Lippen von der Entschlossenheit sprechen, die für sie so charakteristisch gewesen ist!“
Sie versuchte, ausschließlich ihn zu betrachten. Er wurde zum optischen Halt des Miteinander-Vertrautseins, gab ihr die Freiheit, die Gefühle, die sie mit diesem Menschen verbunden hatte, sogar hier vor dem Sarg, noch immer empfinden zu können.

Aufatmend, den Schock wegen der Fremdheit ein wenig überwunden zu haben, betrachtete sie die Tote nunmehr genauer, die streng nach hinten frisierten Haare, die hohe Stirn, die geschlossenen Augen, die im Leben vor Temperament und Fröhlichkeit so sehr geblitzt hatten. Sie schaute auf die schmalen, langfingrigen Hände, die ihr Leben lang für Andere geschuftet, sie gepflegt und geheilt hatten und nun so still wie im Gebet dort lagen.
Am liebsten wäre Maria zu ihr gegangen, hätte ein letztes Mal über diese Hände gestrichen und ihr gesagt, wie leid es ihr nun tat, sich nicht in der letzten Zeit noch einmal gemeldet zu haben, wenn auch nur telefonisch, denn sie wohnten ja fast 470 km auseinander.

Doch Maria beschlich eine ehrfürchtige Scheu. Statt näher zu treten, verharrte sie auf ihrem Platz, ohne allerdings den Blick von der Toten zu wenden. Noch immer befand sie sich in einem außerordentlichen Gefühlszustand. Beschreiben konnte sie ihn nicht. Es war, als ob alles wie ein Film vor ihr abliefe, die Tote als Hauptfigur und sie selber beinahe nur als eine Statistin.
Niemand sagte ein Wort, wie um diese besondere Stille, die in diesem Saale herrschte, nicht zu brechen. Es war die Stille, die die Verbindung zum Jenseits zu sein schien. Es herrschte Frieden, der nur noch den einen Gedanken zuließ, dass Maria diese Frau nie vergessen würde.

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