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Das Loch

Von tastifix Donnerstag 21.05.2020, 12:52

Verärgert betrachte ich den Strumpf in meiner rechten Hand. Einen relativ neuen Strumpf. Drei Tage alt, aus reiner Baumwolle und zudem ein edles Markenfabrikat. Tja, und bereits heute schlage ich mich seinetwegen mit heftigem Frust herum.
Eigentlich pflegen Strümpfe sehr an ihrer anderen Hälfte zu hängen. Doch ich finde nur noch diesen Einen. Sein Partner hat sich irgendwo versteckt, was er gar nicht nötig hätte, denn er sieht genauso apart und schick aus wie das Exemplar hier zwischen meinen Fingern. Noch gehe ich jedenfalls davon aus.

Wo, verflixt, ist Strumpf Nummer Zwei geblieben? Warum nur verschwinden die Dinger immer wieder und dann nur zu gerne auf Nimmerwiedersehen? Entweder verschluckt sie die Waschmaschine oder die Fußwärmer landen in Zimmerecken, in denen sie eventuell gar längere Zeit lang unentdeckt liegen bleiben und sozusagen Urlaub machen. Langweilig wird es denen mit Sicherheit nicht. Nach und nach gesellen sich weitere Kumpels ihrer Art zu ihnen, die augenscheinlich ebenfalls dringend, aus welchen Gründen auch immer, Ferien brauchen. Demnach sind Strümpfe wohl sehr sozial veranlagt. Verweigert einer die Arbeit, verhilft er gleichzeitig seinem Zwilling zur Auszeit.

Aber ich bringe es im Anblick dieses Einzelstrumpfes nicht fertig, es obendrein noch lobend anzuerkennen. Nein, ich ärgere mich beträchtlich. Nicht schoon wieder ... ! Sauer durchforste ich die Wäschekörbe und auch die Jugendzimmer nach dem Ausreißer. Nach einer geschlagenen Stunde verschwitzt und groggy, bin ich kurz davor, die Suche deprimiert aufzugeben. Nichts, das vermisste Ding ist wie vom Erdboden verschluckt.

Ich raffe mich zu einer letzten Fahndungsaktion auf und linse in den schmalen Spalt zwischen Kleiderschrank und Wand. Was erspähen dort tatsächlich meine Augen? Dort liegt er, in seiner mercerisierten Baumwollhaut leicht schimmernd, harmlos und ungetrübten Gewissens, (falls auch Strümpfe so etwas ihr Eigen nennen!). Noch entdecke ich an ihm nichts Auffälliges. Ich hocke mich hin, strecke den Arm lang vor und angele ihn unter leichtem Stöhnen aus der Lücke heraus.

Und dann sehe ich es! Genau an der Stelle, an die eigentlich die Stoffferse gehört, entdecke ich ein kreisrundes Nichts, noch schwärzer als der Strumpf selber. Dieses leere Nichts gähnt mich provozierend an. Miss Marple würde sagen:
„Es ist wirklich ein Loch, ein Riesenloch in einem fast fabrikneuen Strumpf!“
Angestrengt überlege ich: Hat vielleicht eine meiner Töchter Mitleid mit ihrem Fuß gehabt, ihm Frischluft gönnen wollen und ihm die Gelegenheit gewährt, mit seinem Hühnerauge mal zu verfolgen, wo eigentlich er herumspaziert? Doch es erscheint mir denn doch ziemlich unwahrscheinlich.

Kurz darauf komm ich auf des Rätsels Lösung: Oft genug habe ich dem Nachwuchs gepredigt, nicht dauernd auf Socken durchs Haus zu laufen. Strümpfe leiden darunter, sowohl was Sauberkeit als auch Konsistenz angeht. Aber echte Teenager ignorieren stur solche mütterlichen Hinweise und pflegen diese Unsitte dann erst recht. Damit halten sie sich konsequent an den Pubertätsknigge. Nur sehr selten sehe ich Hausschuhe an ihren Füssen. In solchem Fall mache ich mir große Sorgen, ob vielleicht eine Grippe oder gar etwas Schlimmeres im Anzug sein könnte.
Extra vornehmen Socken gebührt ein extra feierliches Begräbnis. Erst recht, wenn sie bereits im zarten Alter von drei Tagen den Daseinsfaden verlieren. So landet das bedauernswerte Strumpfpaar nicht etwa in einer giftgrünen Plastiktüte, sondern in dem eleganten, farblich zu den Verstorbenen passenden schwarzen Beutel einer noch eleganteren Boutique.



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