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Das Brieflein

Von tastifix Samstag 13.04.2019, 11:48

Es war einmal ein 24-jähriges Mädchen. An diesem Vortag eines für ihn wichtigen Ereignisses schlich es eher bedrückt einher. In solchem Fall hilft der liebe Gott! Sorgsam ein letztes Mal vor dem Schlafengehen das Treiben auf der Erde prüfend, fiel ihm dieses traurige Menschenkind auf.
„So nicht!“
Dringlich ernannte er dessen Schutzengel zum Schutzengelbriefträger.
„Du fliegst sofort zur Klein-Kleckersdorfer-Str.44 in Pusemuckel. Dort wartet ein Eilauftrag auf dich!“
„Okay, Chef!“
Entgegen der Himmelsstraßenverkehrsordnung düste er mit rasanten 300km/h voran. Alle paar Minuten blickte der pflichtbewusste Schutzengel forschend zur Sonne. Doch die blendete ihn aus Jux anhaltend. Anscheinend war der Tag für sie nicht übermäßig anstrengend gewesen.
„Verflixt!“, murmelte der Engel.
Den Rest verkniff er sich. Engel gebrauchen keine unflätigen Ausdrücke ...

In Pusemuckel spürte er in der Klein-Kleckersdorfer-Str. 44 das bereits wartende weibliche Wesen auf. Vor Kälte schlotternd streckte es ihm mit rot gefrorenen Fingern einen Umschlag hin und stotterte flehend:
„Bitte mach schnell. Sonst bekommt sie den zu spät!“
Es rührte den Engel zutiefst. Er griff den Brief und erhob sich mit kräftigem Flügelrauschen in die Luft. Neugierig schielte er auf den Papierfetzen. Wichtige Nachricht? Hm ...
„Na ja, in der Kürze liegt die Würze!“
„Bitte, mach schnell!“, war er ja gebeten worden.
Wie ein Düsenjet raste er dahin und wirbelte ein paar Sterne durcheinander. Die aber bestanden auf ihre traditionelle Umlaufbahn.
„Eine Unverschämtheit! Strafe muss sein!“
Ein sonst so disziplinierter Füllpartikel des Alls zielte mit seinen kochenden Strahlen auf des Engels Federkleid und erwischte treffsicher die linke Flügelspitze. Darüber sehr zufrieden, grübelte der Stern:
´Und sowas hat mein Chef gestattet? Ob der unter Arbeitsstress steht?`
„Aua!“, brüllte der Briefträger, besorgt die angesengte Feder beäugend.
Zum Glück hatte es nicht die Prestigefeder, sondern nur die zweite daneben erwischt. So kümmerte sich der Engel um die schimpfende Himmelslampenschar nicht länger. Er stand unter Zeitdruck. Leider ließ die Monduhr ihre Zeiger extrem unhöflich munter weiterlaufen, anstatt sie aus universeller Solidarität mal für zehn Minuten zu stoppen.
„Hoffentlich komme ich nicht zu spät!“
Denn dann würde er seine Beförderung garantiert sofort los. Sein Chef dort oben war ein strenger Arbeitgeber!

Derweil saß das junge Mädchen schon fast den halben Tag lang am Schreibtisch und guckte genervt auf die vor ihm liegenden Hefter. Deren Inhalt war wohl so wenig fesselnd, dass die Studentin sich krampfhaft wach halten musste. Nein, sie musste durchhalten. Morgen war es soweit.
„Das klappt ich nie!!“
Nach der stundenlangen Büffelei ging ihr das Ganze gewaltig auf den Keks. Noch ein letztes Mal, dann wäre endgültig Schluss!! Derweil versuchte ihr Gehirn mit sich steigernder Verärgerung seine Auftraggeberin zu durchschauen und beschwerte sich beim Schöpfer.
„Bitte, sorg` dafür, dass sie endlich aufhört. Wir rauchen schon!“
„Geduld, sie ist gleich fertig. Sie will nur noch überprüfen, ob ihr wirklich alles gespeichert habt!“

Genau dazu hatte sich das Mädchen aufgerafft:
„Impressionismus ...“
Klasse! Und munterer fuhr sie fort:
„Expressionismus ...“
´Immerhin, es sitzt!`
Ihr Kopf brummte. Aber tapfer weiter im Text:
„Impressinus ...“
Sie stutzte:
´Da stimmt was nicht, nur was?!`
Halb in Trance hub sie erneut an:
„Expemismus … , ääh!“
Der Versuch einer Verbesserung folgte:
„Epemimus ... “
Sie konnte sich kaum mehr konzentrieren. So allmählich wurde ihr alles egal und sie dichtete lustig drauflos:
„Impesmus … Epimus … Impressinus ... ??“

Doch plötzlich strahlte sie. Wieso war sie denn nicht schon eher darauf gekommen? Ein dermaßen toller Geistesblitz und das so kurz vorm Umfallen! Es war eine in ihrer Gewichtigkeit einmalige Einsicht. Ganz langsam ließ sie sich den Begriff auf der Zunge zergehen:
„Vul..ka..nis..mus!“
Juchuuh! Die Müdigkeit war vergessen, sie sprang auf und tanzte berauscht eine Runde Tango Argentino um den jetzt heißgeliebten Schreibtisch herum. Doch während einer Drehung erstarrte sie abrupt zur Salzsäule. Spielte ihr Verstand ihr einen dermaßen grausamen Streich? Denn: Es gab in der Kunst weder Epimus, Impressimus und erst recht keinen´Vulkanismus`. Der gehörte völlig woanders hin!

Deprimiert sackte sie auf den Schreibtischstuhl, den sie nun am liebsten gegen die Wand geklatscht hätte. Abrupt wieder hundemüde, ordnete sie trotzdem noch sämtliche Hefter penibel ausgerichtet auf der Arbeitsplatte an. Danach löschte sie die Lampe und verschwand heulend im Bad. Sich abschminkend, beobachtete sie frustriert im Spiegel ihre wachsende Ähnlichkeit mit einem kalkweißen Schlossgespenst.
´Augenränder bis fast zum Bauchnabel! - Auch egal jetzt!`
Sie streifte ihr Nachthemd über, fiel entkräftet ins Bett und schnarchte eine Sekunde später melancholisch vor sich hin.

Der Engel seufzte. In fünf Minuten schlug es Mitternacht. Zum Glück war das dritte Haus dort in der Straße unter ihm sein Ziel. Aufatmend bremste er ab. Pünktlich eine Minute vor Zwölf faltete er vor dem Haus Orchesterstraße Nr.88 die Flügel ordentlich zusammen und verbarg schamhaft die ramponierte Feder unter der Flügelspitze. Mit so wieder restauriertem Outfit schellte er nachdrücklich. Wie eine Sturmsirene riss die Klingel die Studentin aus dem extrem nötigen erholsamen Tiefschlaf. Wütend rieb sie sich die verquollenen Augen, griff sich den Morgenrock, wankte zur Tür und öffnete. Die Ansprache des im gleißenden Himmelslicht leuchtenden Gegenübers rauschte fast an ihr vorbei. Engel jedoch kennen unsere in solch ungewöhnlichen Situationen verminderte Auffassungsgabe und sehen es gnädig nach. Schlapp nahm das Mächen den wahrscheinlich höchst bedeutsamen Brief entgegen. Um ´Danke` zu flüstern, war es zu müde. Mit einem bemühten ´D!` schlurfte es zurück ins Bett und rollte sich stöhnend in die Decke. Ob es wohl seine Post noch gelesen hat? Das weiß nur der Himmel.

Jetzt fragen wir uns:
„Was stand eigentlich so Wichtiges in dem Brief?“
Wie gesagt:
„In der Kürze liegt die Würze!“
Es waren nur wenige Worte:
„Viel Glück für Deine Prüfung! Ich denke an Dich!!“
Deine Mama

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