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Besinnung

Von tastifix Freitag 20.07.2018, 13:33

Schon vor acht Wochen hat es angefangen. Gerade aus dem Sommerurlaub zurück, spüre ich, dass etwas Besonderes in der Luft liegt. Meine neu getankte Energie stecke ich in den ersten ausgiebigen Stadtbummel, der mir beweist, dass nicht nur etwas in der Luft, sondern auch in den Regalen der Geschäfte liegt und so gar nicht vereinsamt. Selbst Nikolaus kennt anscheinend den Herdentrieb. Die ganze Verwandtschaft hat er mitgebracht. Leider präsentiert sich Familie Nikolaus nicht nur in rotem Gewand, sondern sogar in Türkis, was mein Geschmacksempfinden ziemlich stört. Irritiert wandert mein Blick weiter in die Runde. Mich ereilt der nächste Schock. Nicht allein die Vertreter des heiligen Nikolaus kleiden sich modern. Auch die Weihnachtskugeln passen sich der Mode an und kullern in Türkis, Neongrün und Orange herum. Seufz! Fix konzentriere ich mich auf meine Christkind-Aufträge. Die allerdings bereiten keine Sorgen, sondern stattdessen viel Freude. Meine Töchter haben mich genauestens instruiert, womit bitte das Christkind sie überraschen soll. Klar werden sie dann trotzdem am Heiligabend vor dem Tannenbaum pflichtgemäß vor lauter Überraschung fast vom Stuhl fallen. Der ungewohnte Wein- oder Sektgenuss wird sein Übriges bewirken.

Heiligabend spazieren alle mit geheimnisvollem Lächeln durchs Haus. Jeder passt die Minuten ab, in denen im Treppenhaus niemand zu entdecken ist, schnappt sich hastig die Pakete sowie Päckchen und rauscht mit ihnen ins Wohnzimmer, um sie dekorativ um den Tannenbaum herum zulegen. Der Papa meiner Kinder platziert sie mit Vorliebe möglichst weit hinter den Baum an die Wand. Weshalb verstecken seine Gaben sich denn nur, sie sind doch so hübsch eingepackt? Kaum hat er das Weihnachtzimmer verlassen, schleiche ich herzu, klaube sie wieder hervor. Dies mache ich aus praktischen Gründen. Erstens möchten wir uns am Anblick der Gaben erfreuen und zweitens pieken Tannennadeln ohne Rücksicht auf die armen Hände.

Endlich ist es dann soweit. Ich habe die Tische festlich gedeckt, Kuchen und jede Menge Zimtplätzchen stehen bereit. Gegen drei Uhr bimmelt es an der Haustür. Meine Zweitälteste erscheint mit Freund. Wir haben selbstverständlich keine Ahnung, was in den mitgebrachten Tüten steckt. Eine halbe Stunde später trifft die Älteste mit Ehemann ein, ebenfalls schwer bepackt. Der Tannenbaum mit den darunter malerisch verteilten Geschenken bietet ein gemütliches Bild. Während des nachmittäglichen Genusses von Kaffee und Kuchen lauschen wir klassischen Weihnachtsliedern. Die Hektik der vergangenen Tage ist vergessen. Scherze fliegen hin und her und wir lachen viel. Das Schmausen zieht sich über zwei Stunden hin. Mit der Bescherung warten wir bis zum Eintritt der Dunkelheit.

Erst am frühen Abend werden die Baumkerzen angezündet. Wir verstummen, schauen dem leichten Flackern der Flammen zu und jeder hängt seinen Gedanken nach. Vieles geht mir durch den Kopf: Erinnerungen an gemeisterte Probleme, aber auch an so manche beglückenden Stunden des vergangenen Jahres, für die ich dankbar bin. Ich forsche in den Gesichtern meiner Töchter. Was bewegt sie wohl in diesen Minuten, denken sie an Vergangenes oder mehr an die nahe Zukunft, privates Glück oder den beruflichen Erfolg? Beides wünsche ich ihnen von ganzem Herzen.

Für die Bescherung hatte ich den verrückten Einfall, die Geschenkanhänger zu vertauschen, um das Ganze ein wenig spannender zu gestalten. Doch letztendlich habe ich diese Idee wieder verworfen. Schließlich ist Weihnachten das Fest der Freude. Denn sonst würden zwei meiner Töchter ziemlich entsetzten Gesichtes auf Blazer und Pullover im Romantiklook starren. Nein, das geht ja wirklich nicht.

Jeder von uns holt ein Geschenk und überreicht es dem Betreffenden. Weil wir aber alle gleichzeitig unsere Päckchen öffnen, sind wir noch lange damit beschäftigt, gegenseitig die Gaben zu begutachten. Ich darf mich über mehrere Bücher, ein Buchbindergerät und eine ganze Serie von Tintenpatronen freuen. Ob das Christkind so lieb war und in all diesen Päckchen für mich zusätzlich viele neue Ideen zum Schreiben versteckt hat?
Ich werde abwarten ...




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