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Beinahe einen Daumen weniger!

Von tastifix 20.09.2020, 15:56

Ich speiste in einem Restaurant mit gerüscht gewandeten Obern, mit riesigen Gemäldekopien an den Wänden, verschnörkelten Kerzenhaltern auf den Tischen sowie einem purpurroten Teppichboden darunter. Wahrlich passend zum Ambiente gab es Hähnchenschenkel mit einer Portion Pommes, auf der sich immerhin zum Ablichten eine fotogene Mayonnaisen-Rose in Positur gesetzt hatte.

Das Auge isst auch mit. Ich war hingerissen. Kurz darauf nicht mehr nur hin -, sondern im wahrsten Sinne des Wortes beinahe durchgerissen und das kam so:
Nicht alles ist Gold, was glänzt und nicht jedes Hähnchen hält an Verzehrvergnügen parat, was es verspricht. Jenes, welches ich erwischt hatte, widerstand sämtlichen meinen auf langjährige Erfahrungen beruhenden Schneidekünsten. Das augenscheinlich hauchzarte Fleisch entpuppte sich als Neuzüchtung aus ziemlich dreistem Gummi und weigerte sich hartnäckig, den in ihm schamhaft - weil nicht so besonders attraktiven - verborgenen Knochen freizugeben. Noch trotzdem guten Mutes stocherte ich mit der Gabel in dem Gummi herum, welches aber davon gänzlich unbeeindruckt blieb. Ich ließ mir den Unwillen darüber nicht anmerken, sondern startete Versuch auf Versuch, was zur Folge hatte, dass auf dem ´Teller im Jugendstil` eine Riesenschweinerei im Gange war. Von allen Seiten tropfte das Fett auf das feine weiße Tischtuch aus edler Baumwolle mit dem noch edleren Glanz. Binnen Sekunden war es an Glanz kaum noch zu überbieten und ich bildete mir ein, die übrigen Tischtücher im Saal würden bereits neidisch knistern.

Aber irgendwann ertrug ich den hochsteigenden Ärger wegen
des widerspenstige Menü nicht länger und platzte:
„Ober!“
„Meine Dame?“
Buckelnd blickte jener Hüter der Gastlichkeit recht irritiert auf die Neandertaler -Schlacht auf meinem Teller:
„Meine Dame, dürfte ich Ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen?“
„Den Rat können Sie sich sparen. Schreiten wir besser rasch zur Tat, bevor mein Essen Kühlschranktemperatur hat!“
„Sehen Sie, meine Dame“, stotterte die weiße Weste neben mir unbeirrt weiter. „Platzieren Sie die Gabel zu dessen besserer Justierung möglichst auf dem noch halb verdeckten Knochen. Dann führen Sie das Messer elegant an ihm entlang, vor und zurück, bis sich die anliegenden Fleischfetzen lösen ...“
´Cool!!! Ist ja ganz einfach!`
Ich platzierte also die Gabel, schob das Messer vor und zurück und wartete gierig auf die kleinen Happen Fleisch. Aber anscheinend verstehen die weißen Westen in solchen Lokalen zwar sehr wohl zu denken, aber nicht, Fleisch samt Knochen nutzungsgerecht zu hypnotisieren.

Mittlerweile hatte sich die Fleischlandschaft auf dem Teller in eine Mini-Arktis verwandelt und der Knochen als Eisbär verkleidet. Wieder und wieder rutschte die Gabel ab und glitt von einem Arktishügel zum nächsten. Doch ich hungriges Etwas war nicht länger gewillt, noch länger zu darben und pfiff auf sämtliche Etikette.
„Wenn im Guten nichts geht, dann eben anders!“
Wütend griff ich mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand das eine hervorlugende Ende des Knochens und rammte das Messer in das umliegende Fleisch. Ja, ins Fleisch, aber nicht in das des Hähnchens, sondern wieder mal rutschte das Schneidegerät ab und mir diesmal mit voller Wucht in den Daumen.
„Auu!!!“

Mit fliegenden Rockschößen eilte die weiße Weste herbei, erkannte sofort den Ernst der Lage, ruckelte heftig an dem Messer hin und her im Bestreben, es von dem lädierten Daumen oder eher umgekehrt ihn von der Schneide zu befreien und machte alles nur noch schlimmer. Denn mein Daumen hatte keine Ähnlichkeit mit dem verflixten Hähnchenfleisch, besaß also nicht die Konsistenz von Gummi, sondern bewies sich als äußerst nachgiebig. Das Messer avancierte zur Chef-Schneidemaschine, bewies sein durchtrennendes Talent und schnitt den Daumen fast bis zur Hälfte ein. Dort hing der nun, ein bluttriefendes Etwas und mir wurde es zunehmend schlechter.

In meiner Fantasie bekam er ein Gesicht, das sich zu einer gehässigen Fratze verzog.
„Jetzt haste den Salat!“
Erstens sah ich keinen Salat und zweitens hätte ich meinem Daumen eine solche unverfrorene Beleidigung nie angetan.
„U..und was jetzt?“, fuhr dieses Teil meiner Selbst mich an. „Ohne mich bist du doch aufgeschmissen!“
Verlegen in die Runde grinsend - alle Gäste guckten erstarrt - unternahm ich den hilflosen Versuch, den Daumen mittels der Mayonnaise wieder fest zu pappen. Doch die blöde gelbe Pampe spielte nicht mit und jenes arme Fünftel der linken Hand baumelte weiterhin knapp über dem inzwischen total verdreckten Teller.

Meine angegriffene Psyche verkraftete die Niederlage und erst recht den Horroranblick nicht länger. Stöhnend sank ich in Ohnmacht und erwachte eine Viertelstunde später auf einer Krankentrage.
Den Daumen nähte man übrigens im OP ruckzuck wieder fest.



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