Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

21 9

TRÄUME

Von egalis Dienstag 26.12.2023, 11:39

„Bist du eigentlich abergläubisch?“ wurde ich während eines Besuches bei meinen Freunden gefragt. Ich überlegte einen Moment. „Abergläubisch? Nö, glaube ich nicht. Jedenfalls nicht, was die schwarze Katze von rechts nach links und umgekehrt anbelangt. Die 13 war immer gut zu mir. Ein Schornsteinfeger bringt eher Ruß als Glück und kostet Geld und das mit dem vierblättrigen Kleeblatt: na ja – es ist eben Glück, wenn man eins findet. Aber ich denke schon, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als der Mensch ahnt.“ – „Ja, glaubst du denn an Träume?“ – „Das ist unterschiedlich“, antwortete ich und erzählte, was mir vor Jahren passiert war.
Wir wohnten noch in Hannover und ich war gerade in die Schule gekommen. Ich weiß genau, dass ich in weiten Abständen, allerdings mit geringen Abweichungen, den gleichen Traum hatte. In diesem Traum ging ich einen steilen Pfad bergan und kam vor eine Burg mit einem hohen Bergfried. Pfad und Burghof waren mit Katzenköpfen, diesen runden Feldsteinen, gepflastert.
Ich ging durch die ganze Burg und stand dann im Rittersaal vor einer großen Holztruhe und Diener trugen eine dicke Holzplatte aus dem Saal, auf der standen die Reste der wohl gerade gewesenen Mahlzeit. Ich sah auch die Ritter und hörte das Geklapper von Pferdehufen. In einem anderen Traum war ich ein Burgfräulein, in noch einem anderen führte ich als Knappe einen Schimmel, auf dem das Burgfräulein saß.
Nun ist durchaus möglich, dass mich meine Phantasie, kleine Mädchen träumen gern von Prinzen und Prinzessinnen, bis in meine Träume verfolgte.
Verblüffend für mich war aber doch, dass es diese Burg, von deren Existenz ich bis dahin nicht wusste, tatsächlich gab. Sogar die mit Ochsenblut getränkte Holztruhe fand ich wieder und im Rittersaal stand ein riesiger Tisch mit einer dicken, abnehmbaren Holzplatte.
Das war Jahre später, bei einem Ausflug mit Eltern und Großeltern zur Marksburg am Rhein.

Ein anderes Mal, ich war inzwischen im Backfischalter, und wir waren von Hannover fortgezogen, hatte ich ebenfalls in weiten Abständen einige Träume gleicher Art:
Ich ging eine Landstraße entlang, die rechts und links mit Bäumen bestanden war, deren Äste sich berührten und so einen hohen Laubengang bildeten. Am Ende der Straße stand ein Denkmal, umstanden von einer niedrigen Hecke. Davor blieb ich im Traum stehen. Von hinten näherte sich jemand und legte mir sanft die Hände auf die Augen. Ich befreite mich davon und drehte mich um. Hinter mir stand ein junger Mann, dessen Gesicht ich aber nicht erkennen konnte.
Ein schöner Traum. Ich vergaß ihn. - Zunächst.
Jahre später besuchten wir zum ersten Mal nach deren Umzug meine Großeltern am Rande der Lüneburger Heide. Es war Schützenfest im Dorfe, und um dem Trubel ein bisschen zu entfliehen, ging ich die Landstraße entlang, die rechts und links mit Bäumen bestanden ist, deren Äste sich berühren und so einen hohen Laubengang bilden.
Ein leichtes Kribbeln im Nacken stellte sich zugleich mit der Erkenntnis ein: Das kennst du doch?!? Ich erinnerte mich bruchstückweise und war gespannt, ob die Träume Schäume blieben. Nun – erst einmal kam nichts. Und dann...:
Der junge Mann hielt mir zwar nicht die Augen zu, aber er ließ mich sein Gesicht erkennen. Wir haben sehr schöne Ferien miteinander verlebt. Jürgen zeigte mir die Gegend, und das Denkmal mit der niedrigen Hecke fand ich auch. Es ist das Kriegerdenkmal und liegt etwas abseits von der Straße.

Träume stehlen sich in unseren Schlaf. Manche behalten wir und denken über deren Sinn oder Unsinn nach. Einige versinken im Unterbewusstsein und andere kommen durch irgendeine Begebenheit wieder in den Vordergrund. Ich bin davon überzeugt, dass es eine Art Gedankenübertragung gibt. Wie oft habe ich intensiv an jemanden gedacht und wenige Tage später kam ein Brief dieser Person. Oder umgekehrt. Sogar per Telefon funktioniert das. Da saß ich eines Abends allein zu Hause und war mit mir selber unzufrieden. 'Warum klingelt denn nicht mal eben das Telefon?‘, dachte ich. Zwei Anrufe kamen, aber beide für meinen Mann, der nicht anwesend war. Der dritte Anruf war für mich:
„Kommst Du rüber auf ein Glas Wein?“ Das war es. Das heißt, war das Gedankenübertragung? Wo ordnet man denn ein, wenn zwei Menschen, die weit entfernt voneinander sind, fast Gleiches erleben oder träumen? Was ist passiert:
Besuch von einem lieben Freund. Wir haben einen sehr guten Draht zueinander. Während einer Fahrt die Küstenstraße entlang, fragte er mich unvermittelt, ob er mir schon seinen seltsamsten Traum erzählt habe. Nein, hatte er nicht. Mein Freund sprach von einer ihm vollkommen unbekannten Landschaft, die er im Traum durchwanderte, nachdem er eine Strecke getrampt war, bevor er an ein Haus kam, das auf ihn zu warten schien.
Schon bei der ersten Beschreibung des Weges und dann des Hauses, wurde mir die Luft knapp. Es lief mir kalt über den Rücken. Die Kopfhaut zog sich zusammen und meine Handflächen wurden feucht. Ich wollte sagen: Mensch, hör auf, ich kann nicht mehr. Halt an! oder sonst was, aber ich bekam keinen Ton heraus. Als er geendet hatte, zog ich scharf die Luft ein. „Sag mal“, fragte ich ihn, nachdem ich mich etwas gefasst hatte, „das Haus, das Du da gesehen hast, lag das in einer hügeligen Landschaft, auf einer Anhöhe, von Wiesen und Wäldern umgeben?“
Er machte große Augen und sah mich fragend von der Seite an.
Ich erzählte ihm, dass ich vor langer Zeit von dieser Landschaft und einem ebensolchen Haus geträumt hatte. Mir war der Traum entfallen. Ich fand damals nichts besonderes an ihm. Während seiner Erzählung kam mir wieder eines nach dem anderen in den Sinn. Wir stellten Vergleiche an und zeichneten unabhängig voneinander und ohne abgucken zu können, das Haus. Es war fast übereinstimmend: Die Bauweise, die Landschaft, der Weg über die Hügel, der am Waldrand entlang zum Haus führte. Bei dem Haus meines Freundes setzte der Verfall ein. Gardinen wehten zerrissen aus den Fenstern und die Läden hingen schief in den Angeln, das Dach war nicht mehr intakt. Aber unter Bäumen war der Tisch gedeckt.

Bei mir zeigte das Haus keine Zerstörung. Im Hintergrund war ein Mann mit Holzhacken beschäftigt. Ich hatte eine weiße Schürze um und hielt Ausschau über die Hügel, als wartete ich auf den Wanderer, der weit entfernt den Waldweg entlangging. Das Gesicht konnte ich nicht erkennen.
Nun sträubten sich unserem Freund die Nackenhaare. Wir suchten nach einer Bedeutung. Wurde uns etwas offenbart, das wir zu deuten nicht imstande sind? War das eine unbekannte Erinnerung aus nicht diesem Leben?
Sind Träume – Schäume?
Bin ich doch – abergläubisch?

©Elke Bontjer-Dobertin

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Geschichten schreiben > Forum > TRÄUME