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Geschichten aus dem U-Boot

Von billyblue Dienstag 04.06.2024, 20:52

Was ist das U-Boot? Bestimmt nicht das was euch gerade einfällt. Es ist die älteste Kneipe in der stimmungsvollen Stadt Dillenburg, eingebettet in die sanften Hügel des Hessischen Berglands Sie wurde wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erbaut. Seit dieser Zeit beherbergt das Haus in der Hauptstraße 103 eine Gaststätte. Früher im 18. Jahrhundert stiegen in dieser Nobelherberge sogar Fürsten und Fürstinnen ab. Irgendwie scheint aber dort die Zeit still gestanden zu sein. In den letzten 50 Jahren kann ich mich nur an eine Renovierung erinnern. Dabei wurde die Tapete, bestehend aus hunderten von vergilbten Ansichtskarten und fremdländischen Geldscheinen, leider entfernt. Mit 14 geht man hinein und mit 80 wird man mit den Füßen voran wieder hinausgetragen. Offiziell heißt sie eigentlich „Zur Krone“ Daran können sich wahrscheinlich nur einzelne Uralteinwohner erinnern. In den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts hat sich wohl der damalige Wirt an seine Vergangenheit als U-Bootfahrer erinnert. Zur Erinnerung stand das Modell eines U-Bootes auf der Theke. Dies war wohl der Ursprung des neuen Namens, beschwören will ich es allerdings nicht.
Ein so altes Haus hat natürlich vieles gesehen. Es hat den großen Stadtbrand vom Mai 1723 überstanden und war die Herberge der Adligen bei der dreifachen Fürstenhochzeit zu Dillenburg.
Bei so viel Historie hat sich natürlich auch ein etwas schrulliges Stammpublikum herauskristallisiert. Freitagabends ist es wieder mal soweit, es geht an den dortigen Tresen. Da sitzen dann die, die immer dort sitzen auf den wackeligen Barhockern. Hinter ihnen früher ein Flipper und ein Fußballspiel. Gibt es nicht mehr, an die Stelle ist ein Dartautomat gerückt. Das hat natürlich ein anderes Publikum angezogen, jedenfalls bei ihren Trainingseinheiten.
In der Nordkurve am Rand der Theke rechts außen, leicht durch einen Balken verdeckt, der die Öffnung für Serviererin begrenzt, sitzt Paul mit der Lederjacke. Im Herbst und Winter mit einem Pelzkrangen, ansonsten ist sie etwas leichter. Er sieht etwas unscheinbar aus, so richtig erinnern kann sich anscheinend niemand ihn, wenn er gegangen ist. Hinter dem Balken hat er Schwierigkeiten die Bedienung mit Blickkontakt auf sich aufmerksam zu machen, aber auch, wenn er mal direkt vor ihnen sitzt. „Ein Bier bitte“. So was sagt sich leicht. Egal welches Mädchen heute hinter dem Tresen steht, es passiert nichts. Selbst bei der 2. Bestellung kann es sein, dass er noch mal rufen muss um erhört zu werden. Ist natürlich alles auch von Vorteil, er spart Geld und wird nicht zum Alkoholiker. Es bleibt aber auch immer nur 2 Stunden.
Neben ihm kommt dann Uli in ihren dünnen, leicht durchsichtigen Sachen, die von ihrer 80jährigen Figur mehr ent- als verhüllen, immer in Sandaletten ohne Strümpfe bis es draußen friert. Im Winter kann es schon mal zusätzlich ein Pelzmantel sein, bei dem jeder Peta Aktivistin der Abscheu im Gesicht zu sehen wäre. Von weitem leuchtet schon der feuerrote Schopf, früher volles Haar, jetzt eine Perücke. Eine Dame, nein so kann man sie eigentlich nicht nennen, aber sie ist ein weibliches Wesen. Ab und zu hat sie mal Schrammen im Gesicht, wenn sie bei ihrer Kräutersuche mal wieder im Wald einen Abhang hinuntergestürzt ist. Sie isst alles was ihr gesund erscheint Hauptsache es ist „natürlich“ und keine Chemie. Paul sitzt neben ihr. Sein Kommentar: „Gesund ist ja ganz schön, aber muss man das Gesunde alles auf einmal essen?“ Mittlerweile hat sie ihre Vorliebe für Knoblauch und sonstige „duftende“ Sachen etwas eingeschränkt. Diese haben sie etwas einsam gemacht haben. Uli weiß alles, vor allen Dingen alles besser. An ihr ist ein Universalgenie verloren gegangen. Das Problem ist, dass sie nicht richtig zuhört, ein Stichwort aufschnappt und dieses kommentiert obwohl das ursprünglich von den Anderen in einem anderen Kontext gebraucht wurde. „Uliiii wir meinen doch etwas ganz anderes“ „Ist doch egal, du hast doch weiß gesagt, da kann ich doch schwarz darauf antworten. So ist die liebe Uli, nie um ein Wort verlegen.
Weiter geht es mit Armin. Der wohnt oben auf dem Schlossberg. Der Fußweg hinunter ist ziemlich steil. Das macht sich natürlich doppelt bemerkbar, wenn man nach dem Kneipenbesuch wieder hinaufmuss. Armin ist immer in schwarz gekleidet, angeblich macht schwarz ja schlank. Das hilft natürlich nicht immer, allerdings hat er, kaum kommt die Sonne hinter dem Horizont hervor, ein T-Shirt an. Sollte es ihm wirklich mal zu kalt sein, müssen aber die Ärmel trotzdem hochgekrempelt werden. Diese zur Schau getragene Widerstandskraft treibt Paul immer die Gänsehaut den ganzen Körper rauf und runter. Seine jährlichen Abnehmversuche hat er mittlerweile eingestellt. Mit seinen längeren, weißen Haaren und seinem Schnauzbart ist er immer noch der Liebling aller Frauen von 40-80. Von Fremden ist er schon mehrmals angesprochen worden ob er der Jean Pütz aus der Mediathek im WDR oder der ehemalige Frontmann der Black Föß sei. An seiner Stelle hätte ich das bejaht und Autogramme gegeben. Er ist Jahrzehnte um 4 Uhr morgens aufgestanden um rechtzeitig vor dem großen Stoßverkehr in die KV nach Frankfurt zu kommen. Dort war er einer der Systemadministratoren. Das kommt ihm heute bei seinen Bekannten noch zugute, oder zum Fluch, wie man das auch immer sehen mag. Uli war ein großer Fan seiner PC Talente. Irgendwie hat sich das aber gelegt. Wenn was auf ihrem Computer nicht klappt, ruft sie die Telekom an, egal was es ist oder ob die Telekom dafür zuständig ist oder nicht. Ganz stolz hat sie schon erzählt, die kennen mich schon gut und freuen sich mir helfen zu können. So berühmt müsste man sein. Armin trinkt übrigens, genau wie Paul, Altbier, Ulli Pils, meist mehrere
Weiter geht’s. Hinter Armin hängen die Spielautomaten. Dort vernichten immer die Gleichen ihr Geld. Momentan geht es schneller als früher, man kann Scheine einwerfen. Manchmal kann man aber auch Glückmomente erleben. Die Nordkurve der Theke bekam plötzlich eine Runde spendiert. Carmen hat doch wirklich 2.000 € gewonnen. Man fragt sich allerdings, mit wieviel Geld sie den Automaten vorher gefüttert hat. Bei dieser Summe musste sogar der Wirt den Automaten „reparieren“. Winni, so wird er genannt, ist sehr krank. Im wurde ein Bein Stückweise gekürzt. Jetzt muss er mit einer Prothese das Laufen neu lernen.
Weiter geht´s. Jetzt kommt der Stammplatz von Knorr. In der letzten Zeit begleitet ihn seine Lebensgefährtin mitsamt deren Tochter im Schlepptau. Knorr ist zwar 10 Jahre jünger als die eben beschriebenen, dafür hat er eine Glatze und sieht 10 Jahre älter aus, dadurch relativiert sich der Unterschied wieder. Wenn man ihn zufällig nicht gesehen hat, aber die Jukebox die ältesten Lieder spielt, die dort gespeichert sind, weiß man, Knorr ist da. Wie er zu seinem Namen kam weiß kein Mensch mehr, er ist eben der Knorr. Zu vorgerückter Stunde mit Bier und Korn überkommt ihn immer ein unwiderstehlicher Drang zum Tanzen. Und wer ist die Auserwählte? Natürlich Uli. Auch sie schon mit einigen Bieren vorbelastet, legt dann mit ihm öfters eine kesse Sohle auf den Dielenfußboden. Alle schauen interessiert zu, doch nicht lange. Es ermüdet und man widmet sich wieder weiter den weltbewegenden Themen zu. Heute ist es fast überfüllt, das kann morgen aber ganz anders sein. Die Tochter passt eigentlich nicht in diese Runde. Wenn sie 17 Jahre alt ist, ist das schon sehr hochgeschätzt. Sie setzt sich auf den letzten Hocker, grüßt nicht und bleibt weiter den gesamten Abend stumm. Ab und zu schaut sie mal von ihrem Handy auf und blickt gelangweilt in die Runde. Irgendwann wird das Gerät an ihren Fingern fest kleben bleiben.
Das war es eigentlich was es von der Nordkurve zu berichten gibt. Vielleicht werde ich mich ein anderes Mal der Südkurve widmen. Bis dahin alles Gute, ciao for now.

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