EIN GANZ NORMALES GEWITTER
Von
egalis
Samstag 30.09.2023, 12:05
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egalis
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Sie hatte Feierabend.
Eigentlich wollte sie noch eine längere Tour mit dem Fahrrad am Kanal entlang machen und hatte das Rad, mit dem sie eben von der Arbeit gekommen war, gleich auf dem sich an die Terrasse anschließenden Vorplatz stehen lassen.
Aus ihrer Stube trat sie hinaus bis an den Rand der überdachten Terrasse, die von einem Beet eingegrenzt wurde. Hier blühte Eisenhut in voller Pracht. Dessen tiefes Blau bildete einen lebhaften Kontrast zu den rosa und weißen Phloxbüschen und den dunkelrot blühenden Rosenstöcken. Der Blumenduft hing schwer in der Schwüle des frühen Abends.
Ihr Blick schweifte durch den Garten und blieb an der hohen Birke hängen, die sich im Laufe ihrer Wachstumsjahre mühelos über die Dachfirste der umliegenden Einfamilienhäuser gereckt hatte.
Wind machte sich auf. Sie registrierte das fahrige Hin und Her der filigranen Zweige. Die im Ansatz sich gelb färbenden Blätter zeigten ihr an, dass der Sommer sein Zenit überschritten hatte. Es war nicht mehr lange hin, bis der Baum sein kahles Geäst in den Himmel strecken würde. Sie hatte sich von der Birke abgewandt und sah in den vor ihr stehenden, weit verzweigten Strauch einer Felsenbirne. Ein Dompfaffenpärchen pickte an den restlichen Früchten, die noch prall und rot im Grün der Blätter leuchteten. Als sie eine abrupte Bewegung machte, flogen die Dompfaffen mit dem ihnen eigenen Laut fort und äugten aus der das Gartenhäuschen überragenden Kiefer zu ihr herüber. Sie bedauerte, dass sie die seltenen Vögel verscheucht hatte. Dann bemerkte sie an einem der schlanken Äste vor ihr eine Schnirkelschnecke mit ihrem schönen Gehäuse und beobachtete diese einen Moment.
Ein heftiger Windstoß ließ sie aufblicken. Das anfänglich vorherrschende Himmelsblau wurde von einem schmutzig-grauen Wolkengetüm langsam aber sicher verschluckt. Ein finsteres Grau zog vom Kanal her nach und in der Ferne vernahm sie anhaltendes Grummeln, das ein sich nahendes Gewitter ankündigte.
‚Das wird wohl nichts mehr mit meiner Radtour’, dachte sie bedauernd. Sie stellte das Rad in den Wirtschaftsraum, der eine Tür zur Terrasse hatte.
Na gut, dann würde sie es sich eben zu Hause gemütlich machen. Da lag noch das neue Buch auf dem Tisch. Ein Phantasieroman. Von einem Autor geschrieben, den sie persönlich kannte. Natürlich hatte sie sich das Buch signieren lassen. Diese Signatur hatte für sie zwar nicht den Wert wie die von Siegfried Lenz, Günter Grass, Horst Janssen oder Martin Walser, reihte sich aber ein in die von anderen Autoren, die sie persönlich kannte und schätzte, wie zum Beispiel von Kai Engelke, Curd Belesos und HH Briese. Sie lachte verhalten auf. – Alles Männer, dachte sie. Aber ich habe doch auch was von Frauen signiert dabei?! Achja, hier. Sie fand die Bücher im Regal: Helga Glaesener, Ingeborg Kruse. Beide hatten so etwas wie Bestseller herausgebracht. Und Johanna Diekhoff, Anneliese Bartels und die Braukmüller. Die große Weltliteratur war das nicht. Ein Teil der Bücher war auflagenstark herausgekommen und die Schriftstellerinnen hatten bei Lesungen ihre Werke signiert. Immerhin!! Etwas schreiben zu können, was andere Leute lesen mochten, war schon etwas Besonderes.
Und jetzt hatte sie also diesen neuen Roman von Peter Paul Pellin in der Hand. „Drei Pes“, wie er sich nannte. Allein die eigentlich eher flüchtige Bekanntschaft mit dem ihr nicht unsympathischen Autor machte ihr dieses Buch doch auf eine besondere Weise wertvoll.
Teil 1 ©egalis