EIN GANZ NORMALES GEWITTER
Von
egalis
01.10.2023, 09:33
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egalis
01.10.2023, 09:33
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Draußen war es schnell dunkler geworden. Das Licht der Straßenlaterne vor ihrem Haus, auf der dem Garten abgewandten Seite, warf einen kalten Schein ins Zimmer. Sie zog die Vorhänge zu. Sogleich wurde der Raum heimeliger. Sie zündete die gelben Kerzen in dem vierarmigen, alten Holzleuchter an. Er stammte noch von ihren Eltern, die ihn in den ersten Kriegsjahren zur Hochzeit bekommen hatten. Das Holz schimmerte dunkel und warm im Kerzenlicht. Es war inzwischen so etwas wie ihr Feierabendritual geworden: Wenn sie die Alltagslast abstreifen und das Sichbesinnen beginnen konnte, mussten die Kerzen leuchten.
Sie holte sich eine bereits angebrochene Flasche mit trockenem Weißwein aus dem Regal im Wirtschaftsraum. Dabei ließ sie ihren Blick in die Runde schweifen: Tür und Fenster waren verschlossen. Die Katzenklappe hatte sie noch nicht verriegelt. So konnte ihr silbergrauer Kartäuserkater kommen und gehen wie er wollte. Wenn er später hereingekommen war, würde sie den Riegel vorschieben, damit das Tier über Nacht im Hause blieb. Die Tür zum Wirtschaftsraum ließ sie offenstehen. So konnte der Schmuser ungehindert zu ihr hereinkommen.
Mit dem Dimmer brachte sie die Stehlampe in der Stubenecke in gedämpftes, zum Lesen geeignetes Licht und setzte sich in ihren Ohrensessel. Sie würde sich nie davon trennen: Dieses Möbel hatte sie von ihrer Lieblingstante geerbt und aufpolstern lassen. Schon der Anblick des dunkelroten Plüschmöbels vermittelte einladende Wärme. Sie schob sich mit dem jeweils anderen Fuß die Puschen von den Füßen und platzierte ihre Beine auf dem gepolsterten Schemel, der zu dem Ohrensessel gehörte und ebenso bezogen war. Der Abend kann beginnen, dachte sie.
Gerade, als sie zum Buch greifen wollte, erhellte ein blaufarbener Blitz die Terrasse und einen Teil der Stube. Wenig später folgte ein gewaltiger Donner. Schwere Regentropfen klatschten auf das Terrassenpflaster und die Gartenmöbel.
Noch einmal sah sie durch das große Gartenfenster in das Zwielicht draußen, war froh über ihren Entschluss, nicht mit dem Rad losgefahren zu sein, denn es hatte jetzt unvermittelt heftig in Strömen zu regnen begonnen.
Sie trank einen Schluck Wein. Über den Rand des Glases hinweg blieb ihr Blick am ihr gegenüber hängendem Bild haften. Ein Paar tanzte barfuß am Strand. Schwerer Gewitterhimmel drohte über der Szene. Die Stimmung auf dem Bild nahm sie für eine Weile gefangen. Sie meinte fast, aus dem am Strand aufgestelltem Grammophon Walzerklänge zu vernehmen, untermalt vom Geräusch der auf den Sand auflaufenden Wellen. Das flackernde Kerzenlicht verstärkte noch den Eindruck von Bewegung auf dem Bild. Rechts und links von den Tanzenden standen, in Livree und Kleid einer vergangenen Epoche, Diener und Zofe, mit Schirmen bewehrt.
Sie seufzte tief. –Wieder mal tanzen. Und dann so am Strand wie die da - müsste schön sein. – Wo er jetzt wohl steckt, schickte sie einen Gedanken an ihre Liebe. Ob er noch lange in Bangkok zu tun hatte? Der wissenschaftlich tätige Veterinärmediziner war weltweit unterwegs. Ab und zu hatte er sich gemeldet und ihr mitgeteilt, dass es ihm gut gehe und dass er sie vermisse. Und dass er nicht wisse, wie lange er in Bangkok festgehalten würde.
Sie hatte das Glas geleert und schenkte nach und wollte sich jetzt in das Buch versenken…
Teil 2
©egalis