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Die Rose des Höllenreiters 7. Teil

Von comanchemoon 05.11.2023, 11:51

Katharina wusste nicht, wie viele Stunden sie geritten waren und bekam in der Dunkelheit nicht viel von der Umgebung mit. Offenbar hatten sie die Wälder jetzt verlassen und ritten über hügeliges Gelände. Plötzlich tauchte vor ihnen im Mondlicht auf einer kleinen Anhöhe ein Reiter auf. Man konnte nur die Konturen sehen, und trotzdem kam er Katharina bekannt vor. Auch die Männer gerieten in Aufregung und sie hörte vereinzelte Worte, die wie „Höllenreiter“ klangen. Sie trieben die Pferde zu größerer Eile an und erreichten endlich ihr Ziel, einen großen roten Ziegelbau, umstanden von gewaltigen Bäumen. Das Haupthaus schmückte ein Steildach mit zahllosen Erkern. Rechts und links waren niedrigere Seitenflügel angebaut und ringsherum war eine Veranda gezogen.
Katharina erinnerte das vage an die Besuche bei ihren Verwandten in Virginia. Allerdings war sie jetzt so müde, dass sie sich keine weiteren Gedanken darüber machte. Die Begrüßung durch die Haushälterin ließ sie wie in Trance über sich ergehen und lehnte auch einen kleinen Imbiss sowie die Hilfe einer Zofe ab. Sie wollte nur noch ins Bett und schlafen also wurde ihr das für sie vorbereitete Zimmer zugewiesen.
Katharina murmelte einen erschöpften Gutenachtgruß und sah sich nur flüchtig in der niedrigen Kammer mit Balkendecke um. Die Öllampe spendete ohnehin nur wenig Licht und so sank sie endlich übermüdet auf das Bett.
Erschöpft wie sie war, schlief sie bald darauf traumlos ein und erwachte am nächsten Morgen durch ein Klopfen an der massiven Eichentür. Sie richtete sich auf, als auch schon ein junges Mädchen mit einem Knicksen in der Tür erschien. Es trug die blonden Haare zu einem strengen Zopf geflochten und hatte ein einfaches blaues Kleid an. Auf den Armen trug es ein
umfangreiches Kleiderbündel.
Katharina ließ sich zurücksinken und zog die Decke bis an den Hals. Sie hatte sich gestern nicht ausgezogen und war mit Jeans ins Bett gegangen.
„Man nennt mich Anny!“ sagte das Mädchen, knickste erneut und sah Katharina neugierig und prüfend an. „Die Zofe von Miss Catherine hat mich in vielen Dingen unterrichtet und ich kann Euch sicherlich behilflich sein!“
„Äh, ich weiß nicht, wo meine Kleider sind!“ Katharina fühlte sich völlig überfordert und hilflos.
„Ich habe den Inhalt der Kleidertruhen bereits sortiert und etwas Einfaches für heute ausgesucht, da Ihr sicherlich nach dem Frühstück wieder etwas ruhen wollt!“

Das Einfache sah für Katharina immer noch kompliziert genug aus und sie suchte nach einer Ausrede, das Mädchen loszuwerden.
„Ich möchte mich vorher etwas waschen. Wo befindet sich das Bad?“
Die kleine Anny deutete mit Feldherrengeste auf eine Porzellanwaschschüssel und einem passenden Krug, die beide auf einer gewaltigen Eichenkommode standen. Sodann wies sie auf einen Nachttopf vor Katharinas Bett.
„Du meine Güte“, entfuhr es Katharina.
„Miss Elisabeth?“
„Bitte sei so gut und lass mich für einen Moment allein!“
„Wie Ihr wollt!“ Anny schien ein wenig beleidigt, knickste aber und verließ die Kammer.
Katharina schlüpfte flugs aus dem Bett, benutzte angeekelt den Nachttopf und machte sich frisch, so gut es ging. Dann wühlte sie aus dem Kleiderhaufen ein Hemd hervor, warf es sich über und setzte sich wartend aufs Bett. Nach einer Weile kam Anny zurück und reichte ihr nach und nach die Kleidungsstücke, wobei sie beim Schnüren der Korsage half. Dann musste sich Katharina auf den Stuhl setzen und Anny kämmte ihr munter schwatzend die Haare. „So sollte es gehen mit Eurem Haar. Aber sagt, welch ein Paar seltsamer Beinkleider habt Ihr da?“ sie wies auf die Jeans.
„Äh, ja. Das ist eine neue bequeme Mode zum Reisen. Ist mit der letzten Sendung aus Europa gekommen.“
„Sehr interessant. Wirklich, ich sah nie dergleichen. Aber folgt mir jetzt bitte zum Speisezimmer. Mr. Aimes wird schon warten.“
„Wer wartet?“.
„Euer Onkel Mr. Silas Aimes.
„Aimes!“ echote Katharina und dachte: „Gütiger Gott, er ist einer meiner Urahnen!“

Den ganzen Tag über legte Silas seine vermeintliche Nichte in Beschlag und führte sie voller Stolz auf seinem Besitz umher. Ab und zu fragte er sie nach seinem Bruder und dem Leben in Boston. Sie ließ ihren journalistischen Verstand spielen, erfand viele kleine unverfängliche Geschichten und trug so zu seiner Erheiterung bei. Die Unterschiede in der Sprache waren mit Dialekten, wie sie jetzt in Boston üblich waren, zu erklären.
Abends wünschten sie dann einander eine gute Nacht und jeder begab sich auf sein Zimmer. Mitten in der Nacht wachte Katharina auf, weil sie Hufgetrappel im Hof hörte. Sie stand auf und ging ans Fenster, konnte aber nur einige Berittene sehen, ohne sie weiter zuordnen zu können. Als sie am nächsten Morgen danach fragte, antwortete ihr die Zofe Anny geheimnisvoll: „Der Höllenreiter hat wieder zugeschlagen!“
„Der Höllenreiter? Was hat es damit auf sich?“
„Er ist ein Dämon mit verbundenen Augen. Es heißt, er sieht durch einen roten Stein, den er mit sich herumträgt. Er reitet nachts umher, immer auf der Suche nach kleinen Kindern. Die entführt er und ernährt sich von ihren Herzen. Niemand weiß, wie man ihm Einhalt gebieten oder vernichten kann. Man hat sich ihm schon mit Kreuzen entgegengestellt, aber er hat nur gelacht und ritt einfach weiter.“
„Okay“, antwortete Katharina, „also irgendein Perverser reitet nachts umher und stiehlt kleine Kinder!“
„Er ist ein Dämon!“ flüsterte Anny.
„Unsinn, es gibt keine Dämonen!“ sagte Katharina grob, um sich im nächsten Augenblick erschrocken selber zu fragen, wie sie denn dann wohl hier hergekommen war, ganz ohne Magie. Dann musste es ja wohl doch Dämonen geben oder war sie vielleicht in ein Zeitloch gefallen, das mit Quantenphysik zu erklären war?
Die nächsten Tage verliefen eintönig, nur ab und zu überschattet von der Angst, dass wieder ein Kind entführt werden könnte. Drei grausam zugerichtete Kinderleichen hatte man in den letzten vier Wochen gefunden.
Eines Abends ging Katharina noch ein wenig unter den Bäumen spazieren und setzte sich auf eine Bank. Die Nächte waren bereits sehr kalt und sie fröstelte unter ihrem dicken Wollumhang. Plötzlich raschelte es und gedämpfter Hufschlag auf weichem Waldboden war zu hören. Die Luft schien zu raunen und zu rauschen und es roch wie in einer Katakombe. Dann stand er vor ihr, ein Fremder mit zerzaustem Haar und verbundenen Augen. Auf seiner linken Wange befand sich eine gezackte Narbe. Sein Pferd führte er am Zügel.
„Scheiße“, dachte Katharina. „Was passiert jetzt wieder? Bemerkt hat er dich auf jeden Fall.“
Laut sagte sie: „Guten Abend!“
Der Fremde blieb stehen. „Guten Abend!“ antwortete er mit ruhiger Stimme.
Sie wies auf sein halb verborgenes Gesicht. „Ich glaube, Ihr habt da was vergessen.“
Sie hatte das Bedürfnis, sich selber zu ohrfeigen. Musste sie ihn unbedingt reizen?
„Nun, Ihr seid recht aufmerksam! Aber sagt, habt Ihr keine Angst vor mir?“ Er klang amüsiert.
„Angst? Nie im Leben! Warum denn?“
„Nun, ich bin anderes als andere!“
„Merkt man kaum!“
Er wirkte bedrohlich und doch auch faszinierend. Wie ein Mörder kam er ihr nicht vor. Etwas seltsam, ja. Aber nicht wie ein Mörder.
Er wandte plötzlich den Kopf in eine andere Richtung und hob wie witternd die Nase.
„Ich bedauere sehr, dass ich die Unterhaltung nicht fortsetzen kann, aber ich muss weiter!“
„Sehe ich Euch wieder?“
„Es sollte mich freuen. Es sollte mich sehr freuen!“
Er schwang sich auf sein Pferd und verschwand, ohne dass man den Hufschlag hören konnte.

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