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Die Rose des Höllenreiters 6. Teil

Von comanchemoon Samstag 04.11.2023, 12:47

Katharina überwand sich und öffnete die Tasche, ohne jedoch den Toten näher zu betrachten. Es musste sich dabei um eine Art Kuriertasche handeln. Sie zog ein paar versiegelte Schriftstücke heraus und setzte sich auf eine der umgestürzten Truhen, um sie zu lesen. Sie waren in einem ihr auf dem ersten Blick unverständlichen Englisch verfasst.
„Wenn ich das richtig verstehe“, Katharina runzelte angestrengt die Stirn, „schreibt hier ein George an seinen Bruder Silas. Es war vereinbart, dass George seine Tochter Elisabeth zu Silas schickt, damit sie das Leben auf einer Plantage kennen lernt. Elisabeth ist schon Anfang 20 und noch nicht verheiratet, eine Katastrophe in dem Alter. Sie ist offenbar sehr aufmüpfig und hat immer wieder Schwierigkeiten mit dem strengen Regiment der von Quäkern bestimmten Ordnung in Boston. George liebt seine Tochter und bezeichnet sich selbst als zu nachgiebig, deshalb bittet er seinen Bruder, sich eine Weile um sie zu kümmern und vielleicht sogar einen passenden Ehemann für sie zu finden. An Mitgift soll es nicht fehlen. Offenbar ist jedoch Elisabeths Großmutter schwer erkrankt und die Reise muss für Monate aufgeschoben werden. Da Silas jedoch bereits eine Reisekutsche und Kutscher geschickt hatte, sendet George schon mal einen großen Teil der Ausstattung seiner Tochter mit. Das Datum kann ich nicht genau lesen. 15. Oktober siebzehnhundert sowieso.“
Katharina saß eine Weile sprachlos auf der Truhe, dann riss sie sich zusammen und begann hektisch in den Kisten zu wühlen. Vielleicht fand sie noch etwas, was ihr weiterhelfen würde.
Sie öffnete eine kunstvoll geschnitzte Holzschatulle und zog mehrere Miniaturporträts hervor, die eine junge Frau mit rötlich braunem Haar zeigte.
„Die sieht aus wie ich!“ stellte Katharina überrascht fest. „Das ist bestimmt Elisabeth. In früheren Zeiten wurden doch Miniaturporträts von heiratsfähigen Töchtern angefertigt. Und offenbar soll Elisabeth ja auch verkuppelt werden. Aber was mache ich jetzt? Ich sitze hier in der Wildnis fest und wer weiß, wann jemand hier vorbeikommt.“
Gedankenverloren fuhr ihre Hand an den Hals und spielte dort mit der Rose. Sie spielte mit der Rose! Im nächsten Augenblick realisierte sie, dass der Anhänger sich wieder an seinem gewohnten Platz befand. Ihre Hand fuhr schaudernd zurück. „Was wird hier gespielt?“ fragte sie sich einmal mehr.
Dann merkte sie, dass es kalt geworden war und sie fror trotz Jeans und Mantel.
„Hier liegen ein paar Decken und Umhänge. Benutze ich sie doch einfach!“ Katharina versuchte praktisch zu denken.
Im nächsten Augenblick hörte sie Stimmen und Hufgetrappel. Katharina nahm hastig die Briefe, steckte sie in ihren Hosenbund und zog einen schwarzen Samtumhang fest um sich. Dann blickte sie dem Fackelschein entgegen, der die Finsternis zerteilte. Mehrere Reiter, Katharina zählte zehn oder zwölf, näherten sich. Der Anführer stieg ab und die Fackel erhellte für einen kurzen Augenblick das Gesicht eines Mannes in den Fünfzigern. Er trug eine helle Perücke und war dunkel gekleidet. Mit gemessenen Schritten ging er auf Katharina zu, wobei er darauf achten musste, auf dem unebenen glitschigen Waldboden nicht zu straucheln. Er leuchtete ihr mit seiner Fackel ins Gesicht und sie zog den Umhang unwillkürlich noch fester um sich. Der Mann betrachtete sie nur einen Augenblick und sprach sie dann freundlich in einem altertümlich klingenden Englisch an. „Du musst meine Nichte Elisabeth sein. Oh, was haben wir uns für Sorgen gemacht, als das Pferdegespann ohne die Kutsche auf den Hof jagte. Ich stellte sofort eine Mannschaft zusammen um euch zu suchen, und der Herr in seiner unermesslichen Güte hat uns den rechten Weg zu euch finden lassen. Aber nun sag mir, bist du wohlauf und unverletzt?“
Er winkte einen seiner Diener heran, der ihm die Fackel abnahm und sich stumm daneben stellte. Silas, denn um den handelte es sich, ging weiter auf seine vermeintliche Nichte zu, die ihn stumm und mit aufgerissenen Augen anstarrte.
„Wollen wir jetzt nicht mit dem Theater aufhören?“ gab sie auf Englisch zurück, da er sie in dieser Sprache angeredet hatte. „Ich meine, egal ob Film, Fernsehen oder was ihr Burschen auch immer vertretet, es ist genug!“ Die letzten Worte schrie sie fast, sprang auf und stampfte mit dem Fuß.
„Das war der schrecklichste Tag in meinem ganzen Leben. Zuerst bekomme ich diesen äußerst langweiligen Auftrag mir die moderne Kunst bei der Neueröffnung des Museums anzusehen und auch noch zu kommentieren. Zu kommentieren, ha, ha. Was gibt es da schon zu kommentieren! Dann kommt mir dort mein Familienschmuckstück abhanden und als ich es suchen will, hat es die schwarz gekleidete Frau um. Und weil man wahrscheinlich unseren Begrüßungstrunk mit Drogen versetzt hat, zog uns etwas in das Bild hinein. Farben, Kreise, Fratzen, Wirbel, alles drehte sich. Ich wurde gestoßen, geschubst und geschleudert. Mir tut jeder Knochen, jeder Muskel, jedes Gelenk weh, inklusive des Schädels. Und über einen Toten bin ich auch noch gefallen.“
Erschöpft hielt sie inne und ließ es geschehen, dass Onkel Silas sie sanft umarmte.
„Mein armes Kind! Du bist ja total erschöpft und von Sinnen. Kein Wunder nach diesem schrecklichen Unfall. Oder war es ein Überfall?“ Sein Blick fiel jetzt auf den Toten. Er seufzte und drehte sich zu seiner Truppe um. „Tom, sieh nach, ob hier noch etwas zu machen ist!“ Er wies auf den Kutscher und schüttelte bedauernd den Kopf. „Gott sei seiner armen Seele gnädig! Er war ein guter Christenmensch!“
Dann hob er die Stimme ein wenig: „Ich glaube nicht, dass es sich um einen Überfall handelt, denn in diesem Fall würden die Gepäckstücke hier nicht mehr herumliegen.“
Katharina fühlte sich seltsam und ihr Verstand weigerte sich zu begreifen, was sich hier abspielte. Wenn dieses Theater eine Inszenierung war, dann eine perfekte und mit verdammt guten Schauspielern. Sie erhob sich zunächst einmal wieder, täuschte einen Schwächeanfall vor, taumelte gegen den wuchtig vor ihr stehenden Mann und ächzte: „Oh, Onkel Silas!“
Er fing sie auf. „Oh mein Gott, du siehst meiner Catherine so ähnlich!“ stellte er fest. „Schade, dass sie mit ihrem Gemahl zurzeit nicht hier weilt. Sie bewirtschaften eine Plantage weiter unten im Süden. Aber komm mein Kind. Kannst du ein paar Schritte laufen? So… ich werde dir helfen. Mein Diener Jakob wird dich mit auf sein Pferd nehmen. Meines hat mit mir genug zu tun.“ Er klatschte leicht auf seine stattliche Leibesmitte und lachte.
„Ich darf nicht so viel erzählen!“ sinnierte sie. Die Sprache und Redewendungen unterscheiden sich doch etwas vom modernen Englisch, und außerdem wusste sie nicht einmal, wie sie richtig hieß in dieser Rolle. Außerdem kannte sie die Familienverhältnisse nicht. Dass Onkel Silas sie für Elisabeth hielt war schon okay, zudem sah sie der Miniatur und auch der Tochter ähnlich. Den Altersunterschied würde keiner bemerken, da die Leute in den früheren Jahrhunderten schlicht und einfach schneller gealtert waren. Kompliziert könnte es werden, tauchte die richtige Elisabeth hier auf oder flösse Korrespondenz mit dem Bruder hin und her. Aber für die nächsten paar Tage würde sicherlich erst einmal Ruhe sein, und bis dahin fiele ihr ganz bestimmt etwas ein.
Sie stockte plötzlich mitten in ihrem Gedankenfluss und merkte zu ihrem Entsetzen, dass sie das Unfassbare akzeptierte. Sie fand sich damit ab, sich in einem anderen Jahrhundert und in einem anderen Land zu befinden.
Onkel Silas gab Befehle, das Gepäck aufzusammeln und zu verstauen, dann setzte sich die kleine Karawane in Bewegung.

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