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Die Rose des Höllenreiters 5. Teil

Von comanchemoon Freitag 03.11.2023, 11:58

Nun kam Gello langsam schleichend auf ihn zu. Fast schien es ihm, sie zöge eine Schleimspur hinter sich her. „Keine Angst“, sagte sie lauernd, „ich will nicht deine Geliebte werden!“ Nach diesen Worten schlürfte sie heftig und ein dünner Blutfaden rann aus einem der Eckzähne über ihr Kinn. „Du kennst die Angewohnheiten der Leute hier in der Umgebung und sollst mir als Preis für dein Überleben bei jedem Vollmond ein Kind zuführen. Es gibt genügend davon!“ Sie stöhnte leicht und fuhr sich mit der Hand über den Mund. „Ich mag sie gern, die kleine Brut. Es gibt nichts, was mehr befriedigt, als diese zarten Herzen und Lebern herauszureißen, das Blut abzusaugen und dann zu essen! Ah, das tut jedes Mal so gut!“ Sie schloss schwärmerisch die Augen und rieb die Hände ineinander. In Jonathans Magen kroch Übelkeit hoch und er konnte ein Würgen nur mit Mühe verhindern.
„Willst du es versuchen?“ fragte Gello und sah ihn fordernd an. Dabei öffnete sie den Mund und ein Hauch von Tod und Verwesung schlug ihm entgegen.
Jonathan schüttelte heftig den Kopf, und sie ließ ein enttäuschtes Fauchen hören. „Nun gut, ich kann dich nicht zwingen. Aber ich entscheide, dass du Nacht für Nacht, dein ganzes Leben lang mit verbundenen Augen in diesem Umkreis und in dieser Zeit umher reiten musst. Egal, wo du dich tagsüber befindest, die Nacht gehört meinem Fluch. Nimmst du die Binde ab, werde ich ein Kind töten. Nehmen sie dich gefangen, weil du nichts sehen kannst, und es somit schwer ist zu entkommen, so wirst du alle Pein einer Folter oder auch Todesstrafe auskosten müssen. Sie werden dich vielleicht vierteilen, hängen oder köpfen. Du wirst nicht sterben, aber du wirst die Qualen erleiden.“ Sie zischte noch einmal und gesellte sich zu Dearg-Due.

…....................................


Gegenwart

Mein Anhänger ist weg!“ Panik lag in Katharinas Stimme. Die Rose befand sich seit Generationen in ihrer Familie und ihr Großvater hatte sie ihr feierlich zu ihrem 18ten Geburtstag überreicht.
„Ich muss wieder rein!“
Sie drehte sich um und lief, um den Eingang noch zu erreichen, bevor er verschlossen wurde. Nora folgte ihr schlitternd auf dem glitschigen Laub. Das Portal war noch hell beleuchtet, es war weit und breit aber kein Wächter zu sehen.
„Wo willst du denn suchen?“ fragte Nora kläglich. Nach der kalten und feuchten Abendluft umfing sie wohlige Wärme in den Museumsräumen.
„Im Raum mit dem Reiterbild hatte ich meine Kette noch. Da müssen wir hin, und auf dem Weg dorthin sollten wir schon darauf achten, ob er irgendwo auf dem Boden liegt. Vielleicht habe ich ihn unterwegs verloren.“
Sie eilten zur Garderobe, die schon abgedunkelt war. Dort war nichts zu sehen und sie liefen weiter. In den nunmehr leeren Räumlichkeiten konnte man das Quietschen von Katharinas Schuhsohlen und das Stakkato von Noras Stiefelabsätzen hören. Schließlich kamen sie zu dem Kabinett mit den Bildern aus vergangenen Zeiten. Nur das Reiterbild war noch angestrahlt. Es wirkte eigenartig dreidimensional und beide blieben erschaudernd davor stehen. Die Luft war überlagert von einer unheimlichen Präsenz. Irgendetwas war anders. Und dann sah Katharina, was sich noch verändert hatte. Der Anhänger der schwarz gewandeten Frau strahlte in intensivstem Rot.
„Das ist doch“, sagte sie erstaunt und empört zugleich, „das ist doch meine Rose!“
Die letzten Worte schrie sie fast. Dann kletterte sie über das rote Absperrseil, das die Besucher etwas auf Abstand zu den Bildern hielt und streckte die Hand aus. Nora keuchte hinterher. Katharina berührte die Rose auf dem Bild, die erstaunlich echt wirkte und sich auch so anfühlte. Plötzlich ergriff etwas ihre Hand. Etwas auf der anderen Seite des Bildes. Es war ein starker Sog, der sie in das Bild hineinzerren wollte und Katharina kreischte mit panisch verzerrten Gesichtszügen auf. Das Gemälde veränderte sich, wurde zu einem bunten Wirbel aus Farben, Gesichtern und Fratzen …und zog…und zog. Der Sog wurde so stark, dass er sie mit schrillem Sirren in das Bild hineinzog. Sie wurde wie eine Gummipuppe hin und her geschüttelt, drehte sich, kreiselte und wirbelte durch eine endlose Kakophonie von Tönen und Farben. Das anfängliche Entsetzen wandelte sich nach endloser Zeit in dumpfe Lethargie. Sie gab es auf zu denken, zu fühlen, zu empfinden. Sie ließ es geschehen, wehrte sich nicht mehr und dann gab es plötzlich ein dumpfes Plopp und der höllische Reigen hörte so schnell auf, wie er begonnen hatte.

„Au!“ Katharina landete unsanft auf dem Hosenboden. Sie schluchzte auf und kicherte im nächsten Augenblick irre. Schließlich musterte sie, immer noch unter Schock stehend, die Umgebung. Es dämmerte bereits und sie befand sich in einem Waldstück, auf einer Art Schneise. In der Nähe heulten einige Nachtvögel, wahrscheinlich Eulen. Direkt neben ihr lagen einige Koffer und Truhen, teils geöffnet, und der Inhalt war in weitem Umkreis verstreut.

Wieder hörte sie ein Heulen. Diesmal klang es wie von einem Wolf und sie schlang mit schnatternden Zähnen die Arme wie zum Schutz um sich, als auf der anderen Seite des Waldes ein zweiter antwortete. Es war mittlerweile dunkel geworden und nur der volle Mond, umschmiegt von ein paar Wolkenfetzen, spendete etwas Licht.

Etwas mutiger geworden, sah sie sich nun genauer um. In der Nähe befand sich etwas, wie ein dunkler, riesiger Kasten. Sie ging mit zögernden Schritten darauf zu und entdeckte dann, dass es sich um eine umgestürzte Kutsche handelte. Die Deichsel war gebrochen und von Pferden war keine Spur zu sehen. Neben der Kutsche lag etwas Großes, Dunkles auf dem Waldboden und Katharina stolperte darüber und fiel hin. Als sie sich aufgerappelt hatte, kreischte sie erneut und stammelte Worte, die keinen Sinn ergaben. Schließlich stand sie, beugte sich herab und fühlte etwas Weiches. Stoff, eine Jacke, an einem Körper. Einem leblosen Körper. Sie schluckte. Nahm denn der Albtraum kein Ende?

„Es sieht aus, als hätte die Kutsche einen Unfall gehabt.“ Sie sprach mit sich selber. „Wie ein Raubüberfall sieht es nicht aus, da hier überall verstreut Kleidung und auch Schmuckstücke liegen, soweit ich das in der Dunkelheit erkennen kann.“

„Ich weiß es nicht was es ist, aber ich muss damit fertig werden! Vielleicht ist es ja ein Albtraum und ich wache nachher putzmunter in meinem Bett auf, oder es ist eine Reality Show wie Verstehen Sie Spaß an Halloween! Wahrscheinlich haben die mir was in den Empfangscocktail gemischt und drehen hier Dschungelkamp life. Sehen zu, wie ich mich die Nacht über schlage und lachen sich halb tot über meine Reaktionen! Nächste Woche kommt das dann im Fernsehen.“

Die Luft roch feucht und modrig und in der Ferne erklang etwas wie ein Lachen, aber es konnte genauso gut wieder eine Eule gewesen sein.
In Katharina regte sich der praktische Journalistenverstand. Sie hatte heute als Werbegeschenk ein Feuerzeug erhalten und es in die Manteltasche gesteckt. Da ein paar Kerzen aus einer der umgestürzten Truhen gefallen waren, zündete sie eine an und untersuchte in dem spärlichen flackernden Licht die Inhalte der Kästen und die verstreut umher liegenden Gegenstände.

„Das sind Kleidungsstücke, die aus einem vergangenen Jahrhundert stammen müssen!“ stellte Katharina fest und redete wieder laut und energisch: „Ich sollte die Umhängetasche untersuchen, die der Tote immer noch um den Hals hat. Vielleicht ist dort was Wichtiges drin.“

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