Die Rose des Höllenreiters 4. Teil
Von
comanchemoon
Donnerstag 02.11.2023, 13:59
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comanchemoon
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Gegenwart in Deutschland
„Und Sie?“ fragte sie mit seltsam schleppender Stimme. „Sind Sie ein guter oder ein böser Geist?“ Nora zupfte sie verwirrt am Ärmel. Er aber lachte amüsiert. „Wie man es nimmt“, orakelte er. „Ganz wie man es nimmt! Ich bin der Kurator hier. Ich freue mich jedenfalls, dass zwei so reizende junge Damen sich für die Geschichte vom Höllenreiter interessieren.“ Er wies auf das Bild. „Nun, die Legende sagt, der Besitzer einer großen Tabaksplantage in Virginia lebte mit seiner Tochter Catherine zufrieden auf seinem riesigen Besitz. Bis zu jenem Tag, als der alte Wundarzt in Jamestown Unterstützung von einem jüngeren Kollegen namens Jonathan Cooper bekam. Catherine lernte ihn auf einer Feier auf der Nachbarplantage kennen Um es kurz zu machen, die gegenseitige Anziehungskraft war so groß, dass sie sich heimlich trafen. Als Pfand seiner Liebe schenkte er ihr einen Rubin, den einst sein Großvater von einem Araber erhielt, dem er das Leben gerettet hatte.
Zur gleichen Zeit geschah es, dass drei kleine Jungen aus der Umgebung verschwanden, und man bald darauf ihre erwürgten und misshandelten Körper fand. Bei einer der Leichen lag ein Skalpell, bei einer anderen ein Halstuch. Beide Gegenstände gehörten Jonathan. Ein Verdacht war schnell ausgesprochen, da er neu in der Gegend war und auch kein allgemeines Interesse an den heiratswilligen Jungfrauen zeigte.
Eines Nachts wurde er gefangen genommen und in einem Schnellverfahren verurteilt. Es war selbst für die damalige Zeit kein ordentliches Gerichtsverfahren. Als Beweis dienten Halstuch und Skalpell. Erschwerend kam hinzu, dass auf den Leichen umgedrehte Kreuze gefunden wurden. Weil Jonathan sich nur selten in der Kirche blicken ließ, wurde dies als Beweis für ein Bündnis mit dem Teufel gesehen und er wurde kurzerhand zum Tode verurteilt. Nur konnte man sich zunächst nicht auf die Art der Hinrichtung einigen. Keiner mochte selber Hand anlegen und ihn hängen, erschießen oder gar erstechen oder köpfen. Also einigte man sich endlich darauf, ihn lebendig einzumauern. So würde niemand ihn persönlich töten und alles lag in Gottes wohlgefälliger Hand.
Diese Verhandlung war möglich, da der Gouverneur abwesend war und auch der zuständige Richter in einer anderen Stadt weilte.
Es hatten sich 12 führende Persönlichkeiten, Pflanzer und Geschäftsleute, zu einem Bund zusammengeschlossen, der Recht und Ordnung überwachte und notfalls in die eigene Hand nahm. Das war manchmal auch nötig, da der Richter in einem riesigen Umkreis agieren musste und oft tagelang über schlechte Straßen und fast unpassierbare Wege bis zum nächsten Verhandlungsort unterwegs war.
Als der Richter jedoch von der Verhandlung gegen Jonathan erfuhr, war es vorbei mit der Gemütlichkeit. Er hatte den jungen Mann geschätzt, der ihn von einem unangenehmen und peinlichen Leider befreit hatte. Er ordnete eine umfassende Untersuchung an, in deren Verlauf der wahre Schuldige gestellt wurde. Es war der Lehrer des Ortes, der mit Jonathan in einer Herberge wohnte. Es war ihm ein Leichtes gewesen, ein Halstuch und ein Skalpell aus dem Zimmer des jungen Arztes entwenden und diese Requisiten am Tatort zurückzulassen.
Schwerer wurde es für den Richter zu erfahren, was mit Jonathan geschehen war. Eigentlich erfuhr er nie etwas Genaues, da alle Beteiligten beharrlich schwiegen. Letztendlich ließ er es dabei bewenden. Wäre er der Sache weiter nachgegangen, hätte er wahrscheinlich zwölf wohl angesehene Männer wegen Mordes verurteilen müssen, und dagegen verwehrte sich der Gouverneur, der ein bedauerliches Missgeschick in dem Vorfall sah.
Nachdem der wahre Mörder gefasst war entschloss sich die Bruderschaft, die Gruft zu öffnen, um dem unschuldig Hingerichteten wenigstens ein christliches Begräbnis zu ermöglichen. Was dann passierte, ist nicht genau überliefert. Besser gesagt, erzählte fast jeder, der dabei gewesen war, etwas anderes. Die einen sagen, die Grabstätte war einfach nur leer. Die anderen sagen, ein gewaltiger Donnerschlag ertönte, gefolgt von einem Blitz, Jonathan kam auf seinem Pferd heraus geritten und verschwand mit rasendem Funken sprühendem Galopp. Wieder andere sagen er drehte sich noch einmal um und drohte, dass er nun das ausführen werde, für das er verurteilt worden war.
Seitdem sieht man bei Mondschein ab und zu den Höllenreiter mit verbundenen Augen auf der Suche nach kleinen Jungen, um sich zu rächen. Tatsächlich wurden in den nächsten Jahren mehrere Morde an Kindern verübt, und jedes Mal sah man den Reiter in der Nähe.
Ja, und Catherine, sie wurde mit einem Plantagenbesitzer aus South Carolina verheiratet. Sie war der festen Überzeugung Jonathan hätte sie vergessen.
Aber ich habe Sie nun lange genug aufgehalten mit meiner Spukgeschichte. Wir schließen gleich, und ich würde Ihnen raten schnellstens zum Ausgang zu kommen. Wir werden uns hoffentlich bald einmal wieder sehen!“
Er machte eine altmodische Verbeugung und schritt auf das Portal zu. Die Freundinnen folgten ihm stumm, noch ganz im Bann der Geschichte. An der Garderobe holten sie ihre Mäntel und standen bald darauf draußen an der frischen Luft. Es war etwas neblig und beide erschauderten. Ein plötzlicher Windstoß raschelte im letzten Laub der Bäume und Katharinas linke Hand zuckte unwillkürlich unter den Mantel zu ihrem Rubinanhänger. Aber da war nichts mehr. Sie fuhr suchend mit der Hand hin und her, die Rose blieb verschwunden.
….......................
Vor 250 Jahren in Virginia
Die Atemluft in dem zugemauerten Verließ wurde zunehmend knapper und Jonathan sank auf die Erde nieder. Die drei Dämoninnen nahm er kaum noch wahr. Außerdem beachteten sie ihn offensichtlich nicht mehr und unterhielten sich in einer ihm unverständlichen Sprache, die hauptsächlichen aus Zisch-, Kehl- und Knurrlauten zu bestehen schien. Seine Hand fuhr an den Hals, den ihm der Luftmangel zuzuschnüren schien. Schweiß trat auf seine Stirn und er hatte den Eindruck, die Augen träten ihm heraus.
Plötzlich stand die rothaarige Dearg-Due vor ihm. Dabei hatte er keine Bewegung wahrgenommen. Eben noch befand sie sich zehn Schritte entfernt, im nächsten Augenblick direkt vor ihm. „Du wirst nicht sterben!“ übermittelte sie ihm. Dabei bewegte sie die Lippen nicht. Die Worte erklangen direkt in seinem Kopf, ohne dass er dabei einen Laut hörte, aber er verstand den Sinn. „Willst du mein Gefährte sein?“ Sie lächelte dabei verführerisch und ließ den grünen Schleier sinken, der ihre Gestalt umhüllte.
„Catherine!“ murmelte Jonathan. „Ich habe Catherine ewige Treue geschworen und will nichts mit einer Teufelin zu tun haben!“
„So, du verschmähst mich!“ Ihre grün schimmernden Augen verengten sich zu Schlitzen. „Willst du nicht wissen, was ich dir bieten kann?“
Er schüttelte matt den Kopf. „Lieber tot und in Gottes Hand, als lebend unter Dämonen und Teufeln!“
Die Dämonin lachte höhnisch, wobei ihr schönes Gesicht sich in eine breiige Fratze verwandelte. „Tot und in Gottes Hand geht nicht mehr!“ spie sie ihm entgegen. „Du hast es gewagt, mit der Hölle zu spielen, jetzt trag die Konsequenzen. Lebe ewig von mir aus, aber ohne deine Catherine. Sie wirst du nimmer finden!“
„Nimmer finden, nimmer finden!“ echote es von den Wänden der Gruft, und Dearg-Due stand in der nächsten Sekunde mit verschränkten Armen an einer anderen Stelle, so weit wie möglich von ihm entfernt.