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Das Bratkartoffelverhältnis

Von Feierabend-Mitglied Montag 11.09.2023, 09:10


In dem Haus, in dem ich meine gesamte Kindheit und Jugend verbracht habe, lebte im ersten Stock ein älteres Paar, beide waren, so lange ich denken konnte, schon Rentner. Herr Schemann war groß und spindeldürr, Frau Wieshoff klein und sehr rundlich. Oft hörte ich sie singen, wenn ich nach oben in den zweiten Stock lief. Schön sang sie nicht, aber laut: Mit ein ruhiges Gewissen legen wir uns auf dem Kissen... Bis heute weiß ich nicht, wie dieses Lied heißt.

Eines Tages lauschte ich einer Unterhaltung meiner Omi mit einer Bekannten, die uns gelegentlich mit ihrem Dackel besuchte.
Plötzlich fiel das Wort Bratkartoffelverhältnis. Und die Namen Schemann und Wieshoff.
Brat-kartoffel-verhältnis! Was konnte das denn wohl sein.
Bratkartoffeln mochte ich sehr. Aber was hatten die beiden damit zu tun?
Briet sie ihm immer nur Kartoffeln? Kam vielleicht sonst nichts auf den Tisch?
Oder mochten sie nichts anderes essen?
Ich grübelte und grübelte, stellte mir die Nachbarin am Herd vor, während er am Tisch sitzend auf die Bratkartoffeln wartete. Und kam zu keinem Ergebnis.

Als unser Besuch gegangen war, bat ich die Omi um Aufklärung. Natürlich kam erst einmal die Antwort, ich hätte mich verhört. Bestimmt hatte Omi die Befürchtung, ich freche Göre würde demnächst durch das Haus laufen und allen Leuten meinen erweiterten Wortschatz mitteilen.
Aber ich gab nicht auf, ich bohrte nach.
Und schließlich erfuhr ich, dass Frau Wieshoff und Herr Schemann nicht verheiratet waren, beide hatten ihren Partner verloren und lebten seit vielen Jahren zusammen.
Und das nannte die Omi ein Bratkartoffelverhältnis. Einen Sinn ergab es für mich kleines Mädchen allerdings nicht.

Viele Jahre später zogen die Nachbarn, die schon immer unter uns gewohnt hatten, aus und ein sehr, sehr junges Paar, er 17 und sie 16 und hochschwanger, bekam die Wohnung. Und Omi war entrüstet, dass sich die beiden jungen Leute jeden Tag über Stunden ganz allein in den Räumen aufhielten, ohne Aufsicht! Da kann doch wer weiß was passieren...
Ich musste laut lachen. „Omi, es ist doch schon lange passiert, der Babybauch ist doch nun wirklich nicht zu übersehen.“ Das war dann aber kein Bratkartoffelverhältnis, das Paar ging zum Standesamt und für die Omi war die Welt wieder in Ordnung. Denn zwei Bratkartoffelverhältnisse auf einer Etage wäre etwas viel gewesen für meine alte Omi.


Dieses Bild war 1965 in der WAZ, als in unserer Straße die nötigen Arbeiten durchgeführt wurden, die das Ende der Plumpsklos bedeuten sollten.

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