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Der rote Vorhang

Von andreawrite Freitag 01.12.2017, 12:48

Es musste irgendwann so kommen. Das war mir schon seit einigen Jahren klar. Na ja, so ganz klar doch nicht, ich habe eine ausgesprochen gute Verdrängungstechnik entwickelt, Dinge die ich nicht sehen will, so lange nicht zu sehen, bis ich direkt davor stehe und dann hilft nur noch eins: Durch.
An einem solchen Punkt bin ich nun angekommen. Oh, Verzeihung, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Musetta, gerufen wurde ich Mussa. Das ist schon lange her. In den letzten Jahren rief mich niemand mehr, weder mit dem einen, noch mit dem anderen Namen, den ich übrigens meiner Großmutter und ihrer Liebe zu „La Bohème“ zu verdanken habe. „Mimi“ war ihr wohl zu tragisch. Tja, weshalb erzähle ich das eigentlich? Ach so, ich bin seit einiger Zeit arbeitslos und laut Agentur für Arbeit auch nicht mehr vermittelbar. Mir wurde angeraten, doch einfach meine Rente drei Jahre früher zu beantragen. Nach langem Überlegen habe ich eingewilligt. Nun, meine Rente ist nicht hoch, und nach dem Abzug reicht sie kaum zum Leben. Und nur deshalb sitze ich jetzt hier und sortiere meine Habseligkeiten in „das brauche ich“, „das kann weg“ und „das brauche ich nicht, kann aber auch nicht weg“. Ich muss umziehen, meine große Wohnung ist nicht mehr bezahlbar. Zwei Zimmer sind doch ausreichend. Zwei Zimmer, vierzig Quadratmeter, nur halb so groß wie mein derzeitiges Reich, nicht ausreichend für die Schätze eines ganzen Lebens. Das meiste was in der Wohnung stand, habe ich schon verpackt. Von vielen, meiner über die Jahre angesammelten Bücher, Schallplatten und CDs habe ich mich schweren Herzens getrennt. Möbel, die ich nicht mehr stellen kann, habe ich verkauft oder verschenkt. Der Keller ist ausgeräumt, bis auf einen alten Schrankkoffer. Mein Nachbar und sein Sohn waren so freundlich, das schwere Teil die Treppe hoch zutragen. Ich konnte mich davon nicht ohne noch einmal einen Blick hinein zu werfen, trennen.
Muffig riecht das Teil, kein Wunder, nach gut fünfundzwanzig Jahren Kellerdasein. Artistengepäck verraten ein Aufkleber auf der Front- und ein zweiter auf der Rückseite. Die Ledergriffe rechts und links sind abgenutzt und brüchig. Die Schlösser, immerhin drei an der Zahl, sind verrostet und zum Glück nicht abgeschlossen, so dass sie nach kurzem Bearbeiten aufspringen. Ich ziehe den Koffer auseinander. Auf der einen Seite befinden sich Schubladen aus fester Pappe, mit dünnem grau gemustertem Stoff überzogen, auf der anderen Seite eine Hängegarderobe und aus beiden Seiten strömt Modergeruch, vermischt mit einem Hauch Puderduft, einem leichten Anklang Parfüm und tausend Erinnerungen. Die Schubfächer sind voll von alten Postkarten, viele kleben zusammen, die Feuchtigkeit eben. Die können weg. An der Garderobe vorne: Der alte Silberfuchs meiner Mutter. Er schaut mich mit seinen Glasaugen vorwurfsvoll an. „Ich kann nichts dafür. Ich habe nie fremde Haut getragen!“ Ich nehme den Fuchs heraus, stecke ihn in eine Tüte. Schon als Kind hat mich sein Anblick traurig gemacht.

Und dann sehe ich roten Stoff. Das glaube ich jetzt nicht. Er ist noch da! Ich ziehe den Bügel hervor. Unter einer durchsichtigen Plastikhülle hängt ein mehrfach gefaltetes Stück roter Samt. Vorsichtig ziehe ich den Stoff hervor. Ich tauche meine Nase in dieses Rot. Hier wohnt der Duft meiner Kindheit, der Duft nach Salzwasser, Sand, Puder und Schminke. Ich erinnere mich an die Erzählungen über seine Herkunft. Dieses hundertjährige Stück Samt ist der Rest eines besonderen Vorhanges. Fast fünfzig Jahre verbarg er in seinem Rücken eine Varietébühne, er war damals mit schweren goldenen Tressen gesäumt und wenn er sich öffnete oder schloss, war dieser Vorgang immer von Applaus begleitet. Nach einer Bombennacht des zweiten Weltkrieges war dieses Dasein vorbei. Eine Hälfte verbrannte, die zweite Hälfte war ziemlich ramponiert, aber ein Teil des Stoffes war noch brauchbar. Mein Vater, der Akrobat war, nähte mit seinen geschickten Händen Überzüge für die Polsterung des Bühnenequipments und eine Decke, die eben dieses Equipment und weitere Utensilien vor neugierigen Blicken verhüllte, wenn der Kofferraum im Auto voll bepackt war. Damals gab es noch keine Kofferraumabdeckung, oder vielleicht hatten wir auch bloß keine - das weiß ich nicht mehr. Wie oft habe ich, in diese Decke gehüllt, auf der Rückbank des Autos geschlafen und bin an den schönsten Orten wieder wach geworden. Diese alte rote Decke hat alle Träume meiner Kindheit erlebt und zugedeckt. Ich hülle mich darin ein, wie in einen Mantel.

Und da passierte es: Ich sehe mich mit dem roten Samt am Strand von Esbjerg, voll mit Sand und einen Sandsturm beim Ausschütteln entfachend. Er war Handtuchersatz und Umkleidekabine. Er hatte beim Spielen als Umhang gedient, Prinzessin oder Sankt Martin. Alles war möglich. Manche Stellen im Samt sind ganz abgeschabt und durchscheinend. Ich halte eine solche Stelle vor meine Augen. Nun kann ich ohne zu blinzeln in die Sonne schauen, die grell durch das geschlossene Fenster strahlt. Ein rot-goldenes Funkeln sprenkelt meinen Fußboden. Fußboden? Quatsch, ich sitze in einer Kuhle aus Sand am Strand und blinzele auf das Wasser. Ich bin fünf Jahre alt, und schmecke Salz und Meer auf meinen Lippen. „Wer möchte was zu essen?“ Mein Vater ruft, er balanciert einige Pappteller mit røde ristet pølser (gebratene rote Würstchen) in länglichen Brötchen. Remoulade, Röstzwiebeln und süß-saure Gurkenscheiben quellen auf den Seiten heraus und tropfen beim essen auf meine Beine und meine Sandburg. Meine Mutter wäscht die Überreste der Mahlzeit aus meinem Gesicht und von meinen Beinen. Sie wickelt mich in ein großes Handtuch und legt mich unter einen Baldachin aus rotem Samt.

Ein schrilles Klingeln weckt mich aus meiner Kinderwelt. Ich bin wieder erwachsen, krabble unter meinem Zaubertuch hervor und öffne die Wohnungstür. Mein Nachbar und sein Sohn stehen draußen. „Wir haben jetzt Zeit, sollen wir den alten Koffer wieder runtertragen? Morgen früh ist Sperrmüll. Dann sind Sie das Ding los.“ Ich merke, dass ich noch nicht richtig wieder im „Jetzt“ bin und winke die zwei abwesend herein. Der Sohn schnappt sich die Tüte mit dem Silberfuchs und stopft sie in eine Schublade des offen stehenden Schrankkoffers. Dann will er nach der roten Decke greifen.
„Nein, die nicht“ sage ich, hebe sie auf und halte sie ganz fest an mich gedrückt. „Was wollen Sie denn mit diesem Fetzen?“, fragt der Vater. „Das verstehen sie nicht“ sage ich und schmiege meine Wange an das Tuch. „Die spinnt doch“, murmelt der Sohn. Obwohl ich diese Bemerkung gehört habe, sage ich nichts. Soll er doch denken was er will. Mir doch egal. Ich komplimentiere die beiden mitsamt Schrankkoffer hinaus. Mir fällt die „La Bohème-Musetta“ ein: „Ich will tun, was mir gefällt. Will tun, was gut mir scheint!“ Ich schließe die Wohnungstür, lehne mich an die Wand und werfe mein rotes Zaubertuch über mich, sofort duftet es nach Salzwasser und Sonnenöl. Ich schließe die Augen, höre das tiefe Lachen meiner Mutter und rieche, wie ihr Parfüm in mein Zelt weht. Möwengekreisch und das Rauschen der Nordsee-Wellen umgibt mich. Einfach so stehen bleiben, diesen Augenblick nicht enden lassen, dieses wunderbare Gefühl der Kindheit und Ruhe nach all der Hektik der letzten Tage …

Dann breite ich meine Rote-Vorhang-Decke auf dem Boden aus und falte sie ordentlich zusammen. Ich öffne noch einmal den bereits gepackten Koffer, der all das enthält, was mir für die erste Nacht in der neuen Wohnung wichtig erscheint und was ich den Möbelpackern nicht anvertrauen will, lege meinen samtenen Schatz hinein und nehme ihn mit in mein neues Leben. Ich weiß jetzt, dass ich jederzeit in die Kindheit zurück kann. Dazu brauche ich nur ein Stück alten, roten Samt.

(c)Andrea Lutz

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