Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

3 4

Das Christkind wohnt unterm Dach

Von andreawrite Dienstag 19.12.2017, 13:34

Der Winter 1916/17 war hart und entbehrungsreich. Besonders in der Stadt spürten die Menschen die durch Krieg und Sanktionen entstandene Lebensmittelknappheit. Meine Großmutter war zu dieser Zeit eine junge Frau mit drei Kindern. Das jüngste Mädchen, Gertrud war damals fünf Jahre alt. An einem frühen Nachmittag im Dezember gab die Mutter der kleinen Gertrud den Auftrag, ein Körbchen mit gerösteten Bucheckern zur Frau des Pfarrers zu bringen. Ein gutes Buchenjahr neigte sich dem Ende zu. Die Mutter, Gertrud und ihre Geschwister hatten die kleinen dreieckigen Früchte im Herbst fleißig gesammelt. Den größten Teil brachten sie zur Ölmühle, der Rest wurde geschält und geröstet. Aus diesem Vorrat füllte die Mutter einen Teil für die Frau Pfarrer ab. Im Tausch dafür würde sie Eier bekommen. Eine unabdingbare Zutat zur Weihnachtsbäckerei, die auch in diesem Jahr stattfinden sollte. Gertrud versprach alles gewissenhaft zu erledigen und machte sich auf den kurzen Weg zum Pfarrhaus. Dort angekommen traf sie nicht die Frau des Pfarrers, sondern nur den zehnjährigen Sohn Karl an. Der meinte, die Mutter sei wohl auf dem Dachboden um die Wäsche aufzuhängen.

„Geh nur hinauf“, sagte er, „immer die äußere Stiege hoch!“ Gertrud machte sich daran, die steile Treppe zu erklimmen. Oben angekommen sah sie, dass die Dachbodentüre nur angelehnt war. Trotzdem blieb sie davor stehen und rief nach der Frau Pfarrer. Nachdem sie keine Antwort bekam, wagte sie sich hinein. Kalt war es dort und zugig. Weiße Wäsche bewegte sich leicht im Luftstrom, der durch das Gebälk wehte. Im Halbdunkel wirkte das schon etwas gruselig auf das Mädchen. Zögernd bahnte sie sich einen Weg zwischen den Leintüchern. Der Holzboden knarrte bei jedem Schritt und wenn sie stehen blieb, war es so still, dass sie ihren eigenen Atem hören konnte. Auf der letzten Leine hingen Kissenbezüge, unter denen Gertrud bequem hindurch gehen konnte. Da war es auch ein wenig heller, ein Dachfenster ließ einen Lichtstreifen in den großen Raum fallen. Gertrud blickte geradeaus und was sie da sah, war so wunderschön, dass sie gebannt vom Anblick stehen blieb. Da lag es, das Kindlein auf Heu und auf Stroh, genau so, wie es in dem Lied hieß, das die Mutter manchmal sang. Das Christkind! Gertrud stellte ihr Körbchen ab, faltete die Hände und flüsterte: „Liebes Christkind, mach doch bitte das der Krieg aus ist und der Vater wieder nach Hause kommt. Ich verrate auch niemandem wo du wohnst. Bitte!“ Dann nahm sie ihr Körbchen und verließ auf Zehenspitzen diesen wunderbaren Ort. Die Frau Pfarrer hat sie noch angetroffen die Bucheckern abgeliefert und gegen Eier getauscht. Zu Hause angekommen, bat sie ihre Mutter das Lied von „den Kinderlein die kommen“ zu singen.

Mittlerweile sind hundert Jahre vergangen. Doch jedes Jahr zur Weihnachtszeit muss ich an die lebensgroßen Krippenfiguren auf dem Pfarrhaus-Dachboden und diese kleine Geschichte denken, die mir meine Tante einst erzählte, als ich sie fragte wo denn wohl das Christkind wohne …

(c)Andrea Lutz

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Geschichten schreiben > Forum > Das Christkind wohnt unterm Dach