Ein ganz normaler Ehemann ..15. Teil 1
Von
comanchemoon
Dienstag 19.11.2024, 16:41
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
comanchemoon
Dienstag 19.11.2024, 16:41
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Heinrich Wetter erzählt aus seinem Familienleben:
Und wieder ein Brief von Carla
Einen Tag nach den beschriebenen Konfirmationsfeierlichkeiten zählte Tim seine Briefe und den Inhalt. Er jubelte über das Geld und dann lasen wir noch gemeinsam ein Schreiben von Carla.
Lieber Tim,
und auch liebe Mona Marie und lieber Heinrich,
ein großer, großer Tag für Dich, mein lieber Tim. Leider konnte ich nicht persönlich kommen. Hoffe aber, dass Dich die beiliegenden Scheinchen über meine Abwesenheit hinwegtrösten werden. Ich bin sogar sicher!
Für mich ist auch ein großer Tag. Ihr erinnert Euch doch, dass ich eine Party erwähnte, auf die ich mit Paolo gehen wollte. Nun, hier lernte ich meinen zukünftigen Ehemann kennen!
Ja, Heinrich, schließe deinen Mund wieder! Ich werde heiraten! Er ist Amerikaner und wohnt in New York. Nächste Woche ist die Hochzeit. Es war eine ganz schnelle Entscheidung und Liebe auf den ersten Blick. Er hat viel Geld, und ich werde mir ein phantastisches rotes Kostüm und einen traumhaften Hut für die Hochzeit kaufen. Er bezahlt – selbstverständlich. Ich freue mich so. …..und was ich alles in New York sehen werde!!! Ich weiß gar nicht, was ich zuerst schreiben soll.
Mein Verlobter sieht soooo gut aus. Habe ich Euch schon den Namen verraten? Vincente Maserini. Ja, ja, er hat italienische Abstammung. Aber er ist in New York geboren. Er besucht Verwandte hier in Rom und muss an einigen geschäftlichen Besprechungen teilnehmen.
Er hat ein hübsches Gesicht. Na gut, ein paar Narben auch. Er sagt, es haben ihn mal einige Schrotkugeln gestreift. An der Schulter hat er auch eine Narbe. Von einem Messerstich. Und am Bein……was war da eigentlich?
Na egal, ansonsten ist er ganz passabel. So, ich muss den Brief nun beenden, wir wollen noch einen Onkel von Vincente besuchen, dem er sehr viel Respekt entgegenbringt. Don Alfonso oder so ähnlich.
Viele Grüße und Küsse
Eure Carla
„Die Küsse hätte sie sich sparen können!“, sagte ich.
Tim grinste: „Aber nicht den Tausender!“
„Vincente,“, meinte Mona Marie nachdenklich: „Don Alfonso, Messerstiche, Kugelhagel! Was stellt sie jetzt wieder an?“
„Keine Ahnung!“, antwortete ich lakonisch. Mich interessiert im Moment mehr, Tim, was willst du mit dem vielen Geld anfangen? Eine Videokamera kaufen und den Rest sparen?“
„Nein, ich möchte einen eigenen Hund?“
„Was?“ Gestern hatte ich wohl doch ein paar Biere zu viel getrunken. Meine Ohren wollten nicht so recht.
„Na, einen Hund. Einen Berner Sennenhund, wie mein Englischlehrer einen hat!“
Perplexes Schweigen von meiner Seite und ein Stöhnen von Mona Maries Seite.
„Ich bin wohl etwas begriffsstutzig. Haben wir nicht einen Hund? Ich glaube Cleo heißt er. Warum denn noch einen zweiten anschaffen?“
„Sieh mal,“, sagte Tim geduldig: „ich möchte einen Hund für mich allein, einen Welpen, den ich erziehen kann. Außerdem sind Hunde Rudeltiere und Cleo hätte Gesellschaft.“
Mein Vorrat an pädagogischen Argumenten war noch nicht erschöpft. „Und wer kümmert sich um den Hund? Weiß du überhaupt, wie viel Arbeit es macht einen Welpen aufzuziehen, geschweige denn sauber zu bekommen?“
„Ich kümmere mich um ihn. Wenn ich aus der Schule komme, habe ich Zeit.“
„Dieser Hund wird auch noch nach deiner Schulzeit da sein. Überlege dir das noch einmal!“
Es war an der Zeit, meine Autorität hervorzukehren und somit war die Angelegenheit vorerst für mich erledigt. Eine Zeitlang folgten noch Diskussionen mit Mona Marie, Oma und allen Bekannten und Freunden die es interessierte, oder auch nicht. Dann legte sich die Alarmstimmung, meine Antennen ruhten, und es kam jener verhängnisvolle Tag.
Ich saß nach Feierabend wieder einmal gemütlich in der Küche und las meine Autozeitung. Draußen regnete es, wie in den letzten Jahren meistens zur Frühjahrs- und Sommerzeit. Kein Wunder, dass die Deutschen als stur gelten. Wer kann schon mit einer gediegenen Portion Humor aufwarten, wenn gut achtzig Prozent des Jahres grau und wolkenverhangen sind, und man am besten mit Wollsocken, Glühwein und Wärmflasche ins Bett geht!
Tim und Mona Marie setzten sich dazu. Es war so gegen siebzehn Uhr Nachmittags und wir unterhielten uns über die Schule, über den nächsten Urlaub, einen Spaziergang mit Cleo, meine Arbeit und Gott und die Welt. Zwischendurch schielte ich immer wieder in meine Zeitschrift. Da….., um viertel nach fünf, ein interessanter Artikel, ein Vergleich zwischen VW-Passat und einem Opel….! Mit Feuereifer, voll konzentriert wühlte ich mich durch den Bericht wie eine Made durch ein besonders saftiges Stückchen Käse und kaute zwischendurch auf Mona Maries und Tims Fragen immer mal wieder ein gequältes: „Ja, ja!“, hervor.
Zugegeben, die Zeitung war eine fundamentale Voraussetzung für eine Unterhaltung und mit meinem letzten: „Ja, ja!“ um halb sechs kam die Strafe für meine Borniertheit und ich hatte plötzlich Tims Arme um meinen Hals und der Anschaffung eines Berner Sennenhundes zugestimmt. Von da an verlor ich jeglichen Einfluss auf die Entwicklung der Dinge.
Rambo
Es war ein herrlicher Mainachmittag. Lichtreflexe, gesandt von einer goldenen Sonne, die noch nicht das hitzeflirrende Weiß des Sommers erreicht hatte, huschten durch das Fenster, tanzten durch den kleinen Raum und sprenkelten die anwesenden Personen mit hellen Flecken. Das Zimmer war spärlich eingerichtet, eine rot gepolsterte Bank, ein paar Stühle, ein großer Tisch, eine Regal mit mehreren Büchern, bezeichnenderweise über Hundeaufzucht. Hier lud nichts zum längeren Verweilen ein, aber das wollte auch keiner.
Mit ausholenden federnden Schritten (dieser Gang war typisch für ihn) durchmaß ein großer, stattlicher Mann den Raum. Unruhig schritt er hin und her. Ab und zu murmelte er etwas, schüttelte den Kopf, nahm seine Brille ab, putzte ein imaginäres Stäubchen weg, setzte sie wieder auf und seufzte zum Gotterbarmen.
Dieser Mann war ich. Ich – Heinrich Wetter, in den Vierzigern und gerade dabei meiner Familie einen Wunsch zu erfüllen und mir einen Albtraum zu bescheren.
Ich sah meine Frau Mona Marie – zur Zeit braunhaarig mit blonden Ponyfransen – an. Sie hatte sich auf die Bank gesetzt. Als sie meinen Blick auffing, zuckte sie leicht die Schultern, sah dann nach unten und bearbeitete mit einem Papiertaschentuch einen Fleck auf ihrer Jeans. Das Tempo zerkrümelte dabei und hinterließ weiße Fusseln auf dem Stoff, die nun wiederum auch intensiv entfernt werden mussten.
Unser Sohn Tim stand vor dem Regal mit den Büchern. Ab und zu nahm er sich eines heraus und blätterte scheinbar interessiert darin herum. Er war fünfzehn und einsachtundsiebzig groß mit braunem Haar und braunen Augen.
Nun, wir beschäftigten uns gerade in diesem Raum so sinnvoll wie möglich, als die Tür aufging und unser Herumlaufen, Putzen und Blättern ein gnädiges Ende finden konnte. Herein kam eine Frau mittleren Alters mit energischen Gesichtszügen, lässig in Jeans und mit einem zu weitem Männerhemd bekleidet. Sie schleppte keuchend einen großen Korb aus Weidengeflecht mit einem ganz besonderen Inhalt.
Vorsichtig stellte sie den Behälter auf den Tisch.
„Die sind schon ganz schön schwer!“ Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auf dem ersten Blick lagen in dem ausgepolsterten Korb nebeneinander aufgereiht sechs große, fette, schwarze Meerschweinchen – in Zwergdackelgröße.
Fortsetzung folgt