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Ein ganz normaler Ehemann ..12. Teil 3

Von comanchemoon Mittwoch 06.11.2024, 13:11

Heinrich Wetter erzählt aus seinem Leben
Eigentlich wollte ich keinen Hund .. aber so begann es

Fortsetzung


Sie holte mit ihrer rechten Faust aus und wollte offensichtlich eines seiner Augen mit einem dicken Hämatom verzieren. In diesem Moment richtete sich Kalle unglücklicherweise auf und sie traf seinen Mund. Beide brüllten ausdauernd. Kalle, weil ihm die Schneidezähne nach hinten in den Gaumen gebogen wurden und Dagmar, weil seine Beißer tiefe Spuren an ihrer Hand zwischen den Knöcheln hinterlassen hatten.

Ich schloss für einen Moment die Augen und holte tief Luft. Das war ein verhängnisvoller Fehler, weil ich einen Würgereiz bekam und mein Landkäsebrot vom kürzlich verspeisten Mittagessen wieder nach oben drängte. Beide Trucker standen nun ziemlich belämmert herum und wussten offensichtlich nicht, was sie sagen sollten.

„Soll ich dem Werkschutz Bescheid geben?“, fragte Elvira. Sie war in der Tür aufgetaucht und bot einen Anblick, der Männerherzen zum Schmelzen bringen konnte. Ihre langen Beine wurden nur etwas von einem breiten Gürtel bedeckt, der sich bei genauerem Betrachten als Minirock entpuppte.

Kalle war dagegen immun. „Blof nifft!“, jammerte er. „Dann bekommen wir beide Werffebot und können nif mehr fahren!“ Er verschluckte sich an dem Blut, was aus seinem Zahnfleisch rann und hustete.

„Es tut mir ja so leid!“, heulte Dagmar und lehnte sich an die Schulter von Hans Winkelhaus. Flüssigkeit aus ihren Augen und auch ihrer Nase tropfte auf die linke Schulter seines teuren Anzuges, was Ralf und ich etwas hämisch registrierten. Die moderne Tiefenpsychologie hätte sicherlich eine Erklärung dafür.

„Mein verdammtes Temperament ist mit mir durchgegangen!“ Dagmar ließ von Hans’ Schulter ab und sank auf einen der alten Stühle, der bedrohlich ächzend protestierte.

„Ihr müsst auf jeden Fall erst einmal verarztet werden!“, stellte ich lakonisch fest. „Aber einzeln, ihr dürft nicht sagen, was vorgefallen ist. Sonst bekommt ihr Werksverbot. Am besten sagen wir, Kalle ist gestolpert und du Dagmar, hast dich an der Tischkante verletzt!“

„Ich telefoniere mit Dr. Busch!“, bot sich Elvira an. Sie hatte es eilig, aus dem Raum zu verschwinden. „Wenn ich mich melde, denkt er bestimmt, Ralf ist wieder umgefallen!“, kicherte sie und handelte sich einen strafenden Blick desselben ein.

Dr. Busch war ein rühriger mittelgroßer und stämmiger Mann. Ihm war sämtlicher Haarbewuchs auf seinem Schädel abhandengekommen, er schien noch nicht einmal Augenbrauen zu haben. Sein Gesicht wies keine nennenswerten Konturen auf und wirkte eher wie ein rosa Wasserball. Er gehörte offensichtlich zu den Menschen, die leicht einen Sonnenbrand bekommen. Dr. Busch mochte an die Sechzig sein und war als Werksarzt mit den seltsamsten echten und auch vorgetäuschten Krankheiten konfrontiert worden. Als er mit seiner abgegriffenen braunen Notfalltasche, die während des zweiten Weltkrieges schon alt gewesen war, bei uns eintraf, rümpfte er die Nase.

„Hier sollte jemand lüften! Es riecht wie in der Umkleidekabine eines Pumas. Na ja, vielleicht noch ein wenig schlimmer! Wen haben wir denn da. Über die eigenen Füße gestolpert, wie? Mach den Mund auf und lass ihn auf, versuch bloß nicht, mich zu beißen. Obwohl, das sollte dir schwer fallen, he, he!“

Es gehörte zu Dr. Buschs Eigenarten, jeden zu duzen und zu sprechen wie ein Schnellfeuergewehr. Er vertrat die Ansicht, dass seine Patienten dadurch ruhiger würden.

„Ja, jaaaa, dass haben wir doch gleich.“ Er zog sich Untersuchungshandschuhe über, wobei er das Latexmaterial laut klatschend über seine Handgelenke schnappen ließ. „Weißt du, das sieht ja gar nicht so schlimm aus. Nicht so schlimm, wie der Fall vor zwei Monaten – oder waren es drei? Egal, einer der Aushilfsstudenten war beim Reinigen der Maschinen in die Metallpresse geraten. Nein, welch eine Sauerei! Er konnte nur anhand eines Fußes identifiziert werden, der noch aus der Presse herausragte. Er fiel hinunter, als ich ihn anfasste. Den Rest musste die Feuerwehr erledigen. Viel war es nicht, was sie zusammenkratzten. Es ergab einen undefinierbaren Brei aus Blut, Fleisch und Knochen!“ Er ließ die letzten Worte genüsslich über seine Zunge rollen.

Dann fuchtelte er vor Kalles Gesicht herum, der nicht eine Miene verzog. Dieser hatte genug während seiner Legionärszeit gesehen. Nur Elvira wurde bleich. Wir hatten alle von dem Unfall gehört, waren aber nicht auf eine so drastische Beschreibung gefasst gewesen.

„Vor zwei Wochen“, erzählte Dr. Busch ungebeten weiter „hatte einer der Bahnarbeiter einen Unfall. Er rutschte ab und stürzte geradewegs breitbeinig auf einen Puffer. Autsch!“ Er griff Kalle in den Mund.

„Was dann?“, fragte Elvira.

„Nun meine Liebe“, der Doc nahm einen kleinen Spiegel und betrachtete Kalles Zähne, dabei kniff er seine ohnehin kleinen, schmalen Augen noch mehr zusammen. „Ich wette, er singt jetzt Sopran! Nein, nicht du!“, sagte er, als Kalle einen Laut, der wie „HÄH“ klang von sich gab. Dann griff er seinem malträtierten Patienten erneut in den Mund und drückte vorsichtig die Zähne wieder in die richtige Position.

„Touché! Nichts abgebrochen!“, stellte er zufrieden fest, um sofort zusammenhangslos weiterzureden: „Gestern ist dem Meister Benninghaus ein Gabelstapler über beide Füße gefahren. Hatte der ein Glück! Aber du, sei vorsichtig mein Lieber! Erst mal in nichts reinbeißen und morgen ab zum Zahnarzt. Wenn du Glück hast, ist weiter nichts passiert!“

„Wieso Glück?“ fragte Elvira.

„Glück?“

„Meister Benninghaus!“, erinnerte Elvira.

„Ach so, ja. Nun braucht er für beide Füße fünf Schuhnummern größer. Stell dir vor, der Stapler hätte nur einen Fuß erwischt, ho, ho, ho!“ Er lachte dröhnend nach Santa Claus Art und schlug sich auf die kräftigen Schenkel.

Ich schaute Kalles Verarztung eine Weile fasziniert zu, als mich ein besonders schrilles und penetrantes Klingeln des Telefons an meine Arbeit erinnerte. Elvira war schneller als ich und hob den Hörer ab. Sie unterhielt sich eine Weile angeregt mit dem Teilnehmer am anderen Ende der Leitung und nickte gelegentlich zu mir rüber.

Mittlerweile hatte Dr. Busch Kalle mit viel Getöse verabschiedet und Dagmar Betz kam herein. Er lächelte ihr freundlich zu und seinem Gesicht war nicht anzusehen, was er dachte. Wahrscheinlich freute er sich nur, ein neues Opfer für seine Redeattacken gefunden zu haben, das nicht weglaufen konnte.

„Was hast du denn da gemacht? Oh du meine Güte, das sieht ja wirklich schlimm aus! Fast so schlimm wie der Rattenbiss, den ich in Halle neun verarzten musste.“ Dagmar fiel fast in Ohnmacht.

„Das Tierchen hatte sich festgebissen und wollte einfach nicht loslassen. Dieter Kullenhaupt aus Halle drei kam mit dem linken Mittelfinger in eine Säge. Das war gestern. Der Finger war ganz ab. Sein Vorarbeiter, ein penetrant ordentlicher Mann, nahm den Finger und packte ihn in eine Plastiktüte. Und wisst ihr was?“

Elvira schien sich indes bestens am Telefon zu unterhalten. Sie hielt mir endlich den Hörer hin: „Deine Frau!“ sagte sie strahlend. „Ich wusste ja gar nicht.....“ sie hielt inne und kicherte.

Ich hörte aber Dr. Busch zu. „Und was?“ fragte ich.

„Nun, er wollte möglichst wenig Blut auf dem Hallenboden haben und band eine andere Plastiktüte um Dieters Hand, damit es nicht tropft. Sehr geistesgegenwärtig.“

„Nun nimm endlich!“, wiederholte Elvira und hielt mir immer noch den Hörer hin.

„Nun, Dagmar, erklär mir doch mal, wie das passiert ist!“, hörte ich Dr. Busch sagen.

Ich sah Elvira genervt an: „Was weißt du nicht?“

„Was meinst du?“, fragte sie verwirrt.

„Du sagtest soeben: Ich wusste ja gar nicht...“

„Oh, so, unglaublich!“, trompete Dr. Busch und es fiel mir schwer, mich wieder auf Elvira und das Telefon zu konzentrieren.

„Cleo ist angekommen!“, lächelte Elvira.


Fortsetzung folgt

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