Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

3 3

An einem Tag in Texas

Von comanchemoon Montag 04.09.2023, 14:25

2. Teil

Südstaatler lieben diese Doppelnamen, dachte ich. Jimmy Ray war über sechs Fuß groß und musste in meinem Alter sein. Sonne und Wind hatten ihre Monogramme in seinem braunen Gesicht mit den hohen Wangenknochen hinterlassen. Er war unverkennbar indianischer Abstammung, und ich fühlte ein Stechen in meiner Herzgegend. Vage zogen verschwommene Bilder aus Kindertagen durch mein Gedächtnis. Es war ein unbeschwerter Sommer gewesen mit Pferden, Sonne, Wind, Prärie und meinem Freund Isatai. Ich umklammerte die Amuletthälfte in meiner Jeanstasche und verdrängte diese lästigen Gedanken energisch.

„Howdy!“, sagte Jimmy Ray mit tiefer Stimme und sah mich an. Flammen ließen seine Augen leuchten und tauchten sein Gesicht in Gold.

Ich lachte, um nicht unrettbar in dieser gefährlichen Stimmung unterzugehen: „Habe ich lange nicht mehr gehört, dieses howdy!“ Meine Stimme klang seltsam belegt.

„Haben Sie es vermisst?“

„Ja, wirklich!“

Aus den Musikboxen ertönte „Remember the Alamo“.

„Waren Sie lange weg?“

Die Musik wechselte zu „Give my love to Rose“.

„Eine Ewigkeit!“

Einen Wimpernschlag später tanzten Worte mit der Leichtigkeit von Schneeflocken hin und her. Wie eine Aura umgab uns eine seltsame Vertrautheit und ließ kleine Blitze zucken, wenn unsere Hände sich wie versehentlich berührten. Langsam entfernten wir uns von dem Trubel, dorthin, wo ein einsames Feuer brannte. Der Himmel war aus dunkelblauem Samt und faserige Wolkenfetzen umrahmten einen halben Mond. In der Ferne heulte ein Coyote, und bald darauf antwortete ihm ein zweiter. Die Luft enthielt deutliche Anzeichen von Magie und raunte mir wehmütige Erinnerungen zu.

Das wollte ich nicht zulassen und griff in die Tasche meiner Jeans. Meine Hand schloss sich um die Obsidianscheibe, die sich langsam erwärmte.

Beruhigungstherapie nannte ich das. Als ich die Hand wieder aus der Tasche nahm, blieb ich mit meinem Ring an der Lederschnur des Amulettes hängen und es wurde in hohem Bogen vor Jimmy Rays Füße geschleudert.

Er hob es auf und betrachtete es. Ein Holzscheit knisterte, und Funken sprühten Fontänen in gelb und rot.

„Woher haben Sie das?“, fragte er mit heiserer Stimme.

„Von einem Freund, er hieß Isatai!“

„I still miss someone….“, sang Johnny Cash im Hintergrund.

„Isatai!“

„Ja, ein Name der Comanchen. Es hieß, er wäre ein Nachkomme des Häuptlings Quanah Parker!“

Ich stutzte.

„Parker!“, wiederholte ich.

„Nichts im Leben geschieht ohne Sinn!“, sagte er. Wir standen uns ganz nah, die Blicke webten ein Netz aus Erinnerungen und Fragen. Dann griff er mit einer Hand in seinen Hemdausschnitt und zog ein Lederhalsband hervor, an dem das Gegenstück zu meinem Amulett befestigt war.

„Ich sagte doch, wir sehen uns wieder. Irgendwann!“

Er nahm mich fest in seine Arme, und ich ließ es geschehen. Nichts anderes existierte mehr und ich wünschte, die Ewigkeit würde diesen Moment einfangen.

Maggie Milton

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Geschichten schreiben > Forum > An einem Tag in Texas