An einem Tag in Texas
Von
comanchemoon
Montag 04.09.2023, 14:21
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comanchemoon
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Wenn ich an Isatai denke, höre ich dumpfen Trommelklang, und der Duft von Sweetgrass schwebt in der Luft. Er steht vor mir, dunkle Augen sehen mich an und lange, schwarze Haare tanzen wellengleich im Präriewind.
„Nichts im Leben geschieht ohne Sinn!“, sagt er.
Dann nimmt er die Obsidianscheibe, die er an einer Lederschnur um den Hals trägt, und bricht sie entzwei. Die eine Hälfte behält er, die andere Hälfte hängt er mir um.
„Wir sehen uns wieder, irgendwann!“ Er küsst mich auf die Stirn, wobei er sich bücken muss. Ich antworte nicht und Tränen werden zu heißen Bächen auf meiner Haut. Ich höre kaum, dass Dad nach mir ruft.
„Wo bleibst du?“ Wie aus weiter Ferne dringt seine Stimme an mein Ohr. „Komm doch endlich, der Flieger wartet nicht!“
Ein letztes Mal sehe ich Isatai an und weiß, ich werde ihn nie vergessen. Aber ich muss mit meinem Vater gehen, denn ich bin erst zehn und Isatai ist zwölf.
Ich habe Isatai nicht wieder gesehen, nur das Amulett war mein ständiger Begleiter. Die Zeit umhüllt irgendwann die sehnsuchtsvolle Erinnerung an glückliche Kindertage gnädig mit grauen Nebeln und macht Platz für einen neuen, bunten Lebensreigen. Aber manchmal reißen die Schleier, er steht wieder einsam da und sieht hinter mir her. „Nichts im Leben geschieht ohne Sinn!“, ruft er dann.
Viele Ereignisse später wollte ich wieder einmal im Sommer nach Texas. Ich flog von Zürich nach Dallas und nahm mir einen Mietwagen in Fort Worth. Unser diesjähriges Familientreffen sollte bei meinem Bruder Billy stattfinden, der am Rande von Granbury wohnte. Das waren fast zwei Stunden Fahrt über breite, einsame Straßen, die rechts und links von grünem, aber auch zum Teil schon verdorrtem Weideland gesäumt wurden. Unterbrochen wurde die unendliche Weite von niedrigen Felsformationen und Strommasten. Die Bäume waren nicht sehr hoch und erinnerten mehr an große Büsche. Das Frühjahr breitete hier immer eine sattgrüne Decke aus, die aber bald vor dem heißen Texassommer flüchten musste. Einheimische sagen, wenn Bäume vorbeigehende Hunde dazu ermuntern, ihre Beine an ihnen zu heben, dann weiß man genau, der Sommer ist da.
Ich durchquerte Granbury, eine hübsche kleine Stadt mit bunten, hauptsächlich einstöckigen Gebäuden. Nachdem ich die Ortschaft hinter mir gelassen hatte, erreichte ich nach ungefähr zehn Minuten den Centaurus Way. Mein Ziel lag ganz am Ende der Straße, die im Nirgendwo endete, da wo Billys Grundstück begann.
Der Weg zu seinem Haus war nicht geteert. Ich wusste, dass man mich schon von Weitem sehen konnte, denn rotgelber Staub wurde hinter meinem Wagen zu einem dichten Wirbel, der schon fast an einen Dust Devil denken ließ. Der Sage nach entführte er Kinder, und Eltern machten ihrem unartigen Nachwuchs Angst mit diesen Horrorgeschichten. „Huh“, dachte ich und vertrieb diese Gedanken mit einem kräftigen Druck auf die Hupe. Aber hier draußen konnten mich nur niedrige Büsche und Kakteen hören. Nur vereinzelt wuchsen Grasbüschel aus dem Boden, die traurig ihre gelben Halme hängen ließen.
Billys Heim war eines jener typischen Holzhäuser mit umlaufender Veranda. Er hatte es liebevoll blau und beige gestrichen und Feigenbäume ringsherum angepflanzt. Die grüne Rasenfläche und einige Blumenrabatten zeigten, dass sie regelmäßig bewässert wurden. Als ich eintraf, beschäftigte er sich gerade mit der Dekoration für die Party. Er hatte mich schon kommen sehen, stieg von der Leiter und winkte so heftig, dass seine grüne Baseballkappe auf dem Kopf verrutschte und den Blick auf sehr wenig Haar freigab.
Ich schmunzelte zwar, registrierte aber etwas wehmütig, dass also auch Billy bereits das Verfallsdatum überschritten hatte. Diese Empfindung wich allerdings schnell einer anderen, als ich ächzend aus dem roten Pontiac stieg und den Schutz der Klimaanlage verließ. Sofort stach die Sonne unbarmherzig mit weißglühenden Dolchen nach mir.
„Willkommen in Texas!“ Billy umarmte mich und lachte vergnügt. „Hey, wie bekommt dir die Hitze? Wir füttern die Hühner bereits mit gecrashtem Eis, damit sie keine gekochten Eier legen.“
Das war typisch für Billy. Wir hatten uns eine Ewigkeit nicht getroffen und nur an Feiertagen miteinander telefoniert. Es gab so viel zu berichten, denn wir hatten Jahre aufzuholen! Fast hätten wir die Partyvorbereitungen vergessen, wäre nicht Susan, seine Frau, mit eisgekühltem Tee dazugekommen. Das erinnerte mich daran, dass ich eigentlich müde war und außerdem das Phänomen Jetlag seinen Tribut forderte.
Als sich aber schließlich der Tag mit rotem Leuchten verabschiedete und der Nacht das Land überließ, war alles perfekt gerichtet. Ein Heer von Onkeln, Tanten, Cousinen, Cousins, Nichten und Neffen traf nach und nach ein. Ich musste unzählige Begrüßungszeremonien über mich ergehen lassen und neuen Familienzuwachs bewundern. Es wurde erzählt, gescherzt und gelacht Die Stimmung war unverkennbar gelöst und heiter. Aus den Lautsprechern ertönte Countrymusic, und es wurde sogar getanzt. Lagerfeuer flackerten, beleuchteten mal das eine, dann das andere Gesicht, und in der Luft waberte wie dichter Nebel der Duft des Barbecues.
Es war schon nach zehn, als noch ein Jeep ankam. Dolly Parton sang gerade von einsamen Cowboys, und im Schein der Feuer sah man zwei Texas Ranger aussteigen. Der eine war Cousin Danny Dean, der andere wurde von ihm als sein Freund Jimmy Ray Parker vorgestellt. Sie waren auf der Durchreise und sollten morgen einen Gefangenentransport in den Süden nach San Antonio begleiten.
2. Teil folgt