Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

1 2

Tanz der Derwische - Teil I

Von ehemaliges Mitglied Montag 18.04.2022, 22:32 – geändert Dienstag 19.04.2022, 12:46



Die kleine Kammer, ganz oben, unter dem Dach, mit dem kleinem Giebelfenster war ihr Reich, die ihr die Tante Hermine zur Verfügung stellte. Nach der getaner Arbeit war das ihr Zufluchtsort. Da hat sie alle Sorgen und Leid vergessen, konnte träumen von einer anderen Welt, die sie aus Vaters Erzählungen kannte.
—————————————————-
Ihren Vater hat sie noch sehr gut in einer liebevoller Erinnerung. Er war selten zu Hause, zum Leid ihrer Mutter, doch diese Zeit, diese seltene Lichtmomente, in denen die ganze Familie vereint war, nutzte er und widmete sich sehr intensiv ihrer Bildung.
Sein Töchterchen sollte für das Leben vorbereitet sein, pflegte er immer zu sagen.
Mit 6 Jahren konnte die kleine Sophie schon lesen. Damals, in der Zeit, in der nur Jungen die Schulen besuchen dürften, war schon eine Seltenheit.
Zu den vielen Bücher in Vaters Zimmer hatte sie jeder Zeit uneingeschränkten Zugang. Zuerst war sie lange von der Mythologie begeistert. Die alten Götter haben sie in ihre Bahn gezogen. Als 14 jährige beschäftigte sie sich dann mehr mit mystischen Themen.
Vielleicht deswegen lebte sie in einer eigenen Welt. Von Familienmitgliedern oft verspottet, von manchen Cousinen gar als nicht normal erklärt.
Trotzdem lebte sie bestens behütet und abseits von gesellschaftlichen Zwängen, ja - frei.
Das alles hat ihre Mutter nicht interessiert. Sie hatte genug Probleme mit sich selbst. Zwei Frauen, zwei Generationen, zusammen und doch getrennt. Darüber war sie ganz froh.
Eine willkommene Abwechslung und eine herrliche Zeit waren Vaters gelegentliche Besuche.
Ihr Vater war ein Weltenbummler. Er kannte viele Länder und pflegte weltweit viele Kontakte. Wahrscheinlich war er ein Kaufmann. So ganz genau wußte sie nicht. Er hatte immer eine bunte und spannende Geschichte parat. Sie konnte stundenlang zuhören.
Das interessierte die Frau Mama nicht. Ihre Welt war die Musik. Das Harmonium klimperte die ganzen Tage, bis spät nachts.
Eines Tages hat die Mutter aufgehört zu musizieren, sich noch mehr zurückgezogen. Seit dem hat sich der Vater auch nicht mehr gemeldet. Niemand konnte oder wollte ihr die Situation erklären. Oft hat sie die Mahlzeiten nur mit der Minna zusammen genommen. Die Mutter war dann im Bett geblieben, immer öfter.
Dann kam der Tag, den ihr sehr tief und lange Zeit in Erinnerung geblieben war. An dem Tag war ihr ganzes Leben aus dem Fugen geraten.
Wie immer, gleich nach dem Frühstück, besuchte sie die alte Dame. Schon der Geruch in Mutters Zimmer war ungewöhnlich streng.
Da sah sie. Die Mutter lag irgendwie unnatürlich verdreht und war ungewöhnlich blass und ganz kalt.
Das war das erste Mal, dass sie einen Verstorbenen gesehen hat.
Erst später realisierte sie, was das für sie bedeutet.
——————————————-
Von der Familie war nur eine Tante, Vaters ältere Schwester, geblieben. Mit ihrem drei Söhnen stand sie ihr in dieser schweren Zeit zur Seite. Sie haben auch alles nötigste geregelt.
Schnell hat sich rausgestellt, dass sie in Schulden und Chaos untergehen wird, wenn nicht etwas zeitnah passiert.
Die Tante plädierte für die Verheiratung. In Not auch mit 15 Jahren.
Nur, eine arme Braut ist nicht sehr begehrt. Also, wurde alles verkauft, was man noch veräußern konnte und die smarte Sophie zog vorläufig, wie es hieß, zur ihrer Tante Hermine, die sie ja kaum kannte.

Hermine war ein kleines, aber zähes Persönchen. Das Alter konnte man nicht abschätzen, aber sie mußte jenseits der 60 sein. Mit ihren Söhnen bewirtschaftete sie einen kleinen Landgut, eher einen großen Bauernhof, das sie von ihren verstorbenen Mann geerbt hat. Sie war für das Haus, Garten und Federvieh zuständig, die Söhne für die Landwirtschaft und auch gelegentlich für das nah gelegenes Gasthaus.

Für Sophie war das alles neu.
Das Hausmädchen wurde gleich entlassen und Hermine beschloss, ihre Aufgaben großzugig an Sophie zu übertragen. So sparte sich die Familie die Vergütung für das Mädchen und bekam noch zusätzlich eine Arbeitskraft gratis, weil die ahnungslose Sophie die ganze Arbeit unentgeltlich verrichtete.
Es war sehr schwer, die vielen Aufgaben zu bewältigen. Sie war auch nicht gewohnt und oft weinte sie bitterlich in ihrer Stube, bevor sie völlig entkräftet und verzweifelt einschlief. Für die Zerstreuung war keine Zeit.
Die Gespräche am Abendtisch kreisten nur um Ausgaben, Reparaturen, Konflikte mit Bauern und auch Nachbarn.
Nach der Einarbeitungszeit hat Sophie auch gemerkt, dass die Verwandten die Finanzen nicht im Griff haben. Es fehlte an allen.
Zwei Jahre vergingen, als sie hier als Bäuerin sich langsam zurecht fand.
Die Zeit von Frühling bis Herbst war hart. Im Haus, Garten und immer öfter auch auf dem Feld musste sie helfen. Der Hermine ging auch nicht so gut. Ihr Zustand verschlechterte sich sichtlich.
Dafür war die Winterzeit eine Erholung. Am Kamin bis spät nachts sitzen und Vaters Büscher studieren. Fast wie früher, nur die Mutter und Vater fehlten.
Durch Zufall ist sie in einer der Holzkisten, die sie aus Vaters Zimmer mitgenommen hat, auf das Buch über Orient gestolpert. Es war mit einer Widmung versehen. Diese konnte sie leider nicht lesen, da sie in einer anderen Sprache verfasst war. Nur die Unterschrift war deutlich lesbar - MALIK. Sie rätselte, ob es sich um den Vornamen oder den Nachnamen des Schenkens handelt. Das Buch war nicht im besten Zustand. Schien, durch viele Hände gegangen zu sein. Die Titelseite fehlte, auch der Name des Autors war nicht mehr lesbar. So hat sie angefangen zum durchblättern, in der Hoffnung, noch mehr über den Autor oder den besagten Herrn Malik, vielleicht auch über ihren Vater selbst, zu erfahren.
In dem Prolog hat sich schon geklärt, dass es aus Arabischen von Herrn Malik al Safis übersetzt würde.
Es gab nur zwei Möglichkeiten, wie das Buch in Vaters Kiste gefunden hat. Entweder hat der Vater es geschenkt bekommen, oder eventuell es selber erworben.
Das Buch selbst war großartig. Sie hatte große Zweifel, ob der Vater imstande wäre, so viel Geld auszugeben. Er mußte ein Vermögen bezahlt haben.
Auf den linken Seiten waren die Texte in der fremden Sprache säuberlich handschriftlich geschrieben, auf der anderen Seite war die gedruckte Übersetzung. Das Buch spiegelte die Seitengleichheit. Die beiden inneren Seitenrändern waren wie mit der Hilfe eines Lineals gezeichnet. Auf der linken Seite komische Zeichen, auf der rechten Seite gedruckte Buchstaben und dazwischen schön säuberlich gleichbreite Furche.

Karola
P.S.: Kritik erwünscht

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Gedichte schreiben > Forum > Tanz der Derwische - Teil I