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Der Schutzmann

Von ehemaliges Mitglied Dienstag 05.04.2022, 10:19 – geändert Dienstag 05.04.2022, 10:28


"Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich' sah ich, dass es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich musste mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg".
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So begann er seine Erzählung, die Geschichte eines Patienten, der zu einem Vorstellungsgespräch, in einer fremden Stadt eilte und in der Klinik, in der ich seit Jahren arbeitete, sein Leben zurück bekam.
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Über den Schutzmann war er sehr glücklich.
Lief auch sofort auf ihn zu, wie er mir bei unserer Begegnung erzählte.
Eigentlich wollte er den guten Mann direkt nach der Uhrzeit fragen.
In der Eile bemühte er sich die Strecke zu dem nicht weit stehenden Schutzmann rasch zu bewältigen. Es war nicht so einfach. Zwar, konnte er den Mann sehen, wie er mir glaubhaft berichtete, aber unerklärlicherweise entfernte er sich immer mehr und mehr von ihm.
Zwischen ihnen beiden entstand ein spürbares Vakuum, das über keine Luft verfügte. Wie noch nie bekam er plötzlich massive Atembeschwerden. Er keuchte schwer und rang verzweifelt nach Luft.
„Wahrscheinlich nur die Aufregung“ - dachte er.
Eine bedrohliche Ängstlichkeit machte sich breit in seiner Brust, als er merkte, wie der Mann sich ständig von ihm entfernte. Ab und zu sah er den Schutzmann wie durch einen weißen Vorhang, ganz undeutlich.
Dann erschien er wieder, aber auf der anderen Strassenseite.
Das irritierte ihn sehr.
„Bin ich noch bei Sinnen“? - schoß ihm noch durch den Kopf.
Da er eilig hatte, preschte er die kühle, feuchte Luft mit seinem ganzen Körpereinsatz weg von sich.
Manchmal hatte er das Gefühl, schon geschafft zu haben, aber dann fingt das ganze Spiel von Neuen an.
Er merkte, dass seine Kräfte nicht mehr in der Lage waren mit seinem schweren Körper im Schlepptau sich weiter durchzukämpfen. Teilweise sah er von der Seite zu, wie sein Körper sich mit diesem Kampf abmühte.
Manchmal stand er ganz daneben, als unbeteiligter Beobachter, der leider nur untätig schauen konnte.
Eine tiefe Müdigkeit umarmte ihn und er merkte, wie seine Schritte verlangsamten sich.
Es gingt nicht weiter. Die ganze Straße schaukelte vor seinen Augen. Seine Lunge war leer und sein Herz pumpte wie ein Brunnen in der Wüste, ohne Unterbrechung.
Irgendwie war ihm bewußt, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Diese Erkenntnis bescherte ihm noch mehr Angst. In dieser kritischen Lage meldete sich auch noch sein Pflichtbewusstsein.
„Ach, ja, Termine. Schon spät. Sehr wichtig“ - solche Erinnerungsfetzen machten sich in seinem Kopf breit.
Benommen schaute er sich noch um und merkte, dass der Turm nicht mehr zu sehen war.
„Da mußte ich in der Nähe des Bahnhofs sein - gedanklich versuchte er noch die Situation logisch zu interpretieren.
Seine Dokumententasche hielt er krampfhaft in der rechten Hand. Das merkte er sich noch bei dem Versuch einen Blick auf seine Handuhr werfen zu wollen. Wollen, ja, er wollte. Hat leider nicht sehen können. Der Nebel war wieder da. Noch dichter, feuchter und aggressiver. Wie eine dunkle Schleife legte er sich um seinem Hals und behinderte ihm beim Atmen. In seiner Brust herrschte eine sich immer mehr ziehende Enge. Auch die gleiche Enge, oder mehr die Dunkelheit, spürte er in seinem Kopf.
Mit einer hastigen Bewegung riss er seinen Schal runter und so konnte er wieder seine Lunge mit dem nötigen Sauerstoff füllen.
Jetzt sah er auch den Wachmann, wieder. Ein Hauch der Erleichterung erfaßte seine Sinne. Der gute Mann winkte ihm freundlich zu und er spürte sogar seine Hand auf dem linken Arm.
„Autsch! Das hat weh getan. Jetzt ist er wieder weg“ -wunderte er sich.
Und dann wieder diese schweren Nebelwolken. Die fremden Menschen kämpften sich zwischen den dichten Nebelfluren durch.
Da sah er noch einen Rettungswagen. Auf einer Liege, neben dem Wagen, lag jemand mit einem Stoff bedeckt. Die Menschen liefen hektisch herum und gestikulierten wild. Er schwebte über ihnen und beobachtete von oben die Situation, aber begriff nichts, von dem, was gerade passiert war.
Da sah er noch eine Aktentasche neben der Liege, die gleiche, wie seine. Niemand kümmerte sich um sie. Er versuchte noch an diese Tasche dran zu kommen. Verlor sein Gleichgewicht und spürte wieder ein Schmerz.
„Die Liege, die ist total hart“- dachte er kurz.
Plötzlich spürte er ganz viele Hände, die versuchten ihn zu fesseln, festhalten. Sie hinderten ihn aufzustehen, drückten fest an die harte Liege.
„Was macht ihr alle mit mir? Ich will es nicht. Laß es sein. Es ist hier so ruhig, angenehm, entspannt“ - hörte er sich noch sagen, ja, schreien, aber niemand hörte ihn. Seine Stimme war meilenweit entfernt, wie von Echo getragen.
Wieder ein höllischer Schmerz und er hörte jemandem sagen:
„Jetzt ist er wieder da und nach der Spritze wird er lange schlafen“.
Als er nach einer Woche aus der Koma aufwachte, saß der gleiche Schutzmann neben ihm.
„Ich bin so erleichtert, Sie noch erreicht zu haben“ - freute er sich.
Der Schutzmann jedoch erzählte ihm eine ganz andere Geschichte.
„Hatte der Himmel die Finger im Spiel oder der Schutzmann? Oder beide?“ - fragte er sich die ganze Zeit und wir freuten uns beide, dass das Schicksal uns zusammen geführt hat.
Das Vorstellungsgespräch hat noch am Krankenbett statt gefunden. Die „Einarbeitung“ lief extrem glatt. Das ganze Krankenhauspersonal wurde von der Geschichte überwältigt. Der Schutzmann schaut auch regelmässig nach und vertreibt den „Nebel“, wenn sein muß.
Karola
P.S.: Kritik erwünscht

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