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ES REICHT, STEIMLE!

Von Heideelke Samstag 22.08.2026, 16:36

GASTBEITRAG VON MATTHIAS BRANDT
in der Süddeutschen Zeitung vom 17. Juli 2026
(Wegen der Länge des Beitrags muss er in 2 Teile getrennt werden)

TEIL 1

An diesem Montag ist der 20. Juli 2026. Zweiundachtzig Jahre nach dem Attentat auf Hitler gedenken wir der Frauen und Männer des deutschen Widerstands, ausgerechnet an diesem Tag beschäftigt sich eine Staatsanwaltschaft mit einem Kabarettisten, der den Namen Stauffenberg auf einer AfD-Bühne für einen Witz über den Bundeskanzler benutzt hat, während der Enkel des Attentäters öffentlich sagt, sein Großvater werde in den Schmutz gezogen. Es brauchte diese Gleichzeitigkeit nicht, um zu verstehen, worum es geht. Aber durch diese wird es unübersehbar.

Wie spreche ich über einen Menschen aus meinem Berufsstand, der sich öffentlich so äußert, dass ich dazu eigentlich nicht schweigen kann? Das habe ich mich gefragt, seit ich von dem Auftritt Uwe Steimles in Dessau erfahren habe. Herr Steimle und ich haben nie miteinander gearbeitet. Trotzdem macht es einen Unterschied, ob man über irgendeinen Menschen schreibt oder über jemanden, dessen Gesicht, dessen Stimme man kennt.

Die Sätze sind hinlänglich bekannt: die Frage nach Stauffenberg, gemünzt auf den Bundeskanzler, das Hängen und das An-die-Wand-Stellen mit Blick auf Angela Merkel, gesagt auf einer AfD-Bühne, neben führenden Politikern dieser Partei, die nicht widersprachen. Ob das strafbar ist, prüft die Staatsanwaltschaft; ich bin kein Jurist, und nicht jeder geschmacklose oder niederträchtige Satz gehört vor ein Gericht. Aber ein Satz kann politisch und moralisch verheerend sein, ohne strafbar zu sein. Vor allem, wenn er historische Namen und Bilder benutzt, die in Deutschland eine sehr konkrete Bedeutung haben.

Herr Steimle beruft sich auf die Satire. Es sei ein Witz gewesen, eine Zuspitzung, eine Provokation. Das ist die Verteidigung, die in solchen Fällen fast immer folgt. Man sagt etwas, wartet auf die Reaktion und erklärt anschließend, die Empörten hätten es falsch verstanden. Sie seien humorlos und könnten Kunst und Politik leider nicht auseinanderhalten.

Claus Schenk Graf von Stauffenberg versuchte am 20. Juli 1944, Adolf Hitler zu töten. Er beteiligte sich an dem Versuch, eine verbrecherische Diktatur zu beseitigen und den Krieg zu beenden. In derselben Nacht wurde er erschossen. Die meisten der Frauen und Männer, die mit dem Umsturzversuch verbunden waren, wurden später ermordet. Erhängt, viele von ihnen in Plötzensee an Fleischerhaken.

„Brandt an die Wand“: Mein Vater war Bundeskanzler, und diese Worte waren keine Satire.

Wenn man den Namen Stauffenberg gegen einen demokratisch gewählten Bundeskanzler verwendet, kann und will man offensichtlich nicht so tun, als sei er nur eine beliebige historische Figur, eine Art Chiffre für Unzufriedenheit. Der Vergleich ist eindeutig. Er erklärt den politischen Gegner zum Diktator und das Attentat zur denkbaren Antwort. In einer Demokratie kann man eine Regierung ablehnen. Man kann sie scharf kritisieren, gegen sie demonstrieren, sie verspotten und bei der nächsten Wahl dafür sorgen, dass sie ihre Mehrheit verliert. Wir besitzen alle Mittel, eine Regierung ohne Gewalt abzulösen. Das unterscheidet eine Demokratie von einer Diktatur. Wer trotzdem nach Stauffenberg ruft, meint also etwas anderes.

Ich habe mich für meine Rede am 20. Juli 2025 in der Gedenkstätte Plötzensee ausführlich mit dem deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beschäftigt. Auch mit der Frage, was diese Menschen uns heute noch zu sagen haben. Dabei ging es mir nie darum, sie zu Heiligen zu erklären. Der deutsche Widerstand war politisch, religiös und gesellschaftlich sehr verschieden. Unter den Beteiligten des 20. Juli gab es Menschen, deren Vorstellungen von Demokratie mit unseren in diesen Tagen nicht übereinstimmten. Manche hatten den Nationalsozialismus anfangs unterstützt. Manche erkannten spät, woran sie beteiligt waren. Aber: Sie erkannten es. Sie trafen eine Entscheidung. Sie wollten nicht länger mitmachen. Sie riskierten ihre Leben, viele von ihnen verloren.

Wenn man sich heute an diese Menschen erinnert, sollte man sie vor ihren Feinden schützen. Man muss sie auch vor falschen Freunden schützen. Vor Menschen, die sich auf den Widerstand berufen und dabei alles missachten, wofür dieser Widerstand stand: die Wiederherstellung des Rechts, die Begrenzung staatlicher Macht und die Würde des einzelnen Menschen. Widerstand ist kein historischer Kostümfundus, man kann sich dort nicht nach Bedarf einen Namen nehmen und ihn für die eigene politische Erregung verwenden.

Fortsetzung im TEIL 2

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