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Zaporizhya macht Kiew zu schaffen

Von Harvey11 Samstag 19.10.2024, 19:13

Zwar behauptet der ukrainische Präsident in seinen täglichen Videobotschaften teilweise das Gegenteil, doch die Lage an den Fronten verschlechtert sich für Kiew weiter. Zum russischen Vormarsch im Donbass im Osten, und dem strategielosen Stellungskrieg bei Kursk kommt nun auch Bewegung in die Zaporizhya-Front im Süden – und das zugunsten Moskaus.
Zum Auslöser wurde der Fall der monatelang umkämpften Stadt Wuhledar an der Grenze zwischen den Regionen Zaporizhya und Donbass. Wuhledar, das von seiner Bauart eher an eine Festung erinnert, war seit Kriegsbeginn das wichtigste ukrainische Bollwerk zwischen zwei Frontabschnitten und ein permanenter Kopfschmerz für den russischen Generalstab. Die Stadt verhinderte jegliche größere Offensivoperation im südlichen Donbass und zerschnitt die russische Armee in faktisch zwei separate Kampfverbände im Donbass und im Raum Zaporizhya, die unabhängig voneinander agieren mussten. Mehrere Eroberungsversuche sowohl 2022 als auch 2023 zerschellten verlustreich. Die Lage änderte sich ausgerechnet mit dem Beginn der ukrainischen Kursk-Offensive. Kiew zog kampfstarke Brigaden aus Wuhledar und Torezk ab, warf sie nach Russland und entblößte die einstige uneinnehmbare Festung.
Wochen später fiel Wuhledar, Auch wenn sich die ukrainische Regierung in Schadensbegrenzung übt und Wuhledar mittlerweile als „irrelevant“ hinstellt, sind die negativen Folgen schwer zu übersehen. Die bisher separat agierenden russischen Zaporizhya- und Donbass-Gruppierungen können von nun an ihre Offensiven auf einer weiten Linie koordinieren. Die ersten unmittelbaren Folgen sind bereits zu erkennen. Nach der Übernahme der Stadt bewegen sich russische Truppen an diesem Abschnitt auf einer Breite von gut 50 Kilometern stetig nordwärts vor. Die Notwendigkeit, auch diese bröckelnde Front zu halten, zwang Kiew zu hastigen Truppenverlegungen, was wiederum weiter nördlich die ohnehin prekäre Lage um die Stadt Pokrovsk zuspitzt. Ukrainische Einheiten bei den Orten Kurakhivka und Selidove drohen eingekesselt zu werden. Sofern Kiew keine Elitereserven aus dem Hut zaubert, dürfte in den nächsten Wochen ein Gebiet von rund 500 Quadratkilometern zwischen Wuhledar und Pokrovsk an Russland fallen.Ob dann der Sturm auf Pokrovsk in Kürze beginnt, ist gerade unter russischen Kriegsreportern umstritten. Sturmspitzen stehen mittlerweile rund fünf Kilometer vor der Agglomeration, die eines der wichtigsten Industrie und Logistikdrehkreuze im Donbass ist. Und entsprechend stark befestigt wurde. In der russischen Kriegsdebatte gibt es nicht wenige Stimmen, die dafür plädieren: Sobald die Frontlinie zwischen Wuhledar und Pokrovsk „begradigt“ worden ist, die Truppen an einfachere Abschnitte nach der Maxime zu verlegen, „drücke da, wo es dünn ist“. Die Annahme liegt nahe, dass sich die russische Winterkampagne viel mehr auf die nun entblößte Zaporizhya-Front konzentrieren wird.
Angesichts der dynamischen Lage an der Süd- und Ostfront muss – nicht am Rande – die extrem schwierige Lage für Kiew im Norden bei Kursk erwähnt werden. Ukrainische Verbände stehen am gesamten Brückenkopf unter Druck und weichen Meter um Meter zurück. Die Abkoppelung von der eigenen Flugabwehr führt zu überdurchschnittlichen Verlusten an westlicher Technik. Den Kreml hat die „Operation Kursk“ weder dazu bewogen, das Handtuch zu werfen, noch zu zu Zugeständnissen bereit zu sein, eher im Gegenteil. In diesem Sinne wird das ukrainisch kontrollierte Territorium bei Kursk nun nicht selten als „suitcase without a handle“ benannt, also „Koffer ohne Griff“ - zu schwer zum Tragen, zu schade zum Fallenlassen. Um so brisanter ist der Kursker „Koffer“, weil er nicht nur eine permanente Last für Kiew darstellt, sondern maßgeblich zur miserablen Lage im Donbass beigetragen hat, indem dort unverzichtbare Verbände abgezogen wurden.
Ähnlich - oder besser: adäquat – stellt sich die Lage auf dem politischen Parkett dar, auf dem für die westlichen Unterstützerstaaten die Ukraine zum „Koffer ohne Griff“ wird. Kriegs- und Ukraine-Müdigkeit lassen sich schwerlich übersehen. Auch für den abgespeckten Deutschland-Besuch von US-Präsident Joe Biden in dieser Woche ist ein Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe, das ursprünglich am 12. Oktober in Ramstein stattfinden sollte, nicht vorgesehen. Da wird ein Zeichen gesetzt, das ziemlich eindeutig ausfällt. Auf jenem Ramstein-Gipfel sollten ursprünglich einerseits die ukrainischen Erfolge auf dem Schlachtfeld festgestellt und andererseits weitere Hilfen für Kiew zugesagt werden. Bei beiden Punkten hätten sich westliche Regierungen und die ukrainische Delegation vermutlich wenig Neues zu sagen vermocht. Zur Kompensation tourt Wolodymyr Selenskyj durch einige europäische Hauptstädte. Doch stand in Rom, London, Paris und Berlin weder sein „Siegesplan“ im Vordergrund noch wurden gewichtige Dokumente unterzeichnet. Stattdessen gab es Standardfloskeln auf der einen und gute Miene zum bösen Spiel auf der anderen Seite.
Man muss bei alledem in Betracht ziehen, dass der von Kiew ausgiebig angeteaserte „Siegesplan“ bisher der Erläuterung und vor allem der Details entbehrt. Bekannt sind nur die beiden Hauptkomponenten, auf denen er basieren soll: der Erlaubnis für Raketenangriffe, die tief in russisches Gebiet zielen, und noch massivere Waffenlieferungen des Westens. Die Reaktionen gerade in den USA und in Großbritannien sind mehr als Verhalten. Die Times schrieb, dass Selenskyjs „Siegesplan“ eher an eine Einkaufsliste erinnere als an eine tatsächliche Agenda. Das Wall Street Journal gab Stimmen aus den Weißen Haus wieder, wonach der Plan keine Strategie beinhalte, sondern nur frühere Bitten nach Waffen wiederhole. Selenskyj selbst bleibt ungeachtet dessen kämpferisch und erklärt, dass man Ende 2025 „eine echte Chance“ haben werde, „Frieden und langfristige Stabilität“ zu erreichen. „Die Lage auf dem Schlachtfeld“ eröffne Möglichkeiten, „den Krieg nicht später als 2025 zu beenden“. Diese Feststellung sorgt derzeit im ukrainischen Internetsegment für viel Spott. „Was meint er mit 'Lage auf dem Schlachtfeld'? Dass Russland gewinnt?“, so ein verbitterter Nutzer.
So mehren sich in letzter Zeit Stimmen, die auf Verhandlungen setzen, nicht nur in westliche Staaten, ebenso in Kiew. Ukrainische Politiker äußern sich überraschend offen darüber, dass der Krieg durch Verhandlungen beendet werden könne und ein „Sieg“ nicht mehr nicht mehr die Grenzen von 1991 implizieren müsste. Als Minimalkompromiss sickert durch, die aktuelle Front- als Waffenstillstandslinie zu besiegeln. Die Ukraine würde de facto ein Fünftel ihrer Territorien aufgeben, sich de jure aber weiterhin in ihren alten Grenzen sehen. Diese Formel “Territorium gegen Frieden“ ist an sich nicht neu, sie wird unter Konfliktbeobachtern schon lange reflektiert. Sofern der Westen seine Ukraine-Strategie nicht radikal ändert und direkt eingreift oder Kiew neue Armeen aus dem Ärmel schüttelt dürfte dieser Kompromiss das beste Szenario sein, worauf Kiew noch hoffen kann. Nur wird Moskau sich darauf einlassen? (Nikita Gerasimov, der Freitag, 17.10,2024)

Man hat es geahnt, nun könntes es kommen. Der Frieden könnte so sein wie ihn sich Selenskyj nicht vorstellt.
Selenskyj kämpft verzweifelt gegen die Realität. Er wird jetzt geopfert.

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