Deutschland wird die transatlantische Identität unsanft genommen. Was als Teil der Staatsräson galt, hat sich augenscheinlich überlebt
Das Grönlands Schicksal einmal richtungsweisend für Deutschlands Schicksal sein könnte – wer hätte das gedacht? Die besorgte Frage nach dem Zustand des transatlantischen Verhältnisses wurde zuletzt oft gestellt. Forderungen nach einem stärkeren Europa waren stets mit dem Zusatz versehen, dass dadurch schließlich auch die NATO gestärkt werde. Das Bündnis war stets der Fixstern westlicher Sicherheit. Gleichzeitig bot die Allianz – neben der EU – den Rahmen für das politische Dasein und wirtschaftliche Gedeihen. Es entsprach einer tief verankerten transatlantischen Identität, wenn in deutschen Regierungsdokumenten die NATO als primäres nationales Interesse ausgegeben wurde. Das letzte „Weißbuch“ einer Bundesregierung beschreibt die NATO als für die Sicherheit Europas „unverzichtbar“. Sie garantierte die territoriale Unversehrtheit und sei Ausdruck einer Wertepartnerschaft.
Im Grunde genommen ist eine Welt ohne NATO für einen Großteil der hiesigen Eliten nicht vorstellbar. Zu lange war man gegenüber den USA von anhänglicher Treue, was auf einer Mischung aus akzeptierter Abhängigkeit und ideologischer Nähe beruhte. Man könnte auch von einer symbiotischen Beziehung und asymmetrischen Abhängigkeit sprechen, die Idealvorstellungen und normative Implikationen kultivierte, die sich nach und nach zu verflüchtigen begannen. Mit der von Donald Trump angekündigten Übernahme Grönlands – sei es durch Kauf oder Gewalt – treibt nun eine seit Jahren zu beobachtende Entfremdung einem Höhepunkt entgegen. Wie sollte es anders sein, wenn der Beschützer zum Aggressor wird?
Obwohl das Ende des Ost-West-Konflikts 1990/91 vieles grundlegend geändert hatte, blieb das Bündnis bestehen und expandierte dank tatkräftiger deutscher Unterstützung. Zugleich machten sich Risse bemerkbar, ausgelöst durch die Weigerung von Kanzler Gerhard Schröder, sich 2003 am völkerrechtswidrigen Irak-Krieg zu beteiligen. Man denke an Barack Obamas „Pivot to Asia“-Strategie von 2012, die Asien Priorität zuerkannte, was nun von der aktuellen Administration zu Ende gedacht und geführt wird, indem sie Europa im globalen Ranking herunterstuft. Für eine weitere Bruchstelle sorgte der Abhörskandal, der auf den US-Geheimdienst NSA zurückging und zeigte, dass eine globale Überwachungsmanie auch vor Deutschland nicht haltmachte. Die Frage der transatlantischen Lastenteilung sorgte häufig für Streit und erreichte mit der ultimativen Forderung Donald Trumps, die Alliierten sollten fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung ausgeben, eine nie gekannte Dramatik. Einmal für die Bundesregierung, die sich – nach anfänglichem ungläubigen Staunen – willfährig an die Spitze der Bewegung setzte, um dem wichtigsten Verbündeten gefällig zu sein. Zum anderen für die deutsche Bevölkerung, die langfristig hohe Lasten zu schultern hat. Eine weitere Bruchstelle ist der mittlerweile divergierende Blick auf den Ukraine-Krieg: Während Washington auf ein schnelles Ende zulasten Kiews setzt, befürwortet Berlin dessen fortgesetzte Unterstützung, selbst wenn die irgendwann nur noch auf Kosten der Europäer geht.
Die mutmaßlich entscheidende Bruchstelle für die transatlantische Identität aber ist die Zukunft Grönlands. Aktivitäten der Bundesregierung lassen vermuten, dass sie weiter darauf setzt, als europäischer Klassenbester Juniorpartner der USA zu bleiben. Dafür muss sie Trumps Welt hinnehmen, in der sich eine Politik der Stärke in ihrer übelsten Form Geltung verschafft. War eine wohlmeinende US-Hegemonie für die Bundesrepublik allzeit willkommen, droht nun ein brachiales Vasallentum, in dem der deutsche Kanzler ein persönliches Treueverhältnis zu seinem mächtigen Schutzherrn eingehen muss. Der Griff nach Grönland zeigt, wozu der fähig ist. Die auf Bitten des um seine territoriale Integrität fürchtenden NATO-Mitglieds Dänemark jüngst entsandten 15 Bundeswehrsoldaten überbrachten eine symbolische Botschaft: Man wolle etwas für die Sicherheit der Arktisinsel vor der real nicht existierenden Bedrohung durch Russland und China tun. Dabei ist mehr als offensichtlich, dass diese angebliche Gefahr für Trump nur ein Vorwand für seine imperialistischen Absichten ist. Er will Grönland erklärtermaßen übernehmen.
Die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen hat konstatiert, dass die NATO dann tot wäre. Den US-Präsidenten scheint das nicht zu beeindrucken, wenn er mit höheren Zöllen gegen Deutschland und anderen Bündnispartner noch mehr Konfliktstoff anhäuft. Die Regierung Merz muss sich also entscheiden, wo sie hinwill. Nachdem Trump die NATO zerlegt hat, dürfte er sich seinem Lieblingsfeind EU zuwenden, dem anderen Pfeiler deutscher Sicherheitspolitik. Berlin steht also vor der Wahl: entweder das demokratische Europa stärken und auf einen unabhängigen Kurs bringen oder aus eingeübter Staatsräson den USA auch künftig gefällig zu sein.
der Freitag, 22.1.2026
Europa oder sich fest ans Bein der USA binden?
Dem zweiten Fall würde eine Entfremdung von Europa folgen.
Andere Staaten haben sich längst entschieden.
„Make China Great Again!” So überschrieb der European Council on Foreign Relations (ECFR) die Auswertung seiner jüngsten Umfrage zur globalen Politik, die er im November 2025 in 21 Staaten weltweit durchgeführt hatte. ECFR bezog sich auf ein zentrales Ergebnis ihrer Umfrage: dass nämlich die ersten zehn Monate der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump genügt hatten, das Ansehen der USA weltweit zu schädigen, während die Volksrepublik weltweit plötzlich neue Sympathien gewann.
Deutschland wird die transatlantische Identität unsanft genommen. Was als Teil der Staatsräson galt, hat sich augenscheinlich überlebt
Das Grönlands Schicksal einmal richtungsweisend für Deutschlands Schicksal sein könnte – wer hätte das gedacht? Die besorgte Frage nach dem Zustand des transatlantischen Verhältnisses wurde zuletzt oft gestellt. Forderungen nach einem stärkeren Europa waren stets mit dem Zusatz versehen, dass dadurch schließlich auch die NATO gestärkt werde. Das Bündnis war stets der Fixstern westlicher Sicherheit. Gleichzeitig bot die Allianz – neben der EU – den Rahmen für das politische Dasein und wirtschaftliche Gedeihen. Es entsprach einer tief verankerten transatlantischen Identität, wenn in deutschen Regierungsdokumenten die NATO als primäres nationales Interesse ausgegeben wurde. Das letzte „Weißbuch“ einer Bundesregierung beschreibt die NATO als für die Sicherheit Europas „unverzichtbar“. Sie garantierte die territoriale Unversehrtheit und sei Ausdruck einer Wertepartnerschaft.
Im Grunde genommen ist eine Welt ohne NATO für einen Großteil der hiesigen Eliten nicht vorstellbar. Zu lange war man gegenüber den USA von anhänglicher Treue, was auf einer Mischung aus akzeptierter Abhängigkeit und ideologischer Nähe beruhte. Man könnte auch von einer symbiotischen Beziehung und asymmetrischen Abhängigkeit sprechen, die Idealvorstellungen und normative Implikationen kultivierte, die sich nach und nach zu verflüchtigen begannen. Mit der von Donald Trump angekündigten Übernahme Grönlands – sei es durch Kauf oder Gewalt – treibt nun eine seit Jahren zu beobachtende Entfremdung einem Höhepunkt entgegen. Wie sollte es anders sein, wenn der Beschützer zum Aggressor wird?
Obwohl das Ende des Ost-West-Konflikts 1990/91 vieles grundlegend geändert hatte, blieb das Bündnis bestehen und expandierte dank tatkräftiger deutscher Unterstützung. Zugleich machten sich Risse bemerkbar, ausgelöst durch die Weigerung von Kanzler Gerhard Schröder, sich 2003 am völkerrechtswidrigen Irak-Krieg zu beteiligen. Man denke an Barack Obamas „Pivot to Asia“-Strategie von 2012, die Asien Priorität zuerkannte, was nun von der aktuellen Administration zu Ende gedacht und geführt wird, indem sie Europa im globalen Ranking herunterstuft. Für eine weitere Bruchstelle sorgte der Abhörskandal, der auf den US-Geheimdienst NSA zurückging und zeigte, dass eine globale Überwachungsmanie auch vor Deutschland nicht haltmachte. Die Frage der transatlantischen Lastenteilung sorgte häufig für Streit und erreichte mit der ultimativen Forderung Donald Trumps, die Alliierten sollten fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung ausgeben, eine nie gekannte Dramatik. Einmal für die Bundesregierung, die sich – nach anfänglichem ungläubigen Staunen – willfährig an die Spitze der Bewegung setzte, um dem wichtigsten Verbündeten gefällig zu sein. Zum anderen für die deutsche Bevölkerung, die langfristig hohe Lasten zu schultern hat. Eine weitere Bruchstelle ist der mittlerweile divergierende Blick auf den Ukraine-Krieg: Während Washington auf ein schnelles Ende zulasten Kiews setzt, befürwortet Berlin dessen fortgesetzte Unterstützung, selbst wenn die irgendwann nur noch auf Kosten der Europäer geht.
Die mutmaßlich entscheidende Bruchstelle für die transatlantische Identität aber ist die Zukunft Grönlands. Aktivitäten der Bundesregierung lassen vermuten, dass sie weiter darauf setzt, als europäischer Klassenbester Juniorpartner der USA zu bleiben. Dafür muss sie Trumps Welt hinnehmen, in der sich eine Politik der Stärke in ihrer übelsten Form Geltung verschafft. War eine wohlmeinende US-Hegemonie für die Bundesrepublik allzeit willkommen, droht nun ein brachiales Vasallentum, in dem der deutsche Kanzler ein persönliches Treueverhältnis zu seinem mächtigen Schutzherrn eingehen muss. Der Griff nach Grönland zeigt, wozu der fähig ist. Die auf Bitten des um seine territoriale Integrität fürchtenden NATO-Mitglieds Dänemark jüngst entsandten 15 Bundeswehrsoldaten überbrachten eine symbolische Botschaft: Man wolle etwas für die Sicherheit der Arktisinsel vor der real nicht existierenden Bedrohung durch Russland und China tun. Dabei ist mehr als offensichtlich, dass diese angebliche Gefahr für Trump nur ein Vorwand für seine imperialistischen Absichten ist. Er will Grönland erklärtermaßen übernehmen.
Die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen hat konstatiert, dass die NATO dann tot wäre. Den US-Präsidenten scheint das nicht zu beeindrucken, wenn er mit höheren Zöllen gegen Deutschland und anderen Bündnispartner noch mehr Konfliktstoff anhäuft. Die Regierung Merz muss sich also entscheiden, wo sie hinwill. Nachdem Trump die NATO zerlegt hat, dürfte er sich seinem Lieblingsfeind EU zuwenden, dem anderen Pfeiler deutscher Sicherheitspolitik. Berlin steht also vor der Wahl: entweder das demokratische Europa stärken und auf einen unabhängigen Kurs bringen oder aus eingeübter Staatsräson den USA auch künftig gefällig zu sein.
der Freitag, 22.1.2026
Europa oder sich fest ans Bein der USA binden?
Dem zweiten Fall würde eine Entfremdung von Europa folgen.
Andere Staaten haben sich längst entschieden.
„Make China Great Again!” So überschrieb der European Council on Foreign Relations (ECFR) die Auswertung seiner jüngsten Umfrage zur globalen Politik, die er im November 2025 in 21 Staaten weltweit durchgeführt hatte. ECFR bezog sich auf ein zentrales Ergebnis ihrer Umfrage: dass nämlich die ersten zehn Monate der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump genügt hatten, das Ansehen der USA weltweit zu schädigen, während die Volksrepublik weltweit plötzlich neue Sympathien gewann.