Aus dem Krieg mehr herausholen, als hineingesteckt wurde
Lutz Herden, der Freitag vom 23.3.2025
Donald Trump ist um einiges findiger und kreativer, als ihm das seine Kritiker besonders außerhalb der USA zugestehen. Sein Umgang mit dem Ukraine-Krieg bricht mit überlieferten Mustern, wie sie bisher für den Ausstieg aus Konflikten galten, bei denen sich die Amerikaner derart exponiert hatten, dass die Verluste an Soldaten wie Ressourcen das Verkraftbare überschritten. Man denke an die Kriege in Vietnam, im Irak oder in Afghanistan. In der Ukraine sind die USA zwar maßgeblich beteiligt, jedoch ohne selbst zu schießen und zu sterben. Folglich bleibt ihnen ein Rückzug erspart, wie er sich in den genannten Fällen irgendwann als unausweichlich erwies.
Dass daraus der Trump-Regierung mehr diplomatische Flexibilität erwächst, war den ukrainisch-amerikanischen Sondierungen in Saudi-Arabien zu entnehmen. Die dort ins Gespräch gebrachte 30-tägige Waffenruhe soll nicht nur für Kämpfe in der Luft und zur See gelten, wie das Kiew vorschwebte, sondern ebenso den Bodenkampf erfassen. Wolodymyr Selenskyj lenkte ein und wird wieder mit amerikanische Waffen bedacht.
Russland dürfte darauf erst regieren, wenn die Amerikaner direkt mit Moskau verhandeln – das sind die Regeln. Fest steht nur, dass Donald Trump die Ukraine nicht verlassen will wie einst Richard Nixon Vietnam, sondern zu bleiben gedenkt. Voraussetzung ist der Übergang des Landes von einer US-gestützten Kriegspartei zu einem US-gestützten Wirtschaftsprotektorat.
Verhaltensmuster der Vergangenheit wie der Exit 2021 aus Afghanistan bestanden darin, dass ein erzwungener Abschied zur Flucht aus der Verantwortung wurde. Es blieben Nachkriegsgesellschaften zurück und sich selbst überlassen, ohne auf Wiedergutmachung der der Amerikaner rechnen zu können. Trumps merkantiles Verständnis internationaler Beziehungen führt dazu, eine solche Abkehr zu vermeiden, indem er die Geschäftsordnung des Ukraine-Konflikts ändert. Er will nicht länger für einen teuren Protegé aufkommen, sondern eine Kompensation für bislang erbrachte Leistungen. Wozu sonst dient das Rohstoffabkommen? Nicht die Ukraine wird entschädigt, sie hat ihren Mäzen zu entschädigen. Dies als nationalen Ausverkauf zu geißeln, mag berechtigt sein. Freilich haben die Ausbeutung von Ressourcen und ein Wiederaufbau mit Kosten bis zu 550 Milliarden Dollar das Zeug zu Sicherheitsgarantien nicht-militärischer Art. Sie beruhen auf Investitionskraft wie einem expansionswilligen US-Kapitalstock, können aber nur dann die gewünschten Erträge zeitigen, wenn die Waffen schweigen, dauerhaft und zuverlässig. Will heißen, je mehr sich die USA in der Ukraine als Wirtschaftsmacht etabliert, desto energischer werden sie dafür sorgen, dies durch einen kalten Frieden abzusichern. Ob sich Russland dieser egozentrischen Logik öffnet oder sie als Gefahr begreift, wird sich zeigen. Im Übrigen, wie sehr der Export von externem Potenzial für Nachkriegsordnungen fundamental sein kann, hat der Marshallplan für Westdeutschland und Westeuropa ab 1948 bewiesen.
Trumps Ukraine-Politik wäre unzureichend beschrieben, bliebe das Kalkül unerwähnt, das den atlantischen Verbündeten zugedacht ist. Die USA lösen sich von schwindender westlicher Geltungsmacht, was einer globalen nichtwestlichen Mehrheitsgesellschaft nicht verborgen bleibt. Insofern ist ihr Ausstieg aus dem westlichen Ukraine-Bündnis auch der Einstieg in eine neue Weltordnung, in der das alte Europa den neuen USA eher Rivale als Partner ist.
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Und wieder der Begriff von Neuer Weltordnung. Noch vor ein paar Jahren wäre man dafür als Verschwörungstheoretiker beschimpft worden.
Und heute? Die Aufgabe liegt vor uns. Wer packt sie an?
Aus dem Krieg mehr herausholen, als hineingesteckt wurde
Lutz Herden, der Freitag vom 23.3.2025
Donald Trump ist um einiges findiger und kreativer, als ihm das seine Kritiker besonders außerhalb der USA zugestehen. Sein Umgang mit dem Ukraine-Krieg bricht mit überlieferten Mustern, wie sie bisher für den Ausstieg aus Konflikten galten, bei denen sich die Amerikaner derart exponiert hatten, dass die Verluste an Soldaten wie Ressourcen das Verkraftbare überschritten. Man denke an die Kriege in Vietnam, im Irak oder in Afghanistan. In der Ukraine sind die USA zwar maßgeblich beteiligt, jedoch ohne selbst zu schießen und zu sterben. Folglich bleibt ihnen ein Rückzug erspart, wie er sich in den genannten Fällen irgendwann als unausweichlich erwies.
Dass daraus der Trump-Regierung mehr diplomatische Flexibilität erwächst, war den ukrainisch-amerikanischen Sondierungen in Saudi-Arabien zu entnehmen. Die dort ins Gespräch gebrachte 30-tägige Waffenruhe soll nicht nur für Kämpfe in der Luft und zur See gelten, wie das Kiew vorschwebte, sondern ebenso den Bodenkampf erfassen. Wolodymyr Selenskyj lenkte ein und wird wieder mit amerikanische Waffen bedacht.
Russland dürfte darauf erst regieren, wenn die Amerikaner direkt mit Moskau verhandeln – das sind die Regeln. Fest steht nur, dass Donald Trump die Ukraine nicht verlassen will wie einst Richard Nixon Vietnam, sondern zu bleiben gedenkt. Voraussetzung ist der Übergang des Landes von einer US-gestützten Kriegspartei zu einem US-gestützten Wirtschaftsprotektorat.
Verhaltensmuster der Vergangenheit wie der Exit 2021 aus Afghanistan bestanden darin, dass ein erzwungener Abschied zur Flucht aus der Verantwortung wurde. Es blieben Nachkriegsgesellschaften zurück und sich selbst überlassen, ohne auf Wiedergutmachung der der Amerikaner rechnen zu können. Trumps merkantiles Verständnis internationaler Beziehungen führt dazu, eine solche Abkehr zu vermeiden, indem er die Geschäftsordnung des Ukraine-Konflikts ändert. Er will nicht länger für einen teuren Protegé aufkommen, sondern eine Kompensation für bislang erbrachte Leistungen. Wozu sonst dient das Rohstoffabkommen? Nicht die Ukraine wird entschädigt, sie hat ihren Mäzen zu entschädigen. Dies als nationalen Ausverkauf zu geißeln, mag berechtigt sein. Freilich haben die Ausbeutung von Ressourcen und ein Wiederaufbau mit Kosten bis zu 550 Milliarden Dollar das Zeug zu Sicherheitsgarantien nicht-militärischer Art. Sie beruhen auf Investitionskraft wie einem expansionswilligen US-Kapitalstock, können aber nur dann die gewünschten Erträge zeitigen, wenn die Waffen schweigen, dauerhaft und zuverlässig. Will heißen, je mehr sich die USA in der Ukraine als Wirtschaftsmacht etabliert, desto energischer werden sie dafür sorgen, dies durch einen kalten Frieden abzusichern. Ob sich Russland dieser egozentrischen Logik öffnet oder sie als Gefahr begreift, wird sich zeigen. Im Übrigen, wie sehr der Export von externem Potenzial für Nachkriegsordnungen fundamental sein kann, hat der Marshallplan für Westdeutschland und Westeuropa ab 1948 bewiesen.
Trumps Ukraine-Politik wäre unzureichend beschrieben, bliebe das Kalkül unerwähnt, das den atlantischen Verbündeten zugedacht ist. Die USA lösen sich von schwindender westlicher Geltungsmacht, was einer globalen nichtwestlichen Mehrheitsgesellschaft nicht verborgen bleibt. Insofern ist ihr Ausstieg aus dem westlichen Ukraine-Bündnis auch der Einstieg in eine neue Weltordnung, in der das alte Europa den neuen USA eher Rivale als Partner ist.
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Und wieder der Begriff von Neuer Weltordnung. Noch vor ein paar Jahren wäre man dafür als Verschwörungstheoretiker beschimpft worden.
Und heute? Die Aufgabe liegt vor uns. Wer packt sie an?