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Snowfarming

Von Feierabend-Mitglied Donnerstag 04.08.2022, 09:05 – geändert Donnerstag 04.08.2022, 12:06

Dieser Begriff dürfte nicht jedem geläufig sein. Für mich ist ein Artikel darüber Anlass zur Frage, ob der ganze Kult um Pistenpräparation mit Kunstschnee überhaupt noch tragbar ist, in Zeiten von Wassermangel und Energieknappheit. Bekanntlich werden zur Erzeugung von Kunstschnee grosse Mengen an Wasser und Engergie benötigt. Beim Snowfarming werden Schneemassen zusammengetragen und mit Hackschnitzel und Sägemehl abgedeckt, damit ein möglichst hoher Prozentsatz des Schnees den Sommer überdauert. - Aber auch dieser Aufwand schlägt negativ zu Buche was Umwelt und Nachhaltigkeit betrifft.
Andererseits geht es auch hier um Tourismus, Arbeitsplätze, Existenzen.
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Der Artikel, der für mich Anlass war, das Thema aufzugreifen:
"Mit langsamen Schritten läuft Florian Speigl den hoch aufgetürmten Berg entlang. Immer wieder lässt der Geschäftsführer des "Nordic Zentrum Oberstdorf" seinen Blick prüfend über die Oberfläche des rund acht Meter hohen Haufens wandern. Seit Ende März lagern hier knapp 5.000 Kubikmeter Schnee. Mit ihm soll bestenfalls schon Ende Oktober die erste Loipe präpariert werden.

Doch Speigl und sein Team mussten in den vergangenen Wochen schon mehrfach nachbessern. "Man sieht, dass die Hitze dem Schneedepot zusetzt. Es ist so, dass sich dieser Haufen setzt und sich dann teilweise Risse an der Oberfläche bilden. Diese Risse werden dann gleich wieder verschlossen, damit keine Wärme nach innen kommt."

Sägemehl und Hackschnitzel gegen die Hitze
Um rund eineinhalb Meter ist der aufgeschüttete Schnee in den vergangenen Wochen schon eingesackt – und auch an diesem Tag wandert das Thermometer wieder Richtung 30 Grad. Um den heißen Temperaturen zu trotzen, braucht es eine gute Isolierung. In Oberstdorf setzt man auf eine knapp 50 Zentimeter dünne Schicht, die aus Sägemehl und Hackschnitzeln besteht.

Der Schnee für das Depot stammt aus der vergangenen Saison. Hergestellt in den kalten Nächten Ende Januar wurde der Schneehaufen Ende März abgedeckt. Für Oberstdorf ist es der erste Versuch, Schnee über den Sommer zu retten. Die Kosten liegen bei rund 40.000 Euro.

Snowfarming längst gängige Praxis – weltweit und in Bayern
Andernorts gehört Snowfarming längst zur gängigen Praxis. In Skandinavien, der Schweiz, Italien, Slowenien - viele bekannte Wintersportorte setzen seit Jahren auf das Übersommern von Schnee. Auch in Bayern ist die Technik längst im Einsatz. Seit 2005 werden in Ruhpolding jedes Jahr durchschnittlich 14.000 Kubikmeter Schnee über den Sommer deponiert. Die Kosten – von der Produktion über die Lagerung bis zum Transport und das Präparieren auf der Loipe – liegen hier jährlich bei rund 50.000 Euro.

Anfangs sei man belächelt worden, erklärt Alois Reiter von der Chiemgau Arena in Ruhpolding. Doch längst sei das Snowfarming für den Betrieb "essentiell". Zum einen ermögliche der gelagerte Schnee einen früheren Trainingsstart für die heimischen Athleten, zum anderen liefere er einen wichtigen Grundstock an Schnee, ohne den die jährlich stattfindenden großen Wettbewerbe in Ruhpolding nicht stattfinden könnten.

Die große Frage: Wieviel Schnee bleibt übrig?
Viel habe man in den vergangenen Jahren in Ruhpolding schon ausprobiert, erklärt Reiter: verschiedene Standorte, verschiedene Abdeckungsmateralien. Mittlerweile schaffe man es aber beständig, über den Sommer nur rund 25 bis 30 Prozent an Volumenverlust hinnehmen zu müssen. Damit, so Reiter, gebe es jedes Jahr genug Schnee, um die Trainingsloipe frühzeitig zu präparieren.

Eine Enttäuschung erlebte man hingegen in Scheidegg. 2019 hatte man hier im Westallgäurund 150 Kubikmeter Schnee abgedeckt, doch nur knapp 20 Prozent davon waren am Ende des Sommers noch übrig. Zu wenig zum Präparieren der geplanten Loipe. Der Gemeinderat beschloss, das Projekt nicht fortzuführen.

Oberstdorfer Standort macht Sorgen
Einen solchen Reinfall möchte man in Oberstdorf auf keinen Fall erleben. Sorgen bereitet jedoch der Standort. Das Schneedepot liegt viele Stunden in der prallen Sonne, zudem erhitzt sich die asphaltierte Rollerbahn direkt nebenan und strahlt viel Wärme ab. Einen alternativen, schattigeren Standort gibt es nicht. Entweder, weil die Grundstückseigentümer nicht zustimmten oder sich die Fläche nicht für die Anfahrt mit großen Maschinen eignet.

Wie "teuren Champagner in den Gulli kippen"
Generelle Kritik am Snowfarming kommt vom Bund Naturschutz. Michael Finger aus Oberstdorf kritisiert, dass hier ein "absolutes Luxusprodukt eingelagert" werde. Rechne man die Energie und die Kosten, die durch Produktion, Lagern, Abdecken, Verteilen und anschließendes Präparieren verursacht würden, spreche man von "Luxus über Luxus pur". In Zeiten von Klimawandel und Energiekrise sei diese Art von Schneeeinlagerung für einen kurzen Zeitraum im November, wo dann eine kleine Gruppe Leistungssport ausüben könne, wie "Champagner in den Gulli kippen", so Finger.

Wer mithalten will, braucht Schnee
Deutschlands südlichste Gemeinde ist bekannt für ihre Nordischen Kombinierer und wichtiger Stützpunkt für Nachwuchs-Training. Ein Trainingsstart in November auf Schnee sei wichtig, um Wettbewerbsnachteile auszugleichen, erklärt Geschäftsführer Florian Speigl: "Wenn man hier im Sommer auf der Rollerbahn trainiert, ist das mit den Rollski ein anderes Gefühl wie im Winter auf Schnee. Und damit man dieses Gleitgefühl auf Schnee entwickeln kann, ist es eben sehr wichtig, sehr schnell auf Schnee zu sein. Es macht mehr Sinn, die Athleten nicht nach Skandinavien oder auf irgendwelche Gletscher zu karren, sondern hier an ihrem Heimatstützpunkt trainieren zu lassen."

Klimawandel – liegt im Snowfarming die Zukunft?
Dem stimmt auch Professor Ralf Roth zu. Der Wissenschaftler forscht mit seinem Team an der Deutschen Sporthochschule Köln schon seit Jahren zu nachhaltiger Sportentwicklung. Es sei völlig unstrittig, dass in Folge der globalen Erwärmung die natürliche Schneedecke weiter zurückgehen werde. Insbesondere davon betroffen seien die Nordischen Zentren, die üblicherweise tiefer liegen als die klassischen Skigebiete, auch im Allgäu, so Roth. Für einen flächendeckenden touristischen Betrieb – und damit als Lösung für die Herausforderungen des Klimawandels – hält Prof. Roth das Snowfarming allerdings für ungeeignet.

In einem Fall wie Oberstdorf aber, wo mit Hilfe des eingelagerten Schnees vor allem ein früherer Trainingsstart für die Athleten gesichert werden soll, sei das Übersommern von Schnee energetisch und ökologisch vertretbar. Die Sportler könnten dadurch an ihrem Heimatort trainieren, müssten keine weiten Reisen ins Ausland oder auf Gletscher machen.

Ende Oktober rollen die Kipplaster an
Ob der Schnee tatsächlich für die angedachte, rund 1,5 Kilometer lange Loipe reicht, zeigt sich voraussichtlich Ende Oktober. Dann rollen die Bagger, Radlader und Kipplaster an, um das Depot abzudecken und den Schnee zu verteilen.

Eine Prognose wagen will Florian Speigl nicht. Doch er stellt klar: Bevorzugen würde er notfalls auch eine kürzere Loipe mit einer dicken Schneeschicht, bevor er die komplette Strecke präpariert und vielleicht schon ein einziger Wärmeeinbruch im Herbst alle Bemühungen des Sommers zunichtemacht. Erst wenn klar ist, wieviel Schnee tatsächlich den Sommer überstanden hat, wollen die Verantwortlichen in Oberstdorf entscheiden, ob hier auch künftig ein Stück vom Winter übesommern wird."
www.br.de/ ... /snowfarming-in-oberstdorf-wo-ein-stueck-winter-uebersommert,TDMbXtg

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