Paris will 500 Straßen für Autos sperren. Und Berlin? Bastelt weiter am Verkehrsinfarkt.
Von Lennert Laberenz, der Freitag, 27.3.2025
Möglicherweise ist gerade ein guter Moment, um über Risse nachzudenken. Da wäre der „metabolische Riss, ein Gedanke des späten Kal Marx über die Strömung im Stoffwechsel der menschlichen Gesellschaft mit der Natur. Der Riss markierte den Widerspruch zwischen den warenproduzierenden Gesellschaft und der Welt drum herum: In der Zerstörung der Umwelt durch immer weitere Steigerung des Produktivismus liege ihre destruktive Kraft. Marx starb, bevor er den Gedanken ausführen konnte, Friedrich Engels, Sowjetunion und DDR taten ihr Möglichstes, um solche Gedanken zu überdecken.
Da wäre die Risse im Anstandsgebälk vieler Menschen im Straßenverkehr: Immer aggressiver gebärden sie sich, notieren Studien. Wer sich an die Letzte Generation erinnert, denkt an Menschen, die ungeschützte Gliedmaßen vor zornschäumender Fahrer darboten – ein Wunder, dass niemand umkam. Gerade stehen ehemalige Mitglieder der Gruppe in München vor Gericht, ihnen wird die Bildung einer kriminellen Vereinigung zur Verübung von Straftaten vorgeworfen. Zum Bild gehört, dass über ein Viertel der Deutschen keinen Zugang zu Bus und Bahn haben. Bayern schneidet in der Aufstellung besonders schlecht ab.
In Berlin bietet nun ein Riss die Möglichkeit, grundsätzlicher nachzudenken – er zieht sich ins Tragwerk einer Brücke. Die ist einigermaßen wichtig für einen Halbkreis. Den die Stadtautobahn um westliche Bezirke schlägt. Die Brücke war ein paar Tage dicht, das Geschrei groß, Politiker baten Autofahrer flehentlich, an Bewohner angrenzender Stadtviertel zu denken, sich nicht „durch alle möglichen Nebenstraßen zu zwängen“. Die Wochenendlaune in den Wohnstraßen, zwischen plötzlich sehr viel mehr Abgasen, Lärm und Wut, war offensichtlich eher mezzo.
Der Druck der Beschleunigung, ihre „stumme normative Gewalt“ verdirbt vieles. Man kann ihr überall nachspüren: Für den vermeintlichen Zugewinn an Zeit wurden Straßen verbreitert, Schneisen gegraben, Kurven geöffnet. Für Beschleunigung haben wir Landschaft planiert und Brücken geschlagen. Das Automobil war über Generationen Versprechen und Vehikel der Geschwindigkeitszunahme. Eine Kilometerpauschale für Pendler macht Menschen das Wohnen im Grünen schmackhaft, bevorzugt Arbeitswege mit dem Auto.
Mehr Straßen, breitere Fahrbahnen, hat die Verkehrswissenschaft festgestellt, sorgen für mehr Verkehr. Überhaupt, mehr Autos zu bauen, ist seit Jahrmillionen Kernanliegen deutscher Wirtschaftspolitik. Nun sorgen Risse in der vernachlässigten Infrastruktur dafür, dass wir plötzlich mehr Verkehr sehen. Und über den Sinn von Ingenieursleisten nachdenken könnten, deren Ziel es ist, ihn zu steigern.
Das bezauberndste Stück Literatur über Stau stammt von Julio Cortázar: Im tagelang unterbrochenen Verkehrsfluss südlich von Paris bilden sich Gemeinschaften. Plötzlich geht die Fahrt weiter, die Geschwindigkeit nimmt zu, „ohne dass man genau wusste, wozu diese Eile, warum dieses Rennen in der Nacht zwischen fremden Autos, in denen keiner etwas vom anderen wusste und nur geradeaus starrte, nur geradeaus“.
Nun haben die Bewohner von Paris am selben Wochenende, an dem im Westen Berlins der Verkehr kollabierte, dafür votiert, 500 Straßen von Automobilen zu befreien, sie zu begrünen. In Berlin planen sie den schnellstmöglichen Neubau der maroden Brücke.
………………….
Manchmal ist es schön zu träumen.
Es war ein Sprung. Aber jetzt bin ich froh, dass ich nicht mehr in einer Stadt wohne. Ampeln? Die sehe ich außerhalb vom Ort.
Paris will 500 Straßen für Autos sperren. Und Berlin? Bastelt weiter am Verkehrsinfarkt.
Von Lennert Laberenz, der Freitag, 27.3.2025
Möglicherweise ist gerade ein guter Moment, um über Risse nachzudenken. Da wäre der „metabolische Riss, ein Gedanke des späten Kal Marx über die Strömung im Stoffwechsel der menschlichen Gesellschaft mit der Natur. Der Riss markierte den Widerspruch zwischen den warenproduzierenden Gesellschaft und der Welt drum herum: In der Zerstörung der Umwelt durch immer weitere Steigerung des Produktivismus liege ihre destruktive Kraft. Marx starb, bevor er den Gedanken ausführen konnte, Friedrich Engels, Sowjetunion und DDR taten ihr Möglichstes, um solche Gedanken zu überdecken.
Da wäre die Risse im Anstandsgebälk vieler Menschen im Straßenverkehr: Immer aggressiver gebärden sie sich, notieren Studien. Wer sich an die Letzte Generation erinnert, denkt an Menschen, die ungeschützte Gliedmaßen vor zornschäumender Fahrer darboten – ein Wunder, dass niemand umkam. Gerade stehen ehemalige Mitglieder der Gruppe in München vor Gericht, ihnen wird die Bildung einer kriminellen Vereinigung zur Verübung von Straftaten vorgeworfen. Zum Bild gehört, dass über ein Viertel der Deutschen keinen Zugang zu Bus und Bahn haben. Bayern schneidet in der Aufstellung besonders schlecht ab.
In Berlin bietet nun ein Riss die Möglichkeit, grundsätzlicher nachzudenken – er zieht sich ins Tragwerk einer Brücke. Die ist einigermaßen wichtig für einen Halbkreis. Den die Stadtautobahn um westliche Bezirke schlägt. Die Brücke war ein paar Tage dicht, das Geschrei groß, Politiker baten Autofahrer flehentlich, an Bewohner angrenzender Stadtviertel zu denken, sich nicht „durch alle möglichen Nebenstraßen zu zwängen“. Die Wochenendlaune in den Wohnstraßen, zwischen plötzlich sehr viel mehr Abgasen, Lärm und Wut, war offensichtlich eher mezzo.
Der Druck der Beschleunigung, ihre „stumme normative Gewalt“ verdirbt vieles. Man kann ihr überall nachspüren: Für den vermeintlichen Zugewinn an Zeit wurden Straßen verbreitert, Schneisen gegraben, Kurven geöffnet. Für Beschleunigung haben wir Landschaft planiert und Brücken geschlagen. Das Automobil war über Generationen Versprechen und Vehikel der Geschwindigkeitszunahme. Eine Kilometerpauschale für Pendler macht Menschen das Wohnen im Grünen schmackhaft, bevorzugt Arbeitswege mit dem Auto.
Mehr Straßen, breitere Fahrbahnen, hat die Verkehrswissenschaft festgestellt, sorgen für mehr Verkehr. Überhaupt, mehr Autos zu bauen, ist seit Jahrmillionen Kernanliegen deutscher Wirtschaftspolitik. Nun sorgen Risse in der vernachlässigten Infrastruktur dafür, dass wir plötzlich mehr Verkehr sehen. Und über den Sinn von Ingenieursleisten nachdenken könnten, deren Ziel es ist, ihn zu steigern.
Das bezauberndste Stück Literatur über Stau stammt von Julio Cortázar: Im tagelang unterbrochenen Verkehrsfluss südlich von Paris bilden sich Gemeinschaften. Plötzlich geht die Fahrt weiter, die Geschwindigkeit nimmt zu, „ohne dass man genau wusste, wozu diese Eile, warum dieses Rennen in der Nacht zwischen fremden Autos, in denen keiner etwas vom anderen wusste und nur geradeaus starrte, nur geradeaus“.
Nun haben die Bewohner von Paris am selben Wochenende, an dem im Westen Berlins der Verkehr kollabierte, dafür votiert, 500 Straßen von Automobilen zu befreien, sie zu begrünen. In Berlin planen sie den schnellstmöglichen Neubau der maroden Brücke.
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Manchmal ist es schön zu träumen.
Es war ein Sprung. Aber jetzt bin ich froh, dass ich nicht mehr in einer Stadt wohne. Ampeln? Die sehe ich außerhalb vom Ort.