Deutsche Soldaten in die Ukraine? Wer das fordert, ignoriert fahrlässig die Lehren aus der Geschichte.
Deutsche Soldaten in der Ukraine? Um Russland abzuschrecken? Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages, der CDU-Abgeordnete Thomas Röwekamp, findet das gut. Und Johannes Winkel, der Vorsitzende der Jungen Union ebenfalls.
Beiden möchte man empfehlen, doch einmal einen der vielen Soldatenfriedhöfe in der Ukraine zu besuchen, die von der Deutschen Kriegsgräberfürsorge liebevoll gepflegt werden. Etwas außerhalb von Kiew, nicht weit vom Holocaust-Gedenkzentrum Babyn, wo die SS, die Wehrmacht und ihre ukrainischen Helfer binnen zwei Tagen 33.000 Juden ermordeten, gibt es einen Sammelfriedhof für bislang 26.000 deutsche Gefallene. Unter mächtigen Granitstelen ruhen überall in der Ukraine die Gebeine junger Männer, die für Hitler gegen die Sowjetunion gekämpft haben und dabei auch Massaker an der einheimischen Bevölkerung verübten: an Russen, Ukrainern, Polen und Juden.
400.000 deutsche Soldaten sind im Zweiten Weltkrieg in der Ukraine gestorben. Wie viele es im Ersten Weltkrieg waren, lässt sich nur schätzen. 1918 erstürmten deutsche Truppen in der „Operation Faustschlag“ Kiew und Charkiw und installierten eine Marionettenregierung. Das Land diente als Versorgungsreservoir, das eigentliche Ziel hieß: Moskau.
Seit der Reichsgründung von 1871 quält die deutsche Politik ein „Russland-Komplex“. Mal suchen ihre Vertreter überschwänglich nach einem Ausgleich mit Russland, mal propagieren sie die totale Konfrontation. Grautöne dazwischen gibt es nicht. Für Verständigung plädierten sowohl der „Reichsgründer“ Otto von Bismarck als auch Reichskanzler Joseph Wirth und Bundeskanzler Willy Brandt. Kaiser Wilhelm II. und Adolf Hitler dagegen wollten die deutsche Vormachtstellung in Europa durch Auslöschung ihres östlichen Konkurrenten erzwingen.
Der konservative Bismarck hatte durch eine kluge (manche sagen: zu komplizierte) Bündnispolitik für eine dauerhafte Einbindung Russlands gesorgt, vom Dreikaiserabkommen 1873 bis zum Rückversicherungsvertrag von 1887. Deutschland und Russland sicherten sich gegenseitig Neutralität zu für den Fall, dass einer von ihnen mit einer fremden Macht in Konflikt geraten würde. Als der Vertrag auslief und Kaiser Wilhelm II. die Außenpolitik an sich riss, begann eine Phase der Hochrüstung. Völkische Verbände und großmachtbesessene Publizisten schürten erfolgreich antirussische Stimmungen, selbst die aufstrebende Linke sah im Zarismus den Hauptfeind. Der Rüstungswettlauf entlud sich schließlich im Ersten Weltkrieg.
Nach der Niederlage haderte Deutschland mit den harten Bedingungen des Versailler Vertrags, während sich Sowjetrussland in einem blutigen Bürgerkrieg verausgabte. Die Kriegsgegner von 1914 waren jetzt die Geächteten der Weltpolitik. Da ergriffen Reichskanzler Joseph Wirth und Außenminister Walther Rathenau im April 1922 am Rande der Weltwirtschaftskonferenz die Gelegenheit, mit dem jungen Sowjetrussland ein Abkommen zu schließen, den „Vertrag von Rapallo“. Darin verzichteten beide Seiten auf Reparationszahlungen und vereinbarten eine enge Zusammenarbeit in Wirtschaftsfragen (deutsche Maschinen gegen russische Rohstoffe). Wenig später kam es aufgrund der Restriktionen des Versailler Vertrages auch zu einer geheimen Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee. 1928 kippte die Stimmung. Mit einer hitzig geführten Debatte um den Bau des „Panzerkreuzers A“ begann die Weimarer Republik ein ambitioniertes Aufrüstungsprogramm. Hitler musste es nur noch beschleunigen. 1936 plante die Reichswehr bereits mit 102 Divisionen und 3,6 Millionen Soldaten. Der „jüdische Bolschewismus“ der „Moskowiter“ sollte ausgemerzt werden. Im Zweiten Weltkrieg verloren 60 Millionen Menschen ihr Leben, mehr als die Hälfte davon waren aus Deutschland und der Sowjetunion.
Erst in den 1970er Jahren gelang es Willy Brandts Ostpolitik, die weitverbreitete „Russenangst“ aufzulösen. Brandt wollte die bitteren Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs anerkennen und zugleich überwinden. 1970 wurde der Moskauer Gewaltverzichtsvertrag unterzeichnet, trotz des Einmarsches der Sowjetarmee in Prag. Die deutsche Außenpolitik übernahm das Konzept der „gemeinsamen Sicherheit“, förderte gemeinsame Wirtschaftsprojekte (Erdgas-Röhren-Geschäft) und krönte ihre Verständigungspolitik durch die KSZE-Schlussakte von Helsinki und den Zwei-plus-Vier-Vertrag. Doch jetzt vollzieht die deutsche Außenpolitik erneut eine 180-Grad-Wende. Mit Wladimir Putins Angriff auf die Ukraine wurde Russland wieder Staatsfeind Nr. 1. Seither fließen Abermilliarden in die Aufrüstung, seither will Deutschland als Führungsnation „mehr Verantwortung“ für die Ukraine übernehmen – wie 1938 und 1941?
Die deutsche Politik, so scheint es, verfällt in eine Art Wiederholungszwang. Zum dritten Mal proklamiert sie: Kein Ausgleich, sondern Konfrontation! Müssen deutsche Politiker, die sich in Kiew die Klinke in die Hand geben und Kriegstüchtigkeit beschwören, wirklich erst daran erinnert werden, dass bereits sehr viele deutsche Soldaten in der Ukraine „stationiert“ sind? Allerdings nicht an der Grenze, sondern auf den Friedhöfen.
der freitag, 28.8.2025
Es gleicht sich viel, hoffentlich nicht auch das Ende.
Leider traue ich unseren Politikern nicht. Die wollen es wieder wagen.
Deutsche Soldaten in die Ukraine? Wer das fordert, ignoriert fahrlässig die Lehren aus der Geschichte.
Deutsche Soldaten in der Ukraine? Um Russland abzuschrecken? Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages, der CDU-Abgeordnete Thomas Röwekamp, findet das gut. Und Johannes Winkel, der Vorsitzende der Jungen Union ebenfalls.
Beiden möchte man empfehlen, doch einmal einen der vielen Soldatenfriedhöfe in der Ukraine zu besuchen, die von der Deutschen Kriegsgräberfürsorge liebevoll gepflegt werden. Etwas außerhalb von Kiew, nicht weit vom Holocaust-Gedenkzentrum Babyn, wo die SS, die Wehrmacht und ihre ukrainischen Helfer binnen zwei Tagen 33.000 Juden ermordeten, gibt es einen Sammelfriedhof für bislang 26.000 deutsche Gefallene. Unter mächtigen Granitstelen ruhen überall in der Ukraine die Gebeine junger Männer, die für Hitler gegen die Sowjetunion gekämpft haben und dabei auch Massaker an der einheimischen Bevölkerung verübten: an Russen, Ukrainern, Polen und Juden.
400.000 deutsche Soldaten sind im Zweiten Weltkrieg in der Ukraine gestorben. Wie viele es im Ersten Weltkrieg waren, lässt sich nur schätzen. 1918 erstürmten deutsche Truppen in der „Operation Faustschlag“ Kiew und Charkiw und installierten eine Marionettenregierung. Das Land diente als Versorgungsreservoir, das eigentliche Ziel hieß: Moskau.
Seit der Reichsgründung von 1871 quält die deutsche Politik ein „Russland-Komplex“. Mal suchen ihre Vertreter überschwänglich nach einem Ausgleich mit Russland, mal propagieren sie die totale Konfrontation. Grautöne dazwischen gibt es nicht. Für Verständigung plädierten sowohl der „Reichsgründer“ Otto von Bismarck als auch Reichskanzler Joseph Wirth und Bundeskanzler Willy Brandt. Kaiser Wilhelm II. und Adolf Hitler dagegen wollten die deutsche Vormachtstellung in Europa durch Auslöschung ihres östlichen Konkurrenten erzwingen.
Der konservative Bismarck hatte durch eine kluge (manche sagen: zu komplizierte) Bündnispolitik für eine dauerhafte Einbindung Russlands gesorgt, vom Dreikaiserabkommen 1873 bis zum Rückversicherungsvertrag von 1887. Deutschland und Russland sicherten sich gegenseitig Neutralität zu für den Fall, dass einer von ihnen mit einer fremden Macht in Konflikt geraten würde. Als der Vertrag auslief und Kaiser Wilhelm II. die Außenpolitik an sich riss, begann eine Phase der Hochrüstung. Völkische Verbände und großmachtbesessene Publizisten schürten erfolgreich antirussische Stimmungen, selbst die aufstrebende Linke sah im Zarismus den Hauptfeind. Der Rüstungswettlauf entlud sich schließlich im Ersten Weltkrieg.
Nach der Niederlage haderte Deutschland mit den harten Bedingungen des Versailler Vertrags, während sich Sowjetrussland in einem blutigen Bürgerkrieg verausgabte. Die Kriegsgegner von 1914 waren jetzt die Geächteten der Weltpolitik. Da ergriffen Reichskanzler Joseph Wirth und Außenminister Walther Rathenau im April 1922 am Rande der Weltwirtschaftskonferenz die Gelegenheit, mit dem jungen Sowjetrussland ein Abkommen zu schließen, den „Vertrag von Rapallo“. Darin verzichteten beide Seiten auf Reparationszahlungen und vereinbarten eine enge Zusammenarbeit in Wirtschaftsfragen (deutsche Maschinen gegen russische Rohstoffe). Wenig später kam es aufgrund der Restriktionen des Versailler Vertrages auch zu einer geheimen Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee. 1928 kippte die Stimmung. Mit einer hitzig geführten Debatte um den Bau des „Panzerkreuzers A“ begann die Weimarer Republik ein ambitioniertes Aufrüstungsprogramm. Hitler musste es nur noch beschleunigen. 1936 plante die Reichswehr bereits mit 102 Divisionen und 3,6 Millionen Soldaten. Der „jüdische Bolschewismus“ der „Moskowiter“ sollte ausgemerzt werden. Im Zweiten Weltkrieg verloren 60 Millionen Menschen ihr Leben, mehr als die Hälfte davon waren aus Deutschland und der Sowjetunion.
Erst in den 1970er Jahren gelang es Willy Brandts Ostpolitik, die weitverbreitete „Russenangst“ aufzulösen. Brandt wollte die bitteren Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs anerkennen und zugleich überwinden. 1970 wurde der Moskauer Gewaltverzichtsvertrag unterzeichnet, trotz des Einmarsches der Sowjetarmee in Prag. Die deutsche Außenpolitik übernahm das Konzept der „gemeinsamen Sicherheit“, förderte gemeinsame Wirtschaftsprojekte (Erdgas-Röhren-Geschäft) und krönte ihre Verständigungspolitik durch die KSZE-Schlussakte von Helsinki und den Zwei-plus-Vier-Vertrag. Doch jetzt vollzieht die deutsche Außenpolitik erneut eine 180-Grad-Wende. Mit Wladimir Putins Angriff auf die Ukraine wurde Russland wieder Staatsfeind Nr. 1. Seither fließen Abermilliarden in die Aufrüstung, seither will Deutschland als Führungsnation „mehr Verantwortung“ für die Ukraine übernehmen – wie 1938 und 1941?
Die deutsche Politik, so scheint es, verfällt in eine Art Wiederholungszwang. Zum dritten Mal proklamiert sie: Kein Ausgleich, sondern Konfrontation! Müssen deutsche Politiker, die sich in Kiew die Klinke in die Hand geben und Kriegstüchtigkeit beschwören, wirklich erst daran erinnert werden, dass bereits sehr viele deutsche Soldaten in der Ukraine „stationiert“ sind? Allerdings nicht an der Grenze, sondern auf den Friedhöfen.
der freitag, 28.8.2025
Es gleicht sich viel, hoffentlich nicht auch das Ende.
Leider traue ich unseren Politikern nicht. Die wollen es wieder wagen.