Von ehemaliges Mitglied
Freitag 01.07.2022, 22:34 – geändert 03.07.2022, 18:39
Einer der Unterzeichner des offenen Briefs in der „Zeit“: Der Philosoph Richard David Precht
Erst der offene Brief aus der „Emma“, nun der nächste Appell in der „Zeit“: Prominente fordern, dass in der Ukraine die Waffen schweigen. Was die Ukrainer wollen, spielt offenbar keine Rolle. Und was Putins Truppen dort anrichten, auch nicht.
Sie lernen nichts dazu. Sie nehmen nichts wahr. Aber sie sind überzeugt. Mögen noch so viele Leichen getöteter Ukrainerinnen und Ukrainer darauf hindeuten, dass es hier um einen Vernichtungskrieg völkermörderischen Ausmaßes und nicht um ein militärisches Schachspiel handelt, bei dem es Patt steht oder die eine Seite der anderen Remis anbietet.
„Waffenstillstand jetzt!“, lautet der Appell von einundzwanzig Unterzeichnern in der „Zeit“. Er fordert „den Westen“ auf, „den Ukrainekrieg durch Verhandlungen zu beenden“. Das scheint den Autoren – von Augstein, Jakob bis Zeh, Juli – offenbar leicht möglich. Die „internationale Gemeinschaft“ müsse nur „alles dafür tun, Bedingungen zu schaffen, unter denen Verhandlungen überhaupt möglich sind“.
Wer diese „internationale Gemeinschaft“ ist, erfahren wir nicht, wohl aber dass Waffenlieferungen für die Ukraine keine gute Idee seien, weil sie das Leiden verlängerten, und dass „die westlichen Akteure“ bekunden sollten, „kein Interesse an einer Fortführung des Krieges“ zu haben. Man müsse auf Russland und die Ukraine einwirken, „die Kampfhandlungen auszusetzen“. Sanktionen und militärische Hilfe müssten in eine „politische Strategie eingebunden werden, die auf schrittweise Deeskalation bis hin zum Erreichen einer Waffenruhe gerichtet ist“.
Eine Rückeroberung der von Russland besetzten Gebiete hielten Militärexperten für „unrealistisch“, doch zeige der „bisherige Verlauf der Verhandlungsversuche“ eine „anfängliche Verständigungsbereitschaft beider Seiten unter Annäherung der Zielvorstellungen“. Verhandlungen seien „keine Rechtfertigung von Kriegsverbrechen“, aber notwendig, „um Leid vor Ort und Kriegsfolgen auf der ganzen Welt zu verhindern“. Die Wendung „manifestes Eskalationsrisiko“, die wir aus dem offenen Brief in der „Emma“ kennen, taucht wieder auf.
Was nicht auftaucht, ist, was Wladimir Putin als Ziel seines Kriegs ausgibt: die „Entnazifizierung“, also Vernichtung der Ukraine. Wo ist da „Verständigungsbereitschaft“ zu erkennen? Verständigen wir uns über einen Völkermord? Was nicht auftaucht, sind die systematische Brutalität, mit der die russische Armee vorgeht, die grenzenlose Grausamkeit, die zeigt, dass die Invasoren den Ukrainerinnen und Ukrainern das Menschsein absprechen und meinen, man dürfe sie foltern, vergewaltigen, verschleppen, ermorden und ihre Kultur auslöschen. Was nicht auftaucht im Waffenstillstandsappell ist Putins Faschismus, ist sein Wille, in die Fußstapfen von Zar Peter dem Großen zu treten und das freie Europa zu unterjochen. Was nicht auftaucht, sind die Rechte der Ukrainer. Was nicht auftaucht, ist, dass diese sich 2014 für Freiheit und Menschenrechte und gegen ein totalitäres System à la Putin entschieden haben und dafür nun mit ihrem Leben bezahlen.
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Einer der Unterzeichner des offenen Briefs in der „Zeit“: Der Philosoph Richard David Precht
Erst der offene Brief aus der „Emma“, nun der nächste Appell in der „Zeit“: Prominente fordern, dass in der Ukraine die Waffen schweigen. Was die Ukrainer wollen, spielt offenbar keine Rolle. Und was Putins Truppen dort anrichten, auch nicht.
Sie lernen nichts dazu. Sie nehmen nichts wahr. Aber sie sind überzeugt. Mögen noch so viele Leichen getöteter Ukrainerinnen und Ukrainer darauf hindeuten, dass es hier um einen Vernichtungskrieg völkermörderischen Ausmaßes und nicht um ein militärisches Schachspiel handelt, bei dem es Patt steht oder die eine Seite der anderen Remis anbietet.
„Waffenstillstand jetzt!“, lautet der Appell von einundzwanzig Unterzeichnern in der „Zeit“. Er fordert „den Westen“ auf, „den Ukrainekrieg durch Verhandlungen zu beenden“. Das scheint den Autoren – von Augstein, Jakob bis Zeh, Juli – offenbar leicht möglich. Die „internationale Gemeinschaft“ müsse nur „alles dafür tun, Bedingungen zu schaffen, unter denen Verhandlungen überhaupt möglich sind“.
Wer diese „internationale Gemeinschaft“ ist, erfahren wir nicht, wohl aber dass Waffenlieferungen für die Ukraine keine gute Idee seien, weil sie das Leiden verlängerten, und dass „die westlichen Akteure“ bekunden sollten, „kein Interesse an einer Fortführung des Krieges“ zu haben. Man müsse auf Russland und die Ukraine einwirken, „die Kampfhandlungen auszusetzen“. Sanktionen und militärische Hilfe müssten in eine „politische Strategie eingebunden werden, die auf schrittweise Deeskalation bis hin zum Erreichen einer Waffenruhe gerichtet ist“.
Eine Rückeroberung der von Russland besetzten Gebiete hielten Militärexperten für „unrealistisch“, doch zeige der „bisherige Verlauf der Verhandlungsversuche“ eine „anfängliche Verständigungsbereitschaft beider Seiten unter Annäherung der Zielvorstellungen“. Verhandlungen seien „keine Rechtfertigung von Kriegsverbrechen“, aber notwendig, „um Leid vor Ort und Kriegsfolgen auf der ganzen Welt zu verhindern“. Die Wendung „manifestes Eskalationsrisiko“, die wir aus dem offenen Brief in der „Emma“ kennen, taucht wieder auf.
Was nicht auftaucht, ist, was Wladimir Putin als Ziel seines Kriegs ausgibt: die „Entnazifizierung“, also Vernichtung der Ukraine. Wo ist da „Verständigungsbereitschaft“ zu erkennen? Verständigen wir uns über einen Völkermord? Was nicht auftaucht, sind die systematische Brutalität, mit der die russische Armee vorgeht, die grenzenlose Grausamkeit, die zeigt, dass die Invasoren den Ukrainerinnen und Ukrainern das Menschsein absprechen und meinen, man dürfe sie foltern, vergewaltigen, verschleppen, ermorden und ihre Kultur auslöschen. Was nicht auftaucht im Waffenstillstandsappell ist Putins Faschismus, ist sein Wille, in die Fußstapfen von Zar Peter dem Großen zu treten und das freie Europa zu unterjochen. Was nicht auftaucht, sind die Rechte der Ukrainer. Was nicht auftaucht, ist, dass diese sich 2014 für Freiheit und Menschenrechte und gegen ein totalitäres System à la Putin entschieden haben und dafür nun mit ihrem Leben bezahlen.
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