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Nach dem Blame Gam

Von Harvey11 Donnerstag 22.05.2025, 20:03

Putin will keinen Frieden. Aber will Europa ihn? Dafür bräuchte es sehr viel Vertrauen – und Vermenschlichung
Velten Schäfer, der Freitag vom 22.5.2025
Bevor es hier um Istanbul oder den Vatikan geht, um den Stand der Ukraine-Verhandlungen und womöglich die Frage, wer für deren Stillstand verantwortlich sei, habe ich eine Frage: Erinnern Sie sich noch an den 21. Februar 2014?
An diesem Tag hatte in Kiew der gewählte „pro-russische“ Präsident Viktor Janukowitsch mit der Maidan- wie Parlamentsopposition ein Abkommen für einen friedlichen Übergang unter einer Regierung der Nationalen Einheit geschlossen. Russland hatte es mitverhandelt, Polen, Deutschland und Frankeich sogar mitunterzeichnet. Doch noch am selben Abend machten Militante den Deal zur Makulatur – und Warschau, Berlin und Paris krümmten keinen Finger. den nationalistischen Putsch zu stoppen. Absehbar war Russlands Militärpräsenz auf der Krim in Gefahr, einen sicherheitspolitischen Grundbestand seit Katharina der Großen.
Doch halt: Ist das nicht Wladimir Putins Narrativ? Man kann diesen Tag gewiss anders erzählen: Nicht „der Maidan“ und jene westlichen Regierungen haben das Abkommen verraten, sondern Janukowitsch selbst. Überstürzt floh er aus Kiew und verweigerte im Anschluss jeden Federstrich. So enthob er sich selbst des Amtes – und forderten die Garantiemächte am 31. März nicht Kiew auf, den Kern der Vereinbarung umzusetzen? Wie kommt Putin dazu, auf Nachbars Territorium Sicherheitsinteressen gewahren zu wollen?
Über die Deutung dieses und anderer Ereignisse aus der Vor- und Frühgeschichte des Ukrainekriegs kann man trefflich streiten. Doch wer sich darauf konzentriert, kann eins nicht ernsthaft behaupten: an einer friedlichen Beilegung des Krieges interessieret zu sein. Sobald man sich nämlich dazu entschließt, geht es nicht mehr um die große Analyse. Sondern um kleinteilige kommunikative Akte, die sich als „drei V“ fassen lassen.
Erstens ist das etwas, das man Verifizierung nennen kann: Ich muss des anderen Wahrnehmung nicht für wahr halten, aber für wahr nehmen, als gegeben akzeptieren. Dabei hilft zweitens Vermenschlichung: Auch wenn ich den anderen für einen Unhold halte, muss ich ihm zutrauen, in berechenbarem Rahmen zu agieren. Nur auf solcher Basis kann drittens Vertrauen entstehen, die praktizierte Gewissheit, dass es dem anderen wie mir selbst um eine Beilegung des Konflikts geht und nicht bloß um Vorteile bei seiner Weiterführung.
Schaut man durch diese Folie auf das Geschehen am Bosporus, lässt sich die Istanbul-Ernüchterung zumindest auf einen Begriff bringen. Die vom Europa-Westen vorgebrachte Forderung nach einem Waffenstillstand vor der Aufnahme von Gesprächen ist ja einerseits sinnvoll: Es verhandelt sich im Detail nicht gut, wenn die Position einer Seite währenddessen ständig stärker wird. Doch andererseits war das der dritte vor dem ersten Schritt: Man verlangte von Putin das Vertrauen, dass es hier nicht nur darum ging, der Ukraine Zeit zur Reorganisation ihrer Truppen zu verschaffen – und gab doch keinerlei greifbaren Hinweis, dass man ihn als Gegenüber mit einer zu berücksichtigenden Perspektive zu sehen gewillt ist.
Das ist aber nicht nur mit Blick auf Putins Vorteile auf dem Schlachtfeld eine destruktive Haltung, sondern auch hinsichtlich der Konfliktwahrnehmung: Spätestens seit Angela Merkel erklärt hat, die Minsker Abkommen über den Donbass seien nur „der Versuch“ gewesen, „der Ukraine Zeit zu geben, stärker zu werden“, hängt das Putin-Narrativ vom betrügerischen Westen nicht mehr ganz in der Luft, bezüglich jenes 21. Februar und darüber hinaus.
Viel reden wir darüber, ob Putin wirklich Frieden wolle. Aber wollen wir eigentlich Frieden, unsere Politik, wir ganz privat? Vor Istanbul schrieb der Spiegel, es gehe „den Europäern hauptsächlich darum, „Putin als Friedensverhinderer zu brandmarken“, also die Weiterführung des Krieges moralisch zu begründen. Für viel mehr als dieses Blame Game hat es bis zum Telefonat Putins mit Donald Trump nicht gereicht.
Tatsächlich wird das Theaterstück namens Verhandlungen so bald nicht ab-, vielleicht gar im Vatikan fortgesetzt. Über den Friedenswillen den Daumen heben oder senken soll ja nicht die „Weltöffentlichkeit“, sondern Trump, den man jeweils gewinnen will. Ihm gefällt dieses Buhlen.
Doch ob Frieden ernsthaft erwogen wird, liegt nicht zuletzt an uns, den zivilen Gesellschaften. Erinnert sei an das zweite V, die Vermenschlichung. Neben schrecklichen Berichten über Putins Grausamkeit gibt es eine belastbare Zahl: Seit 2022 forderte der Krieg in der Ukraine laut UN-Hochkommissariat für Menschenrechte rund 13.000 zivile Opfer. Absolut ist das eine hohe Zahl, für jede der betroffenen Familien eine furchtbare Tragödie. Jeder im Krieg Getötete ist einer zuviel. Deshalb sind die Friedensverhandlungen ja so dringend. Die Vorstellung eines Vernichtungskrieges durch einen genozidalen Schlächter aus dem Osten, mit dem man nicht verhandeln kann, weil er am Ende nur morden will, rechtfertigt diese Zahl – von dem Hintergrund eines voll entfesselten Flächenkrieges, in dem an mehr als tausend Frontkilometern zahlreiche Großstädte belagert wurden – jedoch nicht.
Ja, es sind schwierige und schmutzige Fragen, die sich da stellen. Doch bedenke man stets die Alternative.
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Viele Fakten, viele Fragen, und viel zu viele Entscheidungsträger, die sich vor den Antworten drücken. Weil sie bereits zu viel gelogen haben?
Das Geplärr wird aber vermutlich kommen.

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