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Mythos Abschreckung

Von Harvey11 Samstag 21.06.2025, 21:20

Das weltweite nukleare Wettrüsten beruht auf einem Irrtum, den die Menschheit noch nicht überwunden hat.

Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI hat seine „jährliche Bewertung des Stands der Rüstung, Abrüstung und internationalen Sicherheit“ auf die Frage der Atombewaffnung konzentriert: Es sei die „wichtigste Erkenntnis“, so das Jahrbuch 2025, „dass sich ein gefährliches neues nukleares Wettrüsten abzeichnet, während die Rüstungskontrollregime stark geschwächt sind“. Die Veröffentlichung des Berichts fällt damit zusammen, dass Israel einen Krieg gegen den Iran begonnen hat, um diesen Staat an der atomaren Bewaffnung zu hindern. Aber auch damit, dass in Deutschland über eine angebliche Notwendigkeit atomarer Selbstbehauptung nachgedacht wird.
Denn man sagt sich, dass atomar bewaffnete Staaten noch nie militärisch bedroht worden sind. Sogar die Atommächte Indien und Pakistan beschränkten sich auf sehr kurze konventionelle Kriege, und selbst das kleine Nordkorea wird respektiert. Freilich werden eben deshalb keine neuen Atommächte geduldet. Der Iran bezahlt seinen Versuch, eine zu werden, mit dem derzeitigen Krieg. Einem Krieg, nebenbei gesagt, der so wenig gerechtfertigt ist wie jeder andere. Denn dass der Iran, hätte er die Bombe, Israel mit der selben vernichten würde, ist eine groteske Behauptung angesichts dessen, dass man Israel nicht auslöschen, ohne auch Palästina und die Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem, dass drittwichtigste Heiligtum des Islam zu treffen – was gewiss keine iranischen Ziele sind. Nein, der Iran wollte sich mit der Bombe schützen, so wie sich Nordkorea mit ihr schützt. Aber es konnte nicht gelingen.
Nun ist Deutschland nicht in einer vergleichbaren Lage wie der Iran. Atomare Selbstbehauptung würde hier bedeuten, sich mit Frankreich und Großbritannien über eine Beteiligung an deren schon vorhandenen Arsenalen zu einigen und sie weiter auszubauen. Es wäre wohl möglich, in diesem Rahmen deutsche Sprengköpfe auf deutschem Boden zu dislozieren, um sowohl Russland als auch das US-amerikanische Trump-Regime „abzuschrecken“. Das weltweite atomare Wettrennen würde dadurch noch einmal beschleunigt. Europa als sich selbst behauptender atomarer Player ist auch deshalb eine gefährliche Vision, weil gerade Frankreich und Großbritannien bald in die Hände von Parteien fallen könnten, die ihrerseits trumpistisch agieren. Auch Deutschland ist vor dieser Gefahr nicht gefeit. Sehen wir jetzt der atomaren Aufrüstung einer vielleicht bald rechtsextrem gewordenen Europäischen Union zu?
Unsere Chancen, in diese Entwicklung noch einzugreifen sind begrenzt, aber wir müssen es versuchen. Vir allen indem wir aufklären, nicht nur über die aktuellen Gefahren, sondern auch über das elementare und gar nicht neue, wenn auch immer mehr sich zuspitzende Problem, das die Mächte mit sich selbst haben und immer schon hatten. Warum kommt man über die Idee nicht hinaus, Frieden durch „Abschreckung“ sichern zu wollen? Da lohnt sich, die Dialektik der Aufklärung, geschrieben 1944 von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, noch einmal aufzuschlagen und etwas gegen den Strich zu lesen. Im altgriechischem Mythos von Odysseus und den Sirenen, den Adorno sich vornimmt, geht es um Selbstbehauptung. Odysseus wisse, dass die Sirenen ihn vernichten werden, wenn er sich anlocken lässt von ihrem betörenden Gesang. Er wisse auch, dass sie, wenn ihnen die Vernichtung nicht gelingt, ihr selbst anheimfallen. Und das geschieht, weil Odysseus seine überlegene List einsetzt.
Adorno gibt dem Mythos so weit nach, dass er glaubt, einräumen zu sollen, anders als so hätte kein Mensch, hätte sich die Menschheit nicht gegen archaisch mordenden Mächte behaupten können. Durch solche Behauptung sei überhaupt erst das menschliche Selbst möglich gewesen. Nur müsse es sich verändern, nicht mehr um den Preis der Vernichtung anderer sich behaupten. Aber wie? Es ist bis heute nicht gelungen.
Man könnte sich fragen, ob dieser Mythos nicht eine einzige Lüge ist. Die Sirenen sollen Vögel mit Menschenköpfen sein. Vielleicht sind sie ein fremdes Volk, das sich mit Vogelfedern krönt wie die von europäischen Einwanderern vernichteten Ureinwohner Nordamerikas? Wenn ihr Gesang so betörend ist, spricht das nicht für ihre hohe Kultur? Und wenn sie, wie Odysseus zu wissen behauptet, singen, um zu vernichten, was sollte das denn für einen Sinn haben? Er kann es wissen, also weiß man es vorher und wird sich dann doch nicht anlocken lassen. Viel wahrscheinlicher ist, dass die als Sirenen karikierten fremden Menschen eine „Abschreckung“ eingerichtet haben, die nur funktionieren kann, wenn sie gerade bekannt ist. Um ihren Gesang, ihre Kultur zu schützen. Doch es funktionierte nicht.
„Selbstbehauptung“ wird auf der Basis von Behauptungen versucht. Die können falsch sein, willentlich oder unwillentlich. Dass „Abschreckung“ der beste Weg zur Selbstbehauptung sei, ist eine falsche Behauptung. Richtiger wäre, dass Völker sich verständigen müssen. Dass sie gemeinsame Institutionen aufbauen und nutzen sollen, die ihre Verständigung regeln und erleichtern. Solche Institutionen gibt es: Es gibt die UNO. Auf der UNO beharren, auch reformieren, das ist der richtige Weg.

Michael Jäger Der Freitag, 21.6.2025
Ein unterhaltsamer Artikel der damit endet, dass die Völker sich verständigen müssen. Dazu muss oft umgedacht werden, verschüttete Wege wieder freigelegt werden. Wer jedoch meint, uns wieder einen ewigen Feind präsentieren zu müssen, der hat die Zeichen der Zeit verpennt. Der wartet voller Ungeduld auf den nächsten Krieg.

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