Die Koalition sollte den Willen und die Kraft aufbringen, um die Probleme bei der Pflege zu lösen.
Wenn es noch eines neuen Beweises erfordert hätte, dass die Pflegeversicherung dringend reformbedürftig ist, wurde er nun geliefert: Die Eigenanteile im Pflegeheim sind erneut gestiegen und liegen nunmehr im ersten Jahr des Aufenthalts bundesweit im Schnitt über der Marke von 3000 Euro pro Monat.
Das ist ein Betrag, den viele Betroffene nicht mehr aus der eigenen Rente bezahlen können, womit sie auf Sozialhilfe angewiesen sind. In diesem Fall bekommen sie für persönliche Ausgaben wie ein Stück Torte in der Cafeteria, einen Frisörbesuch oder ein kleines Geschenk für den Enkel nur noch ein monatliches Taschengeld von 152 Euro und einem Cent. Das ist eines Sozialstaates unwürdig.
Man könnte einwenden, die Steigerung der Eigenanteile betreffe nur einen kleinen Teil der Pflegebedürftigen. Schließlich wird die übergroße Mehrheit von 84 Prozent zu Hause gepflegt. Doch auch hier schlägt sich die Teuerung nieder – sie ist nur nicht so leicht zu erkennen. Denn es kommt zu einer Verschiebung: Die Leistungen der Pflegeversicherung verlieren an Wert, was nur durch die Mehrarbeit der pflegenden Angehörigen ausgeglichen werden kann. Dabei sind viele Angehörige schon heute an der Belastungsgrenze.
Unterm Strich bleibt: Für immer mehr Menschen kann in Deutschland eine menschenwürdige Pflege nicht mehr gewährleistet werden. Selbst das Minimalziel „Satt, sauber, trocken“ wird oft nicht mehr erreicht. Denn der Fachkräftemangel sorgt dafür, dass Betroffene in vielen Regionen gar keinen Heimplatz oder einen ambulanten Pflegedienst mehr finden. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hat recht, wenn sie sagt, nötig sei eine „mutige“ Reform, kein Reförmchen.
Dabei muss sich die Politik allerdings als Erstes von einer Lebenslüge verabschieden. In der Pflegeversicherung lässt sich kaum nennenswert Geld sparen. Im Gegenteil: Die Leistungen müssen erhöht und weitgehend flexibilisiert werden. Statt kleinteiliger Regelungen sollte es künftig Budgets geben, die je nach den persönlichen Bedürfnissen frei verwendet werden können. Pflegende Angehörige dürfen nicht weiter mit Almosen abgespeist werden, sondern müssen auch in Anerkennung ihrer Leistung einen ordentlichen Lohnersatz ähnlich dem Elterngeld erhalten. Denn klar ist: Die Familie als größter Pflegedienst darf nicht wegbrechen. Eine Pflege allein mit Fachkräften ist angesichts des Personalmangels weder möglich noch bezahlbar.
Das alles treibt die Kosten weiter nach oben. Weil mehr Steuergeld angesichts der Haushaltslage illusorisch ist, wird kein Weg daran vorbeiführen, die private Vorsorge auszubauen. Dafür dürfte es in der Bevölkerung durchaus Bereitschaft geben, denn das Prinzip einer „Teilkaskoversicherung“ ist akzeptiert. Problematisch ist bisher aber, dass die Menschen gar nicht wissen, worauf sie überhaupt sparen sollen, weil die aus dem eigenen Portemonnaie zu deckende Lücke völlig unkalkulierbar ist.
Hier könnte der von Experten entwickelte „Sockel-Spitze-Tausch“ helfen: Heute zahlt die Pflegeversicherung eine bestimmte Leistung, während die Pflegebedürftigen alle weiteren Kosten übernehmen. Dreht man das um – Pflegebedürftige zahlen eine bestimmte Summe als Sockel selbst, während die Versicherung die Spitze der darüber hinausgehenden Kosten übernimmt – wird die Lücke und damit die nötige Eigenvorsorge kalkulierbar. Dafür könnte ein kapitalgedeckter, staatlich gemanagter Vorsorgefonds eingerichtet werden, in den die Versicherten einzahlen, unterstützt durch steuerliche Förderung.
Das wäre eine mutige Reform. Es bleibt zu hoffen, dass die Koalition den Willen und die Kraft dazu hat.
Frankfurter Rundschau, 2.47.2025
…………………
Die Eigenanteile im Pflegeheim sind erneut gestiegen und liegen nunmehr im ersten Jahr des Aufenthalts bundesweit im Schnitt über der Marke von 3000 Euro pro Monat.
Das ist ein Betrag, den viele Betroffene nicht mehr aus der eigenen Rente bezahlen können, womit sie auf Sozialhilfe angewiesen sind. In diesem Fall bekommen sie für persönliche Ausgaben wie ein Stück Torte in der Cafeteria, einen Frisörbesuch oder ein kleines Geschenk für den Enkel nur noch ein monatliches Taschengeld von 152 Euro und einem Cent. Das ist eines Sozialstaates unwürdig.
Eines Sozialstaates unwürdig?
Ein Sozialstaat, der jetzt wieder mit der Axt an die Sozialausgaben will?
Ein Sozialstaat, der jetzt sogar an die Alten will? Denn die sollen für ein Taschengeld arbeiten, weil Unternehmer keinen ausreichenden Lohn bezahlen wollen?
Ein Sozialstaat, in dem eine sozialdemokratische und eine christliche Partei statt diese Unternehmer zu rügen diese in ihrem Tun sogar noch unterstützen und stattdessen ihre Medien auf Faulenzer schimpfen lassen?
Uns jetzt die Pflege.
Der letzte Satz geht am eigentlichen Dilemma vorbei: Es bleibt zu hoffen, dass die Koalition den Willen und die Kraft dazu hat.
Die Kraft hätte sie vielleicht. Aber die sie tragenden Parteien dürfen nicht. Denn sie halten ihre Hände auf. Sie lassen sich wie Strichjungen bezahlen. Sind also ihren Bezahlern verpflichtet.
Die Koalition sollte den Willen und die Kraft aufbringen, um die Probleme bei der Pflege zu lösen.
Wenn es noch eines neuen Beweises erfordert hätte, dass die Pflegeversicherung dringend reformbedürftig ist, wurde er nun geliefert: Die Eigenanteile im Pflegeheim sind erneut gestiegen und liegen nunmehr im ersten Jahr des Aufenthalts bundesweit im Schnitt über der Marke von 3000 Euro pro Monat.
Das ist ein Betrag, den viele Betroffene nicht mehr aus der eigenen Rente bezahlen können, womit sie auf Sozialhilfe angewiesen sind. In diesem Fall bekommen sie für persönliche Ausgaben wie ein Stück Torte in der Cafeteria, einen Frisörbesuch oder ein kleines Geschenk für den Enkel nur noch ein monatliches Taschengeld von 152 Euro und einem Cent. Das ist eines Sozialstaates unwürdig.
Man könnte einwenden, die Steigerung der Eigenanteile betreffe nur einen kleinen Teil der Pflegebedürftigen. Schließlich wird die übergroße Mehrheit von 84 Prozent zu Hause gepflegt. Doch auch hier schlägt sich die Teuerung nieder – sie ist nur nicht so leicht zu erkennen. Denn es kommt zu einer Verschiebung: Die Leistungen der Pflegeversicherung verlieren an Wert, was nur durch die Mehrarbeit der pflegenden Angehörigen ausgeglichen werden kann. Dabei sind viele Angehörige schon heute an der Belastungsgrenze.
Unterm Strich bleibt: Für immer mehr Menschen kann in Deutschland eine menschenwürdige Pflege nicht mehr gewährleistet werden. Selbst das Minimalziel „Satt, sauber, trocken“ wird oft nicht mehr erreicht. Denn der Fachkräftemangel sorgt dafür, dass Betroffene in vielen Regionen gar keinen Heimplatz oder einen ambulanten Pflegedienst mehr finden. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hat recht, wenn sie sagt, nötig sei eine „mutige“ Reform, kein Reförmchen.
Dabei muss sich die Politik allerdings als Erstes von einer Lebenslüge verabschieden. In der Pflegeversicherung lässt sich kaum nennenswert Geld sparen. Im Gegenteil: Die Leistungen müssen erhöht und weitgehend flexibilisiert werden. Statt kleinteiliger Regelungen sollte es künftig Budgets geben, die je nach den persönlichen Bedürfnissen frei verwendet werden können. Pflegende Angehörige dürfen nicht weiter mit Almosen abgespeist werden, sondern müssen auch in Anerkennung ihrer Leistung einen ordentlichen Lohnersatz ähnlich dem Elterngeld erhalten. Denn klar ist: Die Familie als größter Pflegedienst darf nicht wegbrechen. Eine Pflege allein mit Fachkräften ist angesichts des Personalmangels weder möglich noch bezahlbar.
Das alles treibt die Kosten weiter nach oben. Weil mehr Steuergeld angesichts der Haushaltslage illusorisch ist, wird kein Weg daran vorbeiführen, die private Vorsorge auszubauen. Dafür dürfte es in der Bevölkerung durchaus Bereitschaft geben, denn das Prinzip einer „Teilkaskoversicherung“ ist akzeptiert. Problematisch ist bisher aber, dass die Menschen gar nicht wissen, worauf sie überhaupt sparen sollen, weil die aus dem eigenen Portemonnaie zu deckende Lücke völlig unkalkulierbar ist.
Hier könnte der von Experten entwickelte „Sockel-Spitze-Tausch“ helfen: Heute zahlt die Pflegeversicherung eine bestimmte Leistung, während die Pflegebedürftigen alle weiteren Kosten übernehmen. Dreht man das um – Pflegebedürftige zahlen eine bestimmte Summe als Sockel selbst, während die Versicherung die Spitze der darüber hinausgehenden Kosten übernimmt – wird die Lücke und damit die nötige Eigenvorsorge kalkulierbar. Dafür könnte ein kapitalgedeckter, staatlich gemanagter Vorsorgefonds eingerichtet werden, in den die Versicherten einzahlen, unterstützt durch steuerliche Förderung.
Das wäre eine mutige Reform. Es bleibt zu hoffen, dass die Koalition den Willen und die Kraft dazu hat.
Frankfurter Rundschau, 2.47.2025
…………………
Die Eigenanteile im Pflegeheim sind erneut gestiegen und liegen nunmehr im ersten Jahr des Aufenthalts bundesweit im Schnitt über der Marke von 3000 Euro pro Monat.
Das ist ein Betrag, den viele Betroffene nicht mehr aus der eigenen Rente bezahlen können, womit sie auf Sozialhilfe angewiesen sind. In diesem Fall bekommen sie für persönliche Ausgaben wie ein Stück Torte in der Cafeteria, einen Frisörbesuch oder ein kleines Geschenk für den Enkel nur noch ein monatliches Taschengeld von 152 Euro und einem Cent. Das ist eines Sozialstaates unwürdig.
Eines Sozialstaates unwürdig?
Ein Sozialstaat, der jetzt wieder mit der Axt an die Sozialausgaben will?
Ein Sozialstaat, der jetzt sogar an die Alten will? Denn die sollen für ein Taschengeld arbeiten, weil Unternehmer keinen ausreichenden Lohn bezahlen wollen?
Ein Sozialstaat, in dem eine sozialdemokratische und eine christliche Partei statt diese Unternehmer zu rügen diese in ihrem Tun sogar noch unterstützen und stattdessen ihre Medien auf Faulenzer schimpfen lassen?
Uns jetzt die Pflege.
Der letzte Satz geht am eigentlichen Dilemma vorbei: Es bleibt zu hoffen, dass die Koalition den Willen und die Kraft dazu hat.
Die Kraft hätte sie vielleicht. Aber die sie tragenden Parteien dürfen nicht. Denn sie halten ihre Hände auf. Sie lassen sich wie Strichjungen bezahlen. Sind also ihren Bezahlern verpflichtet.